Hörspiel des Monats/Jahres 2010

Hörspiel des Jahres 2010

© Memory Loops 2010
Memory Loops - Tonspuren zu den Orten des NS-Terrors in München
1933-1945

von Michaela Melián
Realisation und Komposition: Michaela Melián
Produktion: Bayerischer Rundfunk / Hörspiel und Medienkunst in Zusammenarbeit mit der Landeshauptstadt München / Kulturreferat Freie Kunst im öffentlichen Raum / 2010
Erstsendedaten: 26.09./03.10./10.10./17.10./24.10.2010
Längen: 56:21/56:14/56:37/57:07/58:14

www.hoerspielpool.de und www.memoryloops.net

26.03.2011 / 19.00 Uhr Preisverleihung im Literaturhaus Frankfurt
Schöne Aussicht 2, 60311 Frankfurt a. M.
27.03.2011 / 11.00 Uhr Präsentation des Hörspiels in der Stadtbibliothek Bensheim
Beauner Platz 3, 64625 Bensheim

Memory Loops ist ein akustisches Denkmal für die Opfer des Nationalsozialismus in München. Das als Audiokunstwerk konzipierte Projekt basiert auf historischen Originaltönen von NS-Opfern und Zeitzeugen: Zeugnisse von Diskriminierung, Verfolgung, Verdrängung und Verurteilung, die Menschen in München erleben mussten.

Fünf von insgesamt 300 Tonspuren entwickelte Michaela Melián weiter zu einstündigen Hörspielen: Erinnerungsschleifen, die sich über den ganzen Stadtraum legen. Diese Collagen wurden im September und Oktober 2010 auf Bayern 2 gesendet und unter hoerspielpool.de als Download angeboten. Das Zentrum des Kunstwerks ist die Webseite memoryloops.net, auf der die erfassten Erinnerungen in Form von 300 deutschen und 175 englischen Tonspuren zum Anhören und kostenlosen Download bereit liegen. Jede Spur ist eine Collage aus Stimme(n) und Musik, die thematisch auf einen Ort innerhalb der ehemaligen „Hauptstadt der Bewegung“ verweist. Alle Tonspuren sind in einer von der Künstlerin gezeichneten Topographie der Stadt zu finden.

Michaela Melián, Künstlerin und Musikerin, lebt in München und Hamburg. Sie lehrt als Professorin für zeitbezogene Medien an der Hochschule für bildende Künste (HfbK), Hamburg. Sie ist Mitglied der Band F.S.K. (Freiwillige Selbstkontrolle). Hörspiele: Föhrenwald (BR / kunstraum muenchen 2005), Speicher (BR in Zusammenarbeit mit den Münchner Kammerspielen 2008).

(s. Hörspiel des Monats Oktober)

Die Begründung der Jury

Dieses akustische Denkmal für die Opfer des Nationalsozialismus in München beeindruckt bereits durch seine Größe und historiografische Leistung. Michaela Melián hat in ihrem Projekt „Memory Loops“ – das mit Installationen und einer Onlinepräsenz über die fünf hier ausgezeichneten Hörspielstunden weit hinausgeht – Erinnerungen und Zeitdokumente, Verordnungen und Briefe zu einem Echoraum individuellen Terrors collagiert und damit die Erinnerungen Diskriminierter, Kriminalisierter und Eliminierter auf eine ganz unmittelbare Art zugänglich gemacht. Mit großer formaler Konsequenz, die nie Selbstzweck wird, hat Melián ein zunächst topografisches Ordnungsmuster gewählt, bündelt dann Opfergruppen, arbeitet mit verschiedenen Perspektiven, Verdichtungen, Wiederholungen und legt auf diese Weise Erinnerungsschleifen durch den Stadtraum, die vereinzelt auch über die Zeit des Nationalsozialismus hinausführen. Die nonverbalen Tonspuren schaffen Spannung ohne Effekthascherei. Die Schauspieler, die die Erinnerungen der NS-Opfer sprechen, finden ihnen gegenüber eine angemessene Haltung zwischen Distanz und Anverwandlung. „Memory Loops“ verändert und verunsichert den Blick auf die Stadt, schafft notwendige Differenzierungen im historischen Wissen um die NS-Geschichte und sichert den Opfern eine Gegenwart in München.

Dezember 2010

Franz Kafka © Klaus Wagenbach

Der Process

von Franz Kafka
Regie: Klaus Buhlert
Produktion: BR 2010
Erstsendedatum: 26.12.2010 - 06.01.2011
Länge: 621 Min. 

Das Hörspiel "Der Process" wird gleichzeitig nicht-linear, in Form von 16 files zum Download unter www.hoerspielpool.de angeboten.

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Die Begründung der Jury

In Franz Kafkas Romanfragment steht nichts auf sicherem Grund – alle vermeintlichen Gewissheiten, alle Erfahrung sind fraglich. Diese Hörspielfassung hat dafür die passende Form gefunden. Die Prosa wird nicht dialogisch aufgelöst, sondern als eine Textfläche präsentiert, wie man das heutzutage von den Werken Elfriede Jelineks kennt. Die acht Schauspieler übernehmen demnach keine klar konturierten Rollen, sie nähern sich statt dessen im Wechsel gemeinsam der eigenwilligen Wahrheit und Bedeutung dieser Geschichte an. Wobei es ihnen sehr gut gelingt, die Mehrdeutigkeiten, Widersprüche und Unwägbarkeiten herauszustellen. Der reduzierte Stil von Regisseur Klaus Buhlert vertraut ganz auf die Sprache, auf die Stimmen. Im Verzicht auf eine festgelegte Reihenfolge der Kapitel trägt das Hörspiel zum einen dem Charakter des Romanfragments Rechnung, zum anderen wertet es dadurch den Download als den am besten geeigneten Verbreitungsweg auf.

Lobend erwähnen möchte die Jury „Die Leiden des jungen Werther“ (RB), eine ebenfalls sehr genaue Literaturadaption, die in der Mündlichkeit dem Stoff noch einmal eine eigene Qualität abgewinnt, sowie „Auris Interna“ (SR), eine Produktion, die phantasievoll mit den Möglichkeiten von Fiktion und Dokumentation auf dem Feld der Geräusche spielt.

November 2010

liebesrap

von Gesine Schmidt
Regie: Jean-Cluade Kuner
Produktion: Deutschlandfunk
Erstsendedatum: 02.11.2010
Länge: 49:33

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Die Begründung der Jury

Gesine Schmidt hat sich mehr als ein halbes Jahr mit
zwei Jugendlichen beschäftigt, einem deutschstämmigen Mädchen und einem türkischstämmigen Jungen aus Berlin-Neukölln. Was Vanessa und Yusuf über die Ereignisse ihres Lebens in dieser Zeit erzählt haben, hat die Autorin zu ihrem Hörspiel „liebesrap“ verdichtet.

Die Härte der Sprache und die Härte des gelebten Beziehungs-Alltags der beiden zwischen Schule, Elternhaus und der Straße,  angesichts von Alkohol, Drogen und einer Abtreibung spiegelt und bricht sich in Szenen des „Romeo und Julia“-Hörspiels von 1949 mit Klaus Kinski und Traute Bendach in den Titelrollen.

Der Rappsong, den Yusuf für Vanessa geschrieben hat und den er immer wieder singt, und die eindringlichen Atmosphäre der verschiedenen Handlungsschauplätze wechseln einander ab und verbinden sich in den kurzen, stakkatohaften Sätzen der Jugendlichen.

Das Hörspiel ist ein intensives Panorama aus einem Armenviertel Neuköllns, verwoben mit dem emotionellen Aufbegehren in diesem großen Liebesepos.

Ein Einblick in das unsichere Leben von Vanessa und Yusuf, authentisch gesprochen von Katrin Wichmann und Johannes Schäfer, erzählt zu gleichen Teilen vom schwierigen Leben in einer migrantischen Gesellschaft und von der, für alle Zeiten gültigen, Hoffnung von Liebenden füreinander.

Die Poesie und der Alptraum des Alltages von Vanessa und Yusuf halten sich, dramaturgisch fein austariert, in diesem Liebesrapp die Waage.

Oktober 2010

© Memory Loops 2010

Memory Loops - Tonspuren zu den Orten des NS-Terrors in München 1933-1945

von Michaela Melián
Realisation: Michaela Melián
Komposition: Michaela Melián
Produktion: BR / Hörspiel und Medienkunst in Zusammenarbeit mit der Landeshauptstadt München / Kulturreferat Freie Kunst im öffentlichen Raum
Erstsendedaten: 26.09./03.10./10.10./17.10./24.10.2010
Längen: 56:21/56:14/56:37/57:07/58:14

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Die Begründung der Jury

Dieses akustische Denkmal für die Opfer des Nationalsozialismus in München beeindruckt bereits durch seine Größe und historiografische Leistung. Michaela Melián hat in ihrem Projekt „Memory Loops“ – das mit Installationen und einer Onlinepräsenz über die fünf hier ausgezeichneten Hörspielstunden weit hinausgeht – Erinnerungen und Zeitdokumente, Verordnungen und Briefe zu einem Echoraum individuellen Terrors collagiert und damit die Erinnerungen Diskriminierter, Kriminalisierter und Eliminierter auf eine ganz unmittelbare Art zugänglich gemacht. Mit großer formaler Konsequenz, die nie Selbstzweck wird, hat Melián ein zunächst topografisches Ordnungsmuster gewählt, bündelt dann Opfergruppen, arbeitet mit verschiedenen Perspektiven, Verdichtungen, Wiederholungen und legt auf diese Weise Erinnerungsschleifen durch den Stadtraum, die vereinzelt auch über die Zeit des Nationalsozialismus hinausführen. Die nonverbalen Tonspuren schaffen Spannung ohne Effekthascherei. Die Schauspieler, die die Erinnerungen der NS-Opfer sprechen, finden ihnen gegenüber eine angemessene Haltung zwischen Distanz und Anverwandlung. „Memory Loops“ verändert und verunsichert den Blick auf die Stadt, schafft notwendige Differenzierungen im historischen Wissen um die NS-Geschichte und sichert den Opfern eine Gegenwart in München.

Lobend erwähnen möchte die Jury die beiden Hörspiele „TACET (Ruhe 2)“ (WDR), eine kluge, sehr präzise Komposition über das Schweigen, sowie „Seelandschaft mit Pocahontas“ (HR), eine mimetisch clevere Übertragung von Arno Schmidts Roman.

September 2010

Vill Lachen Ohnewitz

Hörstücke nur aus Ortsnamen
von Judith Stadlin und Michael von Orsouw
Regie: Regine Ahrem
Produktion: rbb 2010
Erstsendung: 27.09.-01.10.2010
Länge je Folge: ca. 5'

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Die Begründung der Jury

Judith Stadlin, die seit den 1980er Jahren unzählige Tanz und Theater Produktionen realisiert hat, mit einem Schwerpunkt auf Textarbeiten und Michael von Orsouw, der ebenfalls seit den 1980er Jahren als Journalist Autor, Theater- und Ausstellungsmacher tätig ist, haben unter der Regie von Regine Ahrem, 5 abgründige,  kleine Geschichten aus vorgefundenem Wortmaterial komponiert.

Aus existierenden Ortsnamen destillieren sie Zusammenhänge und komplexe Geschichten.

Der surreale Irrwitz und die mentale Herausforderung dieser Hörstücke bereiten einen überraschend lustigen Hörgenuß.

Diese Texte über das Reisen, über Geld, von Macht und Liebe entfalten sich ausschließlich in den Ohren der Zuhörer. Würde man die Aneinanderreihung der deutschen, österreichischen und schweizer Ortsnamen vor sich sehen, erscheinen diese ohne narrativen Sinn:  Reisen. Machtenhof, Geldern, Leuthen und Liepe. Erst durch die gekonnte, emotional überzeichnete, lustvolle Betonung der beiden Sprecher und die wunderbar direkte Vertonung der Stücke entsteht Sinn im Gehör der Zuhörer.


Lobend erwähnen möchten wir auch die beiden Stücke

„Jakob mit dem grünen Ohr“ (MDR)

Ein Text, der in seinem Fluß direkt dem Denken eines Kindes entnommen scheint und kongenial gesprochen und vertont wurde.

 

Sowie das Stück

„Ostsee“ (BR)

Ostsee führt ein in die komplizierten Verbindungen der realen mit der virtuellen Welt der Gegenwart, und leistet so eine sehr genaue, aufklärerische Arbeit zum Thema zwischenmenschliche Beziehungsmöglichkeiten im Zeitalter des Internets. Die Vertonung, die auf die realen Orte des Geschehens verweist ist eindringlich und nimmt uns Hörer mit auf die Reise.

August 2010

Die Außerirdischen

von Friedemann Schulz
Regie: Ulrich Lampen
Dramaturgie und Redaktion: Peter Liermann
Produktion: hr 2010
Erstsendung: 29.08.2010
Länge: 57'27''

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Die Begründung der Jury

Die Pioniere der Weltraumfahrt sind in die Jahre gekommen. Was sie in ihrer Jugend als großes Pionierprojekt betrieben haben, ist zu einem relativ tristen Arbeitsalltag verkommen. Seit über zehn Jahren umkreist die Kommandantin Gerda mit ihrer Crew nun schon in der internationalen Raumstation ISS das Weltall. Kurz vor der Heimkehr erwarten sie letzten Besuch. Archie, ein Kollege Gerdas aus frühen Tagen, erscheint mit dem Schlagersternchen Maria. Und während unten Houston von der Medienindustrie übernommen wird, verdichten sich in dem kleinen Soziotop der Raumkapsel die je verschiedenen Utopien und Wünsche auf Erlösung, werden die Geschichten privaten Scheiterns offenbar.

Dies ist die Geschichte eines besonderen und höchst melancholischen Science Fiction, der amerikanische Ästhetik mit tarkovskischer Metaphysik kreuzt. Die christliche Motivik mag dabei etwas forciert betrieben werden, vollends überzeugend aber fand die Jury Produktion, Regie und Sprecher. Ohne viel Begleitgeräusche wird hier ein schwerelos schwerer Raum geschaffen, der die ganze Müdigkeit der Lebenssituation an Bord suggeriert. Die Besetzung der einzelnen Personen und die Stimmführung sind außerordentlich gelungen. Das Mit- und Zueinander der Stimmen und Erzählungen geben dem Personal deutliches Profil und erzeugen bei aller Lakonik hohe Spannung.

Juli 2010

Die Vögel
nach Oskar Sala
von Andreas Ammer und Console
Redaktion: Martina Müller-Wallraf
Produktion: WDR/Deutsches Museum München 2010
Erstsendung: 12.07.2010
Länge: 53'35''

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Die Begründung der Jury

Obwohl das Sujet des Hörstücks „Die Vögel“ nach Oskar Sala von einem Film herrührt, ist es ein zutiefst akustisches. Andreas Ammer und Console legen offen, was man beim Betrachten von Alfred Hitchcocks Film meist nur unterschwellig registriert: Dass die Geschichte maßgeblich über den Ton erzählt wird, nicht über die Bilder. Im gleichen Maß, wie sie den Film adaptieren, ist ihr Stück auch ein künstlerisches Feature über Oskar Sala und dessen Mixturtrautonium, mit dem der Elektronikpionier den Sound zu „Die Vögel“ erschaffen hat. Und: eine eigenständige Klangkomposition. Denn die Autoren bearbeiten die im Deutschen Museum in München archivierten Klänge Salas zu einer neuen Tonspur für ihre „Vögel“-Fassung, in die überdies Interviews mit Hitchcock und die Autobiographie der Schauspielerin Tippi Hedren auf originelle Weise eingebaut sind.

Lobend erwähnen möchte die Jury „Die ganz genaue Erinnerung“ von Michael Lentz (BR), eine kluge und amüsante Befragung personaler Kindheitserinnerungen, die ihre authentischen wie fiktionalisierten Anteile im Wortsinne ausspielt.

Juni 2010

Es, im Zustand wie gesehen
Teile 1 und Teil 2
von Thomas Mon
Regie: Franz Mon
Dramaturgie & Redaktion: Manfred Hess
Produktion: hr 2010
Erstsendung: Teil 1, 2. Juni 2010, 21:30, Länge: 59'28'';
Teil 2, 9. Juni 2010, 21:30 Uhr, Länge: 72'11''

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Die Begründung der Jury

Die Versuchsanordnung des Stückes von Franz Mon, das er selbst inszeniert hat, wirkt erst einmal bemüht: Eine Geschichte zu erzählen, die anfangs vom Buchstaben A dominiert wird, ehe sich das B nach vorne drängt und so weiter, bis zum Z. Desto höher ist einzuschätzen, dass sich der Esprit von „Es, im Zustand wie gesehen“ nicht in dieser gewitzten Idee erschöpft. Sondern Mon sie überführt in ein Fest der – gerade auch: gesprochenen – Sprache: Als Ganzes gesehen ist die Geschichte nah am Nonsens, und doch geht ein Gedanke logisch aus dem vorherigen hervor, so dass immer neue, zündende Sinnbezüge entstehen. Es sind Satzkaskaden, die man sprechen respektive hören muss, damit sie ihre ganze Wirkung entfalten, weshalb das Hörspiel mit seinen Möglichkeiten der Rhythmisierung von Sprache die angemessene Form ist für diesen ebenso genauen wie verspielten Text. Da jedes Inhaltswort nur einmal auftaucht, zeigt Mon zudem, wie reich das Deutsche ist; über welch schöne, dabei selten gehörte Wörter es gebietet.

Lobend erwähnen möchte die Jury die Produktion „Das Geisterhaus“ (SWR) als eine vitale und sorgfältig inszenierte Literaturadaption.

Mai 2010

Herzrhythmusgeräusche
von Thomas von Steinaecker
Komposition: Simon Stockhausen
Realisation: Bernadette Sonnenbichler/Thomas Steinaecker
Länge: 57.00
Dramaturgie: Katarina Agathos
Produktion: BR 2010
Erstsendung: 30.05.2010

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Die Begründung der Jury

Thomas von Steinaecker erzählt in seinem Hörspiel die Geschichte eines alten Mannes, der mit einem phänomenalen Gehör gesegnet – oder muss man sagen: geplagt ist. Steinaecker gelingt es, gemeinsam mit seiner Co-Regisseurin Bernadette Sonnenbichler und dem Komponisten Simon Stockhausen, die Text- und die Tonebene dieser Produktion sehr organisch miteinander zu verweben, das Verbale und das Nonverbale gleichermaßen wichtig zu nehmen. Die Verschärfung der akustischen Wahrnehmung und die gleichzeitige Dramatisierung des totalen Hörens führen zu einem veränderten Begreifen von Welt und machen „Herzrhythmusgeräusche“ zu einer ungewöhnlich radiophonen Produktion.

Daneben möchte die Jury noch zwei Hörspiele lobend erwähnen: „Von der Fülle und der Leere“ (Radio Bremen) für die eindringliche Innerlichkeit, mit der Texte des mittelalterlichen Mystikers Johannes Tauler dargeboten werden, sowie „Vor Sonnenaufgang“ (WDR), eine präzise rhythmisierte Horrorgeschichte.

April 2010

Foto: Drobeck

Prima La Donna
von Thomas Voigt
Komposition: Ralf Haarmann
Regie: Thomas Wolfertz
Länge: 53’18
Produktion: WDR
Erstsendung: 05.04.2010

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Die Begründung der Jury

Thomas Voigt, Filmemacher und Autor aus Köln, ist ein großer Liebhaber und ein Kenner der Oper – und ihrer Künstlerinnen. Vier der ganz großen Sängerinnen des letzten Jahrhunderts – Elisabeth Schwarzkopf, Leonie Rysanek, Ljuba Welitsch und Martha Mödl (für ihn nur die Schwarzkopf, die Rysanek, die Welitsch und die Mödl) – ist er über Jahre immer wieder begegnet und verfügt über zahlreiche Interviewmitschnitte. Sie und klug ausgewählte Gesangsbeispiele bilden die Grundlage für eine hinreißende Produktion an der Schwelle zwischen künstlerischem Feature und Hörspiel, die sich selbst wie eine kleine Oper über die Diva hören lässt, mit Aufstieg und Fall, Intrigen und (Isoldes Liebes-) Tod. Die dazwischen wie spontan gesprochenen Erinnerungen des Autors sind von einer ebenso guten Kenntnis der Personen, von Verehrung, wie auch von einer feinen Ironie geprägt.

Das Verhältnis zur Musik und einzelnen Rollen, Erfolge und Misserfolge, das Verhältnis zu Männern, aber auch das zur Primadonna Assoluta, Maria Callas, und schließlich die Erfahrung des Alterns und die Nähe des Todes, all das wird Thema und organisiert die Auswahl der Interviewausschnitte. Es ist zauberhaft, wie über die Montage dieser meist kurzen Beiträge das sehr unterschiedliche menschliche wie künstlerische Profil der Künstlerlinnen deutlich wird. Und zugleich eine große, je eigene Kraft der Primadonna als ein Charakter des 20. Jahrhunderts. Die leichte wie sichere Form des Hörspiels und ihre zwingend radiophone Umsetzung haben die Jury überzeugt und begeistert.

März 2010

Deutschlandradio/Philip Glaser

Huckleberry Finns Abenteuer
Teile 1 bis 5
Hörspiel nach Episoden aus Mark Twains gleichnamigem Roman
Bearbeitung und Regie: Alexander Schuhmacher
Länge: alle Teile bis ca. 55’30
Produktion: Deutschlandradio Kultur 2010
Erstsendung: 10.03./17.03./24.03./31.03/07.04.2010

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Die Begründung der Jury

Die in doppelter Hinsicht frische Übersetzung von Mark Twains »Tom Sawyer und Huckleberry Finn« durch Andreas Nohl bildet die Grundlage der fünfteiligen Hörspieladaption »Huckleberry Finns Abenteuer«, die Deutschlandradio Kultur mit liebevollem und klugem Sinn für die Vorlage produziert hat. Der zweite Teil des Kinderbuchklassikers von 1884 schildert die Reise von Huck, angefangen bei der Flucht von Tante Polly, den verschiedenen Stationen auf der Floßfahrt den Mississippi hinab mit dem Neger Jim und all den zufälligen Reisebegleitern bis hin zur Wiedervereinigung mit Tom Sawyer.

Die Produktion greift Traditionen von Kinderhörspielen auf, was besonders in den Sprechweisen und in der Inszenierung der Szenen und Räume erkennbar ist und bringt zugleich der Radio-Öffentlichkeit ein großes Stück Weltliteratur nahe, tatsächlich ein Hörspiel für groß und klein. Mit den eingeschobenen, fiktiven Gesprächen mit Mark Twain auf Englisch wird die Tonart des Amerikanischen präsent und ein Bewusstsein für die Qualitäten der Übersetzung geschaffen. Südstaatenkolorit entsteht zudem durch die eigens komponierten Stücke der Ambrosius Stompers. Dramaturgisch durchaus komplex, aber auf stringente Weise und mit erkennbarem Spaß und großer Souveränität wurde hier produziert. Textfassung ebenso wie Ton und Musik gewinnen dabei eine jeweils eigenständige Kontur.

Hervorheben möchte die Jury aus der durchweg starken Konkurrenz des Monats März zudem noch Björn Bickers »Kingdom auf schön« (BR) und Werner Cees »Winterreise featuring Schubert‘s Winterreise« (hr).

Februar 2010

Alles ist Erpel
von Holger Siemann
Regie: Gabriele Bigott
Produktion: RBB 2009
Länge: 52’58
Erstsendung: 19.02.2010

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Die Begründung der Jury

Holger Siemann hat ein Schelmenstück geschrieben. Eine alte, deutsche Frau trifft auf eine junge, kroatische Frau, sie freunden sich an, schon bald zieht die Kroatin bei der Deutschen ein. Beide sind liebenswert in ihrer Gaunerhaftigkeit: Einerseits tun sie sich aus Einsamkeit zusammen, andererseits versuchen sie sich – die eine ist sich dessen weniger, die andere stärker bewusst – gegenseitig über den Tisch zu ziehen. Die in ihrem Timing überzeugende Inszenierung von Gabriele Bigott behält durchweg ihre Leichtigkeit, obgleich es um Liebe und Tod, Betrug und die Freundschaft zwischen zwei Frauen geht, um ein biographisches Lebensganzes, das sie sich gegenseitig erzählen. Ein moralischer Kern ist dabei erkennbar, es geht um die Mühen der Selbstbehauptung. Zuvorderst ist die Produktion jedoch ein sympathisch trashiges Stück. Der skurrile Tonfall wird stringent durchgehalten, auch von den Sprechern – in den Hauptrollen Ursula Werner und Winnie Böwe.

Januar 2010

Die Frau und die Stadt
von Gerlind Reinshagen
Regie: Andrea Getto
Musik: Sabine Worthmann
Dramaturgie & Redaktion: Peter Liermann
Erstsendung: 20.01.2010, 21.30 Uhr
Länge 59‘30“
Produktion: hr 2010

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Die Begründung der Jury

Ein fiktiver innerer Monolog der Dichterin Gertrud Kolmar, die die Berliner Siegessäule besteigt, um sich zu Tode zu stürzen – als ein Akt der Selbstbestimmung angesichts der Gewissheit, in absehbarer Zeit in einem nationalsozialistischen Vernichtungslager getötet zu werden. Und sich, oben angekommen, doch entscheidet umzukehren und abzusteigen. Das Hörspiel von Gerlind Reinshagen, die dafür eine strenge formale Handlungs- und Motivstruktur gewählt hat, beschreibt ein Moment ästhetischen Widerstands und hat dabei weder etwas Selbstmitleidiges, noch setzt es auf schlichte Betroffenheit eines solchen Holocaust-Themas. Vielmehr erzählt das Stück subtil; nicht nur von Bedrohung, Ohnmacht, Angst, sondern auch von einer Todessehnsucht, von der Liebe zu dieser Stadt, vom Mut einer Frau, sich unter widrigsten Umständen persönliche Freiräume abzustecken. Die Rolle der Kolmar, deren Persönlichkeit Gerlind Reinshagen präzise abbildet, ist mit Angela Winkler hervorragend besetzt: Ihre zarte, zerbrechliche Stimme macht das Ausmaß der Willensstärke, der Unerschrockenheit und der Reflektiertheit dieser Figur auf besondere Weise begreifbar.