Hörspiel des Monats/Jahres 2011

Hörspiel des Jahres 2011

zum Hörspiel 2011 des Jahres wurde gewählt:

Vier Lehrmeister

von Liao Yiwu
Übersetzung aus dem Chinesischen: Hans Peter Hoffmann, Brigitte Höhenrieder, Martina Hasse
Komposition und Realisation: Liao Yiwu / Hörspielbearbeitung: Hilke Veth
Regie: Andrea Getto
Hörspielbearbeitung: Hilke Veth
Erstsendedatum: 28.08.2011
Länge 69'43''
Produktion: NDR 2011

siehe Hörspiel des Monats August

Liao Yiwu erhält 2012 auch den Friedenspreis des deutschen Buchhandels: http://www.boersenverein.de/445651/

Die Begründung der Jury

Schon in seinem deutschsprachigen Debütwerk »Fräulein Hallo und der Bauernkaiser. Chinas Gesellschaft von unten« (2009) gelang Liao Yiwu eine grandiose Verdichtung. Er fokussierte in seinen Gesprächen und Interviews den Blick auf die Marginalisierten, die Unerwünschten und Ausgestoßenen Chinas und ermöglichte so eine neue, präzisere Perspektive auf ein Land, in dem eine rasante Modernisierung und Industrialisierung gerade nicht einhergehen mit politischer Freiheit und sozialer Gerechtigkeit.

Liao Yiwus Hörspiel »Vier Lehrmeister« geht noch einen Schritt weiter: Es präsentiert keine Ausschnitte aus dem Buch, sondern verknüpft exemplarische Geschichten mit der Biographie des Autors. Der Chronist des Abseits und des zähen Überlebenskampfes gehört selbst zu den Unerwünschten. Dynamisch und dennoch sehr ruhig, unaufgeregt, aber nicht gelassen, ganz auf die Dramatik, die schon im Erzählstoff selbst begründet ist, vertrauend verknüpft er vier Einzelschicksale mit den Lektionen, die ihm seine vier großen Lehrmeister erteilten. Das sind: der Hunger; die Schande, ausgeschlossen zu sein und zu den Geächteten zu zählen; die Obdachlosigkeit; schließlich das Gefängnis.

Aus diesen Positionen des Abseitigen – eines Ortes, der tatsächlich im Zentrum der modernen chinesischen Gesellschaft liegt – gelingen ihm höchst individuelle und dennoch (deswegen?) generelle Aussagen. Liao Yiwu erzählt ohne Zorn, ohne Wut, seine Montagen sind nicht plakativ. Gerade in der stillen, in sich ruhenden Dramaturgie wird der Abgrund der gesellschaftlichen Entfremdung offenbar.

»Vier Lehrmeister« ist ein hartes, überaus konzentriertes, reduziertes, im besten Sinne karges Hörspiel, dessen überlegt eingesetzte künstlerische Mittel dazu verführen, auf jede Nuance zu achten. Es entwickelt in seinem weit gespannten Rhythmus einen ungeheuren Sog – bis man meint, die chinesisch vorgetragenen Gedichte Liao Yiwus unmittelbar zu verstehen.

Dezember 2011

Tim Staffel
Das Verlorene Paradies
von Tim Staffel
Komposition: Alexandra Holtsch
Sounddesign: Jochen Jezussek
Redaktion: Martina Müller-Wallraf
Erstsendedatum: 17.12.2011
Länge 53'30''
Produktion: WDR 2011

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Die Begründung der Jury

„Das verlorene Paradies“ ist eine Dreiecksgeschichte, die von der Hölle der Einsamkeit erzählt. Der junge Halim lebt auf den Straßen einer Großstadt, wo er in der Rangordnung ganz unten steht. Völlig am Ende, als Bettler beschimpft und vertrieben, der Willkür seines Freiers Simon ausgeliefert, begibt er sich auf eine Pilgerreise mit nichts als John Miltons „Paradise Lost“ im Gepäck. Miltons Verse dienen ihm als eine Art Leitfaden bei dem Versuch, sich das eigene Gefallen-Sein zu erklären und im Streit mit Gott dessen Ordnung der Welt zu begreifen. Seine Hoffnung ist, am Ende ein anderer zu sein und sich selbst vergeben zu können. Er landet vor den Toren der Stadt im Garten von Lynn, die ihn spontan aufnimmt, mit ihm einen Tag am See verbringt und ihn einlädt, zu bleiben. Die zarte Annäherung zwischen Halim und der kinderlosen Frau, die sich vor ihrem Mann und dem Scheitern ihres Lebensentwurfs als Künstlerin aufs Land zurückgezogen hat, findet ein jähes Ende, als Lynns Mann zu Besuch kommt. Nicht ahnend, dass Simon ein sexuelles Verhältnis mit Halim hat, schickt sie die beiden auf einen Ausflug in den Wald. Es kommt zum Kampf zwischen den Männern, in dem Simon von Halim verletzt wird und stirbt. Der Höllensturz des gefallenen Engels war nicht aufzuhalten. In poetisch überhöhten und mythisch aufgeladenen Bildern, in der Spannung zwischen Tag und Nacht, Wildnis und Zivilisation, beschwört Staffel mit prägnanten Sprechern und unterstützt durch die Komposition von Alexandra Holtsch die Verlorenheit in einer Welt der unversöhnlichen Gegensätze, einer Welt ohne Liebe herauf. Zum herausragenden Hörerlebnis wird das Hörspiel durch ein außerordentlich plastisches, hyperrealistisches Sounddesign (Jochen Jezussek), das nicht nur Aufnahmen von Alltagsgeräuschen an Originalschauplätzen in Innen- und Außenräumen, von Vogel- und anderen Tierstimmen, sondern vor allem auch des Atems als Ausdruck der menschlichen Leiblichkeit und Sterblichkeit zum entscheidenden Gestaltungselement macht.

November 2011

ALexander Kluge (c)Markus Kirchgässner
Die Pranke der Natur (und wir Menschen) / Das Erdbeben von Japan, das die Welt bewegte, und das Zeichenvon Tschernobyl (2 Teile)
von Alexander Kluge
Bearbeitung und Regie: Karl Bruckmaier
Komposition: Gustav, Ikue Mori, Alva Noto
Dramaturgie: Katarina Agathos / Herbert Kapfer
Erstsendedatum: 26.11.2011
Länge 53'50'' / 51'49''
Produktion: BR 2011

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Die Begründung der Jury

Hörspiel als Reflexion aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen und Diskussionen, das gelingt vorbildhaft in Karl Bruckmaiers Bearbeitung von Texten Alexander Kluges in dem Stück "Die Pranke der Natur (und wir Menschen)/ Das Erdbeben in Japan, das die Welt bewegte, und das Zeichen von Tschernobyl", das der Bayerische Rundfunk in zwei jeweils rund einstündigen Teilen ausstrahlte. Das Hörspiel beeindruckt durch seinen Formenreichtum - da hören wir die musikalische Performance von "Gustav", die ironisch Mutationen beschwört oder im Hawaii-Stil "ein mächtiges Beben" besingt, das nicht verhindert, dass sich auch danach alles regt und bewegt wie zuvor. Der Tsunami und die Atomkatastrophe von Japan finden sich im Gang der Erd- und Menschheitsgeschichte wieder, denn kurz vor dem Desaster von Fukushima haben japanische Forscher herausgefunden, dass tausend Jahre zuvor eine ähnliche Welle für Verheerungen gesorgt haben muss: Diese Informationen löst das Hörspiel in einer Vielzahl von Sprechertexten und Dialogszenen auf. Und schließlich ist da noch der unnachahmliche Alexander Kluge selbst, der vom Glockenschlag der atomaren Explosionen spricht und von deren kosmischer Bedeutung; Kluge, ein Technologiekritiker auf der Höhe der Zeit, ein wacher Kommentator und origineller Historiograph, der in Karl Bruckmaier einmal mehr einen Kollaborateur gefunden hat, der seinen Gedanken Stimme und Töne verleiht.

Oktober 2011

Agnieszka Lessmann; Foto privat
MÖRDER
von Agnieszka Lessmann
Komposition: Gerd Bessler
Regie/Realisation: Christine Nagel
Erstsendedatum: 30.10.2011
Länge 67'40''
Produktion: DLF/SWR 2011

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Die Begründung der Jury

»Mörder« wählt eine ungewohnte, paradox konstruierte, kindlich-naive Perspektive auf den Schrecken der Geschichte: auf die Verfolgung und Vernichtung der Juden durch das nationalsozialistische Deutschland, aber auch auf die antisemitische Drohkulisse, die der Realsozialismus in Polen braucht, um seine Herrschaft zu stabilisieren. – Das, was dabei unausgesprochen bleibt, gefiltert durch die Wahrnehmung eines Kindes, wird als tatsächliche Grausamkeit vorstellbar. Es sind Andeutungen, bestimmte Redeweisen der Eltern, merkwürdige Personen, verbogene, ungerade Lebensläufe, durch die sich der Antisemitismus vermittelt – Agnieszka Lessmann setzt die dramaturgischen Mittel sparsam, aber sehr genau ein. Trotzdem ist »Mörder« fast schon heiter, wird es doch aus der Sicht eines Mädchens erzählt, das nicht eingeschüchtert ist, sondern mit der Kindern eigenen bewundernswerten Hartnäckigkeit und Furchtlosigkeit die Welt sich erobert. »Mörder«ist auch Ausdruck einer souveränen, dabei immer gewitzten Selbstbehauptung.

Die sechsjährige Aga muss 1968 ihr Heimatland Polen verlassen und flieht mit ihren Eltern über den Umweg Israel nach Deutschland. Dort landet die Familie in Frankfurt, einem Wohnhaus der jüdischen Gemeinde. Die Erzählung ist gelassen, undramatisch – gerade weil die Umstände so dermaßen aufgeladen sind. »Mörder« zeigt, wie Agas Eltern und ihre polnische Großmutter ihr ein unbeschwertes Leben ermöglichen wollen und dies den nach wie vor nicht angstfreien, immer noch von Ausgrenzung geprägten Umständen abtrotzen. »Mörder« zeigt aber auch, wie Aga das Heft selbst in die Hand nimmt und mit Hilfe des damals beliebten Fernsehkommissars Erik Ode sich daran macht, das Rätsel aufzuklären, wo die Mörder in jenem »Land der Mörder«, von dem ihre Eltern sprechen, geblieben sind. Agnieszka Lessmanns Stück ist doppelbödig: Man möchte den kleinen Abenteuern Agas folgen und glaubt auch für einen Moment, dass es die typischen Abenteuer einer Sechsjährigen sind. Das stimmt ja auch – und es stimmt nicht. Unter der Oberfläche einer linear erzählten, einfachen Geschichte entfaltet Lessmann eine ungeheure Spannung, die einen immer wieder bewusst macht, dass hier nichts ein Kinderspiel ist.

September 2011

Philine Vehlhagen
Folge dem Schein
von Philine Velhagen
Musik: Gregor Schwellenbach
Realisation: Philine Velhagen
Redaktion: Isabel Platthaus
Erstsendedatum: 26.09.2011
Länge 53'14''
Produktion: WDR 2011

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Die Begründung der Jury

Philine Velhagens Hörspiel „Folge dem Schein“ basiert auf einem originellen (Selbst-) Experiment der Kölner Regisseurin: Sie hat sich vorgenommen, mindestens drei Tage lang einen Zehn-Euro-Schein zu verfolgen, den sie selbst in einem kleinen Einzelhandelsgeschäft in Köln in Umlauf bringt. Die Spielregeln sind einfach. Aber das unkalkulierbare Risiko und damit der Reiz dieses Hörspiels bestehen darin, dass nicht absehbar ist, ob sich die Menschen, in deren Besitz der Zehn-Euro-Schein gelangt, bereit finden werden, mitzuspielen. Doch bei dieser vom Prinzip des Zufalls geleiteten Intervention in die anonyme Zirkulation des Geld- und Warenverkehrs trifft Philine Velhagen überwiegend auf Neugier und die Großzügigkeit vieler unterschiedlicher Personen. Sie gestatten ihr, sie ein Stück des Weges zu begleiten und gewähren ihr dabei Einblick in ihren Alltag und ihre privaten Verhältnisse. Velhagens Kunst besteht darin, diesen zufälligen Alltagsbegegnungen ihre jeweiligen Eigenheiten, ihre individuellen Klänge und Farben zu entlocken und bei aller Disparität des Materials eine spannende Erzählung zu konstruieren. Nach einem ersten Fehlstart in einem Schreibwarenladen und einem plötzlichen Abbruch, nach dem ein zweiter Zehner gestartet werden muss, beschleunigt die Geschichte und nimmt schließlich Fahrt auf zu einem faszinierenden, akustischen Roadmovie. Neben O-Tönen, in denen die Regisseurin ihren Mitspielern die Regeln erklärt, und Gesprächsaufzeichnungen, stehen Off-Kommentare Velhagens und der Mitspieler, allerlei statistische Informationen zum Thema Geld sowie Passagen aus dem Märchen vom Dummling, der mit einer goldenen Gans sein Glück macht. Die Musik von Gregor Schwellenbach verleiht den Alltagsbegebenheiten atmosphärischen Glanz und Spannung, indem sie wirkungsvoll dramatisiert und feine, ironische Untertöne setzt. Als es Velhagen gelingt, in die Wohnung eines Scheinbesitzers in Bonn mitgenommen zu werden, schrickt sie vor zu großer Nähe und Vertrauensseligkeit zurück. Gleich darauf träumt sie davon, mit der Kollekte eines Gottesdienstes nach Moldawien zu reisen, landet aber schließlich nur in München, wo die Kinder eines Scheinbesitzers misstrauisch beäugen, wie ihr Vater mit einer fremden Frau beim Metzger einkaufen geht. Velhagens Bericht endet jäh mit einem Leberkäs- Brot und der wehmütigen Erkenntnis, dass sie nicht ihr ganzes Leben damit verbringen könne, dem Schein zu folgen und auf diese Weise immer neue, fremde Leben mit zu leben.

August 2011

Liao Yiwu
Vier Lehrmeister
von Liao Yiwu
Übersetzung aus dem Chinesischen: Hans Peter Hoffmann, Brigitte Höhenrieder, Martina Hasse
Komposition und Realisation: Liao Yiwu / Hörspielbearbeitung: Hilke Veth
Regie: Andrea Getto
Hörspielbearbeitung: Hilke Veth
Erstsendedatum: 28.08.2011
Länge 69'43''
Produktion: NDR 2011

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Die Begründung der Jury

Schon in seinem deutschsprachigen Debütwerk »Fräulein Hallo und der Bauernkaiser. Chinas Gesellschaft von unten« (2009) gelang Liao Yiwu eine grandiose Verdichtung. Er fokussierte in seinen Gesprächen und Interviews den Blick auf die Marginalisierten, die Unerwünschten und Ausgestoßenen Chinas und ermöglichte so eine neue, präzisere Perspektive auf ein Land, in dem eine rasante Modernisierung und Industrialisierung gerade nicht einhergehen mit politischer Freiheit und sozialer Gerechtigkeit.

Liao Yiwus Hörspiel »Vier Lehrmeister« geht noch einen Schritt weiter: Es präsentiert keine Ausschnitte aus dem Buch, sondern verknüpft exemplarische Geschichten mit der Biographie des Autors. Der Chronist des Abseits und des zähen Überlebenskampfes gehört selbst zu den Unerwünschten. Dynamisch und dennoch sehr ruhig, unaufgeregt, aber nicht gelassen, ganz auf die Dramatik, die schon im Erzählstoff selbst begründet ist, vertrauend verknüpft er vier Einzelschicksale mit den Lektionen, die ihm seine vier großen Lehrmeister erteilten. Das sind: der Hunger; die Schande, ausgeschlossen zu sein und zu den Geächteten zu zählen; die Obdachlosigkeit; schließlich das Gefängnis.

Aus diesen Positionen des Abseitigen – eines Ortes, der tatsächlich im Zentrum der modernen chinesischen Gesellschaft liegt – gelingen ihm höchst individuelle und dennoch (deswegen?) generelle Aussagen. Liao Yiwu erzählt ohne Zorn, ohne Wut, seine Montagen sind nicht plakativ. Gerade in der stillen, in sich ruhenden Dramaturgie wird der Abgrund der gesellschaftlichen Entfremdung offenbar. »Vier Lehrmeister« ist ein hartes, überaus konzentriertes, reduziertes, im besten Sinne karges Hörspiel, dessen überlegt eingesetzte künstlerische Mittel dazu verführen, auf jede Nuance zu achten. Es entwickelt in seinem weit gespannten Rhythmus einen ungeheuren Sog – bis man meint, die chinesisch vorgetragenen Gedichte Liao Yiwus unmittelbar zu verstehen.

Juli 2011

Ergo Phizmiz
Disappearing Boxes - Meine Operngeschichte
von Ergo Phizmiz
Realisation: Ergo Phizmiz
Redaktion: Markus Heuger
Erstsendedatum: 01.07.2011
Länge 50'
Produktion: WDR 2011

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Die Begründung der Jury

Ergo Phizmiz ist ein 30jähriges Multitalent aus Großbritannien, das sich in „Disappearing Boxes“ auf die Spurensuche nach seiner frühen Karriere als Opernkomponist begibt. Außer ein paar Zeitungsschnipseln und einem BBC-Interview ist von ihr nur die Aufnahme einer Ouvertüre erhalten. Seine skurrile, autofiktionale Operngeschichte handelt von einem schüchternen Jungen, der angefeuert von seiner Verehrung für Monteverdi im Alter von 10 Jahren beschließt, Opern zu komponieren – geradeso wie er als Vierjähriger davon überzeugt war, Popeye zu sein.

Ohne klassische Ausbildung bestand sein musikalisches Training darin, zuhause die immergleichen Stücke zu hören, die die Musikschüler seines Vaters tagtäglich während des Orgelunterrichts in endlosen Variationen spielten. Gepaart freilich mit der Begeisterung für technische Möglichkeiten wie Highspeed-Dubbing oder Multitracking, die ihm vierspurige Tonbandgeräte und Computer eröffneten. Seine erste Oper, eine Farce, die in einer Pizzeria spielt und die der 13-jährige Schüler mit dem Schulorchester zur Aufführung brachte, bescherte ihm zweifelhaften Ruhm als „Boy-Genius“. Mit 16 Jahren gab er das Komponieren bereits wieder auf, wurde Standup-Comedian und kehrte erst über seine vielfältigen, musikalischen Experimente mit 30 zum Opernschreiben zurück. Ergo Phizmiz findet für seine selbstironische Erzählung, die wie nebenbei auch eine geniale Dekonstruktion der hochkulturellen Gattung Oper ist, eine wunderbare Balance zwischen Text und Musik. Musik ist für ihn frei nach Lewis Carroll „Auto-Boojum“: sie existiert nur, wenn sie aufgeführt wird, begeht also mit jeder Aufführung schleichenden Selbstmord. Diese Faszination für die flüchtige Existenz der Musik durchzieht die schillernde, sich aus scheinbar unerschöpflichen Quellen speisende Sound- und Musikcollage, die dieses Hörspiel zu einem einzigartigen, akustischen Vexierspiel macht.

Juni 2011

Raoul Schrott, (C) privat
Die Blüte des nackten Körpers
Musikalisches Spiel nach Liebeslyrik aus dem alten Ägypten von Raoul Schrott
Einrichtung / Komposition / Realisation: Hermann Kretzschmar/ Catherine Milliken / Dietmar Wiesner
Erstsendung: 03.06.2011
Länge 44‘23“
Produktion: SWR/hr 2011

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Die Begründung der Jury

Das musikalische Hörspiel „Die Blüte des nackten Körpers“ ist ein komplexes Geflecht aus der aktualisierenden Nachdichtung altägyptischer Liebeslyrik durch Raoul Schrott und den Kompositionen von HCD, ein Kürzel, hinter dem sich Hermann Kretzschmar, Catherine Milliken und Dietmar Wiesner, allesamt Mitglieder des renommierten Ensemble Modern, verbergen. Wie schon bei der „Ilias“ und beim „Gilgamesch“-Epos befreit Schrott die Gedichte aus ihrer philologischen Musealität. Sehnsucht und Eifersucht, Lust und Schwärmerei, all dies wird in einer handfesten, zupackenden Diktion zur Sprache gebracht, wobei die beiden Sprecher Sandra Bayrhammer und Markus Meyer durchaus schon mal ins Singen geraten können. Das Hörspiel besitzt entsprechend hohe sinnliche Qualität. HCD verleihen ihren Kompositionen für Klarinette, Kontra- und E-Bass, Perkussion, Kanun (eine arabische Form der Zither) und Birbyne (ein litauisches Blasinstrument) eine orientalische Anmutung, ohne ins Folkloristische zu verfallen. Text und Musik reagieren präzise aufeinander, mitunter weitet sich die Rezitation zum szenischen Panorama, aufs Ganze des Hörspiels gesehen, ergibt sich ein schönes Wechselspiel aus poetischer Kontemplation und Ekstase.

Mai 2011

Im Bild versinken
Giuseppe Zigaina und Pier Paolo Pasolini
von Klaudia Ruschkowski und Giuseppe Maio
Regie: Giuseppe Maio
Erstsendung: 29.05.2011
Länge 88‘02“
Produktion: Deutschlandradio Kultur 2011

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Die Begründung der Jury

Klaudia Ruschkowski und Giuseppe Maio haben den 84-jährigen Maler und Dichter Giuseppe Zigaina in seinem Haus in Cervignano im Friaul, der nordöstlichsten Region Italiens besucht, um mit ihm über seine Freundschaft zu Pier Paolo Pasolini zu sprechen. Den Schlüssel zu dieser Verbindung finden die Autoren in der Landschaft, in der sowohl Zigaina als auch Pasolini aufgewachsen sind und wo Zigaina bis heute lebt. Leitmotivisch beginnt das Hörstück mit einem Ausschnitt aus Pasolinis „La Divina Mimesis“, einer Nachdichtung der ersten Verse aus Dantes „Inferno“ aus der „Göttlichen Komödie“. Dieser Text verweist subtil auf die eigentliche Sensation dieses Hörstücks, das sich auf Spurensuche in dieser, wie Pasolini sie nannte, „ontologischen“ Männer- und Künstlerfreundschaft begibt und dabei auf einen intellektuellen Krimi stößt: Zigaina hat nach dem Tod Pasolinis nicht nur 22 Bücher über den Freund und dessen Werk geschrieben, sondern entschlüsselt die bis heute rätselhaften Umstände der Ermordung Pasolinis als organisierten Selbstmord.

In einer vielschichtigen Montage aus Gesprächs-O-Tönen, Ausschnitten aus literarischen Texten, historischen Dokumenten, historischen Schallplattenaufnahmen von friaulischen Volksliedern und weiterer Musik entsteht eine poetisch dichte Gedankenlandschaft, die zugleich Künstlerporträt und Zeitdokument ist und den Zuhörer unmittelbar in den Bann zieht. Dabei sind es insbesondere der Klang und die Wärme von Zigainas Stimme, die Musikalität seines Italienisch’ und die authentische Atmosphäre der Gesprächsaufzeichnung in Zigainas Haus und Garten, die dem Hörerlebnis eine ganz eigene Intimität und Sinnlichkeit verleihen.

April 2011

Oliver Wnuk
Der Aufstieg und Fall des Siggi S.
Hörspiel in alemannischer Mundart von Oliver Wnuk
Regie: Mark Ginzler
Musik: Martin Bezzola
Erstsendung: 09.04.2011
Länge 60‘40“
Produktion: SWR Studio Freiburg 2011

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Die Begründung der Jury

Im Stil einer fiktiven und teilweise äußerst stilisierten Radioreportage erhalten wir Einblick in das Leben des Siegfried Schatz. Siggi, wie er alle Welt nötigt, ihn zu nennen, oder „das Schätzlein“, wie Renate von der Fleischtheke ihn zu seinem Leidwesen liebevoll anspricht, ist ein kleines Licht in der Edeka-Filiale Konstanz Ost. Die Supermarktkette empfindet Siggi stolz als seine weitverzweigte Familie – „weischt, was ich mein?“ Allerdings stempelt ihn diese Familie zum schwarzen Schaf, als ihn eine Kollegin nach einer aus dem Ruder gelaufenen Betriebsfeier wegen sexueller Nötigung anzeigt. „Der Aufstieg und Fall des Siggi S.“ ist ein Mundarthörspiel, eine gallige Sozialkomödie, die den Dialekt nutzt, sowohl Charaktere als auch ein ganzes Milieu zu durchleuchten: Siggis leutselige Ranschmeiße an den Reporter wie an seine Supermarkt-Kunden, der betont bodenständige Ton eines FDP-Lokalpolitikers, in dessen Dunstkreis er gerät, all das brummt vor provinzieller Kleinbürgerlichkeit, aus der sich der Protagonist zu befreien versucht, indem er vom Auftritt bei „Wetten, dass..?“ träumt. Mark Ginzler inszeniert das Hörspiel als eine Folge von Interviews, die er immer wieder in Fragmente auflöst und zerhackt. Diese Methode erzeugt Tempo, vor allem aber wirken die Figuren wie gefangen in den sprachlichen Versatzstücken, die sie permanent selbst produzieren. Mundart bedeutet in diesem Hörspiel keineswegs die Heraufbeschwörung eines Idylls, sondern geradewegs dessen gnadenlose Dekonstruktion.

März 2011

Veit und Thomas Harlan
Veit
von Thomas Harlan
Regie: Bernhard Jugel
Erstsendung: 25.03.2011
Länge 55‘15“
Produktion: BR 2011
Die Begründung der Jury

»Veit« ist ebenso Höhepunkt wie Abschluss des Werks von Thomas Harlan.

Der im Oktober vergangenen Jahres verstorbene Schriftsteller, Filmemacher, politische Aktivist und Nazijäger setzt sich in diesem in vier Tagen im Frühjahr 2010 rauschhaft diktierten Text mit seinem Vater auseinander – dem berüchtigten Erfolgsregisseur Veit Harlan, dessen Machwerk »Jud Süß« exemplarisch für die antisemitische Hetze der Nazis steht und der nach 1945 nahezu unbehelligt weiter Filme drehen konnte. Das Werk seines ältesten Sohns Thomas resultiert aus einer großen Absetzbewegung: angetrieben von einer tiefen Scham, mehr noch: von einem unbändigen Hass auf seinen Vater, auf die Nazis, die Mitläufer, die deutschen Verhältnisse.

»Veit« überrascht, irritiert abermals – denn es ist auch ein Text der Zuneigung, ein Lamento für den Vater, ein Werben um Verständnis für die eigene Wut. Gleichzeitig nimmt Thomas Harlan nichts von dieser Wut, nichts von seinem schroffen Antifaschismus zurück. Vielmehr versucht er in immer neuen Anstrengungen sich selber Klarheit zu verschaffen, noch einmal Rechenschaft abzulegen: über die Liebe des Sohnes – seine Liebe –, über die Verlogenheit der Eltern, die ungesühnte Schuld seines Vaters, seine eigene freiwillige, unfreiwillig Verstrickung, die Verantwortung, die er nicht übernehmen muss, die er übernehmen will.

Der Regisseur Bernhard Jugel inszeniert »Veit« minimalistisch und vermag so, dessen Wucht zu entfalten. Er benötigt keine Meta-Ebene, keine Kommentare, keine Klanguntermalung. Dadurch wirkt der Text nackt – so nackt wie der Autor in seiner radikalen Offenheit – und zugleich präsent, geradezu unausweichlich. Jugel arbeitet heraus, dass »Veit« ein großer Trauergesang ist, voller Wiederholungen und Redundanzen, die alle nicht die Kluft zwischen Vater und Sohn zu überwinden vermögen.

Kongenial zur Seite steht dem Regisseur der Schauspieler Thomas Thieme. Er interpretiert den Text souverän, aber nicht abgeklärt. Das untergründige Brodeln, die tiefe Verzweifelung, auch die leicht verstörende Lakonik, wenn Harlan über die Unverfrorenheit der Altnazis nach 1945 spricht – all das macht Thieme in seinem nuancenreichen, aber niemals überspannten Vortrag deutlich. Er verleiht dem Text eine Würde, die man bei der Dringlichkeit, die sich in den Wortkaskaden artikuliert, nicht erwartet hätte.

Februar 2011

Oliver Sturm
Gnosis oder Die Moabiter
von Oliver Sturm
Regie: Oliver Sturm
Redaktion: Ursula Ruppel
Erstsendung: 09.02.2011
Länge 68‘31“
Produktion: hr/DLF 2011

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Die Begründung der Jury

Oliver Sturms Hörspiel "Gnosis oder Die Moabiter" nimmt eine Sozialstudie der besonderen Art in Angriff, nämlich eine Erkundungsreise durch die religiöse Subkultur Berlins, dargestellt in einer vielstimmigen Komposition. Der Autor, der auch die Regie bei diesem Stück führte, stößt dabei nicht allein auf ein erstaunliches, ein beängstigendes Maß an spekulativer Sehnsucht, Sektiererei und Fundamentalismus, das er dem Hörer durch zahlreiche Originaltöne zugänglich macht - zudem bettet er seine aktuellen Fundstücke ein in ein Geflecht von Gebeten, die er in akribischer Kleinarbeit gesammelt hat. Zentrale Figur des Hörspiels ist der schiitische Heilige Imam Mahdi, der wie ein Phantom durch das Hörspiel geistert und seinen Anhängern das Ende der Zeiten ankündigt. Die apokalyptische Botschaft stößt auf reges Echo, das Sturm virtuos in einem chorischen, einem gemeindehaften Sprechen einfängt. Sein Hörspiel gewinnt dadurch eine musikalische Qualität, eine Spannung zwischen Solisten und Ensemble, die im Zusammenspiel mit den O-Tönen eine Physiognomie religiöser Inbrunst einst und heute zeichnet. "Gnosis oder Die Moabiter" blickt hinter die Fassaden des offiziell abgesegneten Glaubens, es ist ein Trip ins wilde Denken unterschiedlicher Erlösungsfantasien und bietet damit dokumentarischen Erkenntnisgewinn. Darüber hinaus aber findet der Autor und Regisseur eine künstlerisch- akustische Form, dem Bedürfnis nach Ritus und mystischer Welterklärung zu Leibe zu rücken, die tatsächlich allein im Medium Hörspiel möglich ist.

Januar 2011

Leopold von Verschuer
publikumsberatung
von Kathrin Röggla/ Leopold von Verschuer
Regie: Leopold von Verschuer
Komposition: Franz Tröger
Dramaturgie: Katarina Agathos
Erstsendung: 16.01.2011
Länge 56‘53“
Produktion: BR 2011

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Die Begründung der Jury

In »publikumsberatung« führen Kathrin Röggla und Leopold von Verschuer virtuos zahlreiche Mittel der intellektuellen Rede vor – die Anekdote, die Abschweifung, die Fähigkeit zur Assoziation und Improvisation, das Ausstellen von Fakten- und Diskurs-Wissen. Sie führen die inflationären Moden und ihre kurzen Halbwertszeiten ad absurdum, die ebenso zum Geschäft professioneller Vortragskunst gehören, wie die Erwartung, das Publikum in den Bann zu ziehen. Der Ersatzreferent der live im Radio übertragenen Landeshauptstadtkulturgespräche zieht alle Register – aber er beherrscht sie nicht. Die Mittel führen zu keinem Zweck, die Techniken der gelehrten Rede ordnen kein gelingendes Ganzes: Die Anekdoten sind nicht spritzig, die Abschweifungen ziellos, die Improvisationen stümperhaft, die Komik unfreiwillig. Die Assoziationsketten des tapferen Redners wirken auf unheimliche Weise schlüssig; unheimlich, weil ihr tieferer Sinn sich dem Publikum einfach nicht zu enträtseln vermag.

Nicht nur die Rhetorik verschwört sich gegen den Redner – es spricht aus ihm! –, auch der Inhalt – sein Thema, seine Themen (?) – machen sich selbstständig. Der Tod, Heiner Müller, die Angst, der Erfolg, der Humor, die Kunst als Gegenmodell, Michel Foucault, Hanns Zischler. Gilles Deleuze, die Kontrollgesellschaft ... worum ging es noch mal? Im Medium des intellektuellen Diskurses stellen Röggla und von Verschuer sein Scheitern dar. „publikumsberatung“ ist eine ironische Anspielung auf Peter Handkes „Publikumsbeschimpfung“ und bringt raffiniert die (technischen) Möglichkeiten einer Spiel-im-Spiel-Inszenierung im Medium Radio zum Einsatz. Röggla und von Verschuer legen einen Text vor, den niederzuschreiben eigentlich jedem anständigen Intellektuellen widerstreben müsste. Zum Glück jedoch besitzen die Autoren eine ausgesprochene Lust am Paradox. Verschuer, der auch für die Regie von „publikumsberatung“ verantwortlich zeichnet, schlüpft in die Rolle des Ersatzreferenten und brilliert mit einer tastenden, zögernden, bisweilen selbstvergessen anmutenden Rede. Die Kunst von Röggla und von Verschuer besteht darin, dieses Scheitern gelingen zu lassen, ein Stammeln zu verfassen, das in seiner Eloquenz bestechend ist, einen postmodernen, oder besser: postpostmodernen Intellektuellen vorzuführen, aber nicht bloßzustellen. Im Gegenteil, in seiner Unbeirrtheit angesichts des um ihn herum tobenden Chaos’ – ihm bleibt ja nicht verborgen, dass das Publikum scharenweise und auch pöbelnd den Sendesaal verlässt – blitzt eine neue, zweifelnde, verzweifelnde Form des Heroismus auf.