Hörspiel des Monats/Jahres 2012

Der Blog der Hörspieljury: http://hoerspieldesmonats.wordpress.com/

 

Hörspiel des Jahres 2012

Orphée Mécanique
Komposition und Realisation: Felix Kubin
Redaktion: Katarina Agathos
Produktion: BR 2006/2012
Erstsendung: 30.03.2012
Länge: 49'58"

s. Hörspiel des Monats März

Die Preisverleihung zum Hörspiel des Jahres findet im Frankfurter Literaturhaus am 16.02. um 19.30 statt.
Programm: Vorführung des Hörspiels, Bericht der Jury, Preisverleihung, Gespräch mit Preisträgern/Jury/Publikum.
Felix Kubin wird anwesend sein.

 

Die Begründung der Jury

Mit „Orphée Mécanique” rückt der Akustikkünstler, Musiker und Hörspielmacher Felix Kubin den Orpheus-Mythos ins Zentrum einer Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Wiederholung - in Liebe, Medien und Kunst. Der Schauspieler und Sänger Lars Rudolph gibt als gefeierter Star Orphée Konzerte für die nach Geschichten aus der Welt der Lebenden gierenden Schatten. Orphée singt und spielt dabei mit einem Hirnstrom-Sound-Konverter namens „Psykotron” von einer Oberwelt, in der „jeder Tag ein Arbeitstag“ ist, die sich also in ihrer eintönigen Gleichförmigkeit kaum von der Unterwelt unterscheidet.

Kubins Orpheus-Figur befindet sich wie in der antiken Überlieferung auf der Suche nach seiner Geliebten. Allerdings jagt er ein ums andere Mal einer unerreichbaren Projektion seiner Liebe nach. Für ihn gibt es keinen Ausweg aus der sich ewig wiederholenden Suche, denn als mechanischer Orpheus hat er die Fähigkeit zum selbstbestimmten Handeln verloren. Er startet jedesmal bei Null.

Kurze Dialoge zwischen Orphée und einer Erzählerfigur kreisen um die Frage der Kreativität, sie diskutieren die Folgen eines übersteigerten Ichgefühls, das Verhältnis zum Anderen und zur großen Liebe. Songs mit Ohrwurmqualität ragen aus der Erzählung des Mythos heraus und treiben sie akustisch und inhaltlich vor sich her. Das Hörspiel schließt mit dem Beginn, die musikalisch-lyrische Erzählstruktur erweist sich als zyklisch.

Mit „Orphée Mécanique“ hat Kubin weit mehr als eine Neubearbeitung seines Hörspiels „Orpheus' Psykotron“ von 2006 geschaffen. Er hat sich von seiner ursprünglichen Inspirationsquelle, Dino Buzzatis Pop-Art-Comic „Orphi und Eura“, entfernt und den Stoff in eine „zeitgenössisch-anachronistische“ (The Wire) Radioform gebracht.

Dezember 2012

Bihler/Scheib, Foto Pierre Metzinger
Radio Élysée
Aus Geschichte und Zukunft zweier Raumfahrernationen. Ein Überblick aus 384 Metern über Normalnull.
Von Liquid Penguin Ensemble
Regie: Katharina Bihler u. Stefan Scheib (Liquid Penguin Ensemble)
Text: Katharina Bihler
Komposition: Stefan Scheib
Dramaturgie: Anette Kührmeyer
Produktion: SR 2012
Erstsendung: 23.12.2012
Länge: 67'54”

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Die Begründung der Jury

In „Radio Élysée“, dem neuen Hörspiel des Liquid Penguin Ensembles (Katharina Bihler und Stefan Scheib), werden aus dem kollektiven Bewusstsein verschwundene Ereignisse aus den frühen sechziger Jahren rekonstruiert und als Startpunkt für ein politisch-physikalisches Spiel benutzt. Die Autoren lesen den Élysée-Vertrag zwischen Frankreich und der Bundesrepublik Deutschland, dessen 50-jähriges Bestehen gerade gefeiert wird, als Sammlung von Handlungsanweisungen und übersetzen diese in Fluxus-Aktionen. Mit großer Leichtigkeit wird dokumentarisches Material präsentiert und phantasievoll in eine neue Umlaufbahn geschossen. Der Schwerkraft der beiden Staaten wird eine Utopie der Schwerelosigkeit entgegengesetzt, was in einem „bilokalen” Konzert auf der Tromborner Höhe (384 m ü. NN) und der internationalen Raumstation ISS kulminiert. Mit dem Werkzyklus namens „Falling Pieces” erfinden die Autoren die Musik der Zeit gleich mit. In ästhetischer Hinsicht schafft das Stück eine Situation, in der terrestrische und in der Schwerelosigkeit erzeugte Ereignisse ineinander aufgehen und die Radioformen Hörspiel und Feature miteinander verschmelzen.

Was im Stück absurd-komisch klingt, fußt nicht selten auf historisch verbürgten Fakten, während Erfundenes nur durch die Präsentationsform „Feature” glaubwürdig erscheint. Man möchte zwar glauben, dass der Luftstoß eines Posaunentons unter Bedingungen der Schwerelosigkeit einen Rückstoß von 7 Metern erzeugt - aber ist das auch physikalisch korrekt?

Wie schon in ihrem Stück „Gras wachsen hören - Das biolingua Institut wird 100 Jahre” (2007) gelingt dem Liquid Penguin Ensemble auch hier ein graziler Grenzgang zwischen Feature und Hörspiel durch die Verschränkung von dokumentarischem Material, seiner phantasievollen Rekombination und der musikalischen Interpretation naturwissenschaftlicher Gesetzmäßigkeiten.

November 2012

Foto Deutschlandradio Anke Beims
Und dann
Von Wolfram Höll
Regie: Cordula Dickmeiß
Komposition: Tilmann Ehrhorn
Redaktion: Stefanie Hoster
Produktion: Deutschlandradio Kultur 2012
Länge: 38’24’’
Erstsendung: 14.11.2012

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Eine lobende Erwähnung geht an das Hörspiel „Dreileben“ von Gernot Grünewald (RBB/DKultur). Den ohne Manuskript improvisierten Erinnerungen der Schauspieler Marie Seiser, Cornelia Dörr und José Barros Moncada an ihre Gespräche mit drei Menschen an der Schwelle des Todes gelingt – trotz der bisweilen hochdramatischen und tragischen Umstände – ein leichter, natürlicher und manchmal schwarzhumoriger Umgang mit dem Tabuthema Sterben.

Die Begründung der Jury

Beinahe über Nacht wird die „Panzerparadenlangenstraße“ zur „Jedentagwagenparadestraße“, auf der nicht mehr die „Panzerparadenlangenstraßenparade“ stattfindet, sondern „Altwestwagen“ nach Osten fahren und wieder zurück. Diese aneinandergereihten Wortschöpfungen reichen aus, um Ort und Zeit von Wolfram Hölls Text „Und dann“ zu definieren. Wir befinden uns in dem transitorischen Raum zwischen zwei Staaten, konkretisiert in einer Plattenbausiedlung, die um ein paar Findlinge gruppiert ist, die ein eiszeitlicher Gletscher verloren hat und die deshalb bei Höll „Verlierlinge“ heißen.

Es ist ein Brüderpaar, etwa im Grundschulalter (ohne jeden kindlichen Naturalismus gespielt von Fabian Busch und Florian Lukas), das seine Welt wie durch ein Kameraobjektiv wahrnimmt, während der Vater (Michael Hanemann) auf die gegenüberliegende Fassade des Plattenbaus Filmbilder seiner Frau projiziert. Die ist ihm ebenso abhanden gekommen wie dem Gletscher die Verlierlinge. Der bruchstückhafte Bewusstseinsstrom der Kinder vermittelt sich über eine rudimentäre Sprache, die dem Hörer Raum zur assoziativen Ergänzung des Textes gibt.

Regisseurin Cordula Dickmeiß hat dem postdramatischen Theatertext des jungen Autors Wolfram Höll (1986 in Leipzig geboren) so überzeugend zu einer radiophonen Form verholfen, dass man ihn sich kaum noch auf einer Theaterbühne vorstellen kann. Gefunden hat das Deutschlandradio den Text beim Stückemarkt des Berliner Theatertreffens 2012 und sofort zum „Besten Theatertext als Hörspiel“ gewählt und produziert. Das atmosphärisch dichte Sounddesign des Komponisten und Musikers Tilman Ehrhorn wechselt zwischen Trommelschlägen im Rhythmus des Herzschlags und elektronischen Klängen und verleiht der unterschwelligen Traurigkeit, die den Text grundiert, eine eigene akustische Dimension.

Oktober 2012

Susanne Lothar, Walter Adler, Foto Sebastian Linnerz
Oops , wrong planet!
Von Gesine Schmidt
Regie: Walter Adler
Komposition: Pierre Oser
Redaktion: Elisabeth Panknin
Produktion: DLF/WDR 2012
Länge: 67’20’’
Erstsendung: 13.10.2012

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Eine lobende Erwähnung geht an die BR-Produktion „Conversations with Birds“ des britischen Autors und Regisseurs Ergo Phizmiz. Das Stück erzählt mit radiophonen Mitteln eine märchenhafte Geschichte aus der Welt der gefiederten Zweibeiner. Phizmiz gelingt bei seiner artistischen Gratwanderung zwisch en Soundart und Hörspiel eine enge Verknüpfung von deutscher und englischer Sprache.

Die Begründung der Jury

„reden ist unfertig und unexakt. wer laut spricht, der zerstört seine welt“, schreiben die autistischen Zwillinge Konstantin und Kornelius, die im realen Leben gerade ihr Studium an der Universität Potsdam abschließen. Im Hörspiel „Oops, wrong planet!“ von Gesine Schmidt werden sie mit ihren Texten vorgestellt. Obwohl sie nicht sprechen, betrachten sie die Sprache als „Sinn ihres Seins“.

Es ist nicht nur die abstrakte Schönheit der Texte von Konstantin und Kornelius, die im Hörspiel den Kosmos abweichender Weltwahrnehmung beschreiben. Einer vom Asperger-Syndrom betroffenen Ärztin (Lena Stolze) ist der Umgang mit Sprachmetaphern unmöglich und so nimmt das ironische Bild von den Bürgersteigen, die abends hochgeklappt werden, ganz wörtlich. Ein ebenso wissbegieriger wie lebenshungriger Teenager (Tom Schilling) – ebenfalls mit Asperger – verdoppelt in seinem überhasteten Mitteilungsdrang immer wieder einzelne Worte. Susanne Lothar hört man in einer beeindruckenden (Doppel-)Rolle – ihrer letzten: als Mutter und als ihre mit frühkindlichem Autismus geborene Tochter.

Walter Adler hat die hochverdichteten Texte der Zwillinge von Matthias Koeberlin und Florian Lukas Wort für Wort sprechen lassen: das letzte zuerst und das erste zuletzt. Im Schnitt wieder in die richtige Reihenfolge gebracht, bekommen die Wörter etwas Künstliches, die Stimmen etwas Synthetisches und die Texte eine eigene Schwerkraft. Nachrichten wie von einem anderen Planeten, der doch derselbe ist, den die neurologisch abweichenden Autisten mit dem neurotypischen Rest der Bevölkerung bewohnen. Mal laufen beide Stimmen beinahe synchron, öfter jedoch wechseln sie von Wort zu Wort, und manchmal werden die Texte auf einer dritten Ebene von dem Bariton Christof Hartkopf in einer Komposition von Pierre Oser gesungen.

Das leitende Prinzip der Inszenierung ist die Verdoppelung: von Stimmen, Wörtern, Figuren und den Welten, in denen sie leben. „Oops, wrong planet!“ nutzt ein weites Spektrum der Mittel und Möglichkeiten des akustischen Mediums und ist Radiokunst auf hohem Niveau.

September 2012

Stéphanie Marchais
Ganz in meiner Haut
Von Stéphanie Marchais
Aus dem Französischen von Angela Kuhk
Regie: Jörg Schlüter
Redaktion: Ursula Schregel
Produktion: WDR 2012
Länge: 52’56’’
Erstsendung: 29.09.2012

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Eine lobende Erwähnung geht an die SWR-Produktion des Originalhörspiels „sich abarbeiten“ von Björn SC Deigner. Torben Kessler, Wolfgang Pregler und allen voran Sophie Rois interpretieren rhythmisch und melodisch, in Form einer Sprechoper, die zersplitterten und entpersonalisierten Bewusstseinszustände des Einzelnen in der postfordistischen Arbeitswelt.

Die Begründung der Jury

Nur beim Träumen sind sie „ganz in ihrer Haut“: die siebenjährige Tite die ihren gleichaltrigen Freund Sson heiraten will; ihre fünfeinhalb-jährige Schwester Tutite, ein „altes Kind“, das schon alles weiß, bis auf die Dinge der Liebe und schließlich Josh, der hormonell verwirrte Teenager, der seine Lehrerin Christine D. begehrt und zu seinen Eltern ein eher angespanntes Verhältnis hat.

Im Hörspiel der französischen Schauspielerin und Dramatikerin Stéphanie Marchais gebiert der Schlaf der Vernunft wieder einmal Ungeheuer: die Fluchtphantasie von Tite und Sson endet mit einer Geiselnahme am Flughafen, während Josh mit einer selbstgebastelten Bombe seine Schule in die Luft jagt, „um dem Planeten von allen unbedeutenden Existenzen zu befreien“, wie er sagt. Seine Eltern hat er an einen Heizkörper gekettet, während er auf die Polizei wartet.

Innere Monologe traumhafter sexualisierter Gewaltphantasien werden von reportierenden Passagen abgelöst. Die unterschiedlichen Geschichten berühren einander kaum. Die Zeitebenen wechseln ständig zwischen dem Davor, dem Während und dem Danach und so bleibt der Realitätsgehalt der Erzählung immer in der Schwebe. Dieser Eindruck wird durch die beunruhigend-surreale Besetzung der Kinderstimmen durch Erwachsene noch verstärkt.

Die Figuren und ihre Welt(en) trennt die Haut, eine fragile Membran, welche die von ihr umschlossenen Körper nicht mehr zusammenhalten kann, wenn die Druckdifferenz zu groß wird und sich explosiv entlädt. Dabei werden Welt und Körper gleichermaßen vernichtet – oder man schreckt aus einem bösen Traum hoch.

August 2012

Gabi Schaffner
Otto Mötö
Im Universum finnischer Motorenmusik
Aus den Archiven des Martti Mauri
Von Gabi Schaffner
Realisation: Gabi Schaffner
Dramaturgie und Redaktion: Peter Liermann
Produktion: hr 2012
Länge: 58’40’’
Erstsendung: 19.08.2012

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Die Begründung der Jury

Das Leben auf dem Land ist vieles. Ruhig ist es nicht. Das Hörstück „Otto Mötö“ der Berliner Komponistin, Musikerin und Hörspielmacherin Gabi Schaffner widmet sich Leben und Werk eines Komponisten, der mit seinen Tonbandgeräten den Lärm des Landlebens erforscht hat: Martti Mauri. Der Komponist war, wenn man Gabi Schaffner glauben will, Angestellter eines Elektrizitätswerks auf der finnischen Halbinsel Kuokkala bei Jyväskyla und ein wichtiger Vorläufer der Industrialmusik. Mauri habe Field-Recordings von Autorennen sowie Aufnahmen von modifizierten Ottomotoren und Gartengeräten für seine Kompositionen verwendet.

Detailgenau mit hohem begrifflichem Aufwand erklärt Schaffners Hörspiel die Ästhetik von Mauris Maschinenmusik und ihr Verhältnis zur Neuen und populären Musik in ganz Europa. Echte Musiker geben Komponistenkollegen und erzählen in diesen Rollen auskunftsfreudig Anekdoten aus dem Leben des „unbekannten“ Genies. Bis sich der Verdacht erhärtet, dass hier etwas nicht stimmt. Denn die Äußerungen der Kritiker, Freunde und Zeitgenossen klingen wie ein im Leerlauf hochdrehender Motor, und die vermeintlich authentischen Interviews, die das Leben Mauris nachzeichnen sollen, hören sich viel zu gespielt an, um echt zu sein.

Das Porträt des Martti Mauri, das mit den Stilmitteln des journalistischen Features arbeitet, ist eine klug komponierte Fälschung. Zum Vergnügen aller, die den aktuellen Hype um das Dokumentarische kritisch sehen und zur Freude derer, die sich für Geräuschmusik begeistern. Gabi Schaffners erste Regiearbeit nach einer Idee von Martin Moritz versammelt eine Gruppe zeitgenössischer Komponistinnen und Komponisten, die ihre je eigene Welt der Geräusche schaffen. Die Maschinenmusiken des „Martti Mauri“ wurden von insgesamt acht Komponisten und Bands aufgenommen, geschrieben und gemischt. Und diese Kompositionen setzen dem Prinzip des Explosionsmotors nach Nicolaus August Otto ein klangvoll-lärmendes Denkmal.

Juli 2012

Ferdinand Kriwet, Foto Jonas Maron
Rotoradio
Von Ferdinand Kriwet
Regie: Ferdinand Kriwet
Redaktion: Ulrike Brinkmann
Produktion: Deutschlandradio Kultur/WDR 2012
Länge: 39’09’’
Erstsendung: 29.07.2012

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Die Begründung der Jury

Der Autor, Hörspielmacher und bildende Künstler Ferdinand Kriwet veröffentlichte 1961 mit gerade mal 19 Jahren den experimentellen Roman "Rotor". Ein Fließtext in Blocksatz, ohne Absätze, interpunktionslos, in radikaler Kleinschreibung, der auf 106 einseitig bedruckten, unpaginierten Seiten sich rotierend fortschreibt. Kurz nach dem Roman entstand sein erster Hörtext "Offen" und Kriwet wurde zum Vorläufer und einem der wichtigsten Protagonisten des "Neuen Hörspiels". Fast dreißig Jahre nach seiner letzten Hörspielproduktion und gut fünfzig Jahre nach Erscheinen seines Erstlingsromans hat Kriwet nun aus dem schriftsprachlichen Lesetext "Rotor" einen lautsprachlichen Hörtext gemacht: "Rotoradio".

"Rotoradio" ist keine konventionelle Romandramatisierung, sondern eine vom akustischen Medium her gedachte Transformation des Textes. Eine aufwändig montierte Sprachkomposition, die auf narrative Linearität verzichten kann und dennoch eine Geschichte erzählt, die in der Welt der Beatliteratur verortet ist: nächtliches Erinnern, banges Erwarten, Reisen, Sex und Gewalt. - angereichert mit Einsprengseln kalauernden Humors. Des weiteren thematisiert und inszeniert Kriwet die Möglichkeiten und Grenzen des menschlichen Artikulationsapparates. Dabei bleibt die Montage immer transparent. Weder in den chorischen Schichtungen noch in den kanonhaften Überlagerungen gleitet sie in ein Stimmengewirr oder ins undifferenziert Geräuschhafte ab. "Rotoradio" spürt dem Sprachmaterial - den Körpern der Wörter - nach.

Wesentlich für das Stück ist Kriwets sensible Führung jedes einzelnen Mitglieds des fünfköpfigen Sprecherensembles (Max Woithe, Janusz Kocaj, Janus Torp, Marian Funk, Ilja Pletner), dessen junge und unverbrauchte Stimmen die Modernität eines fünfzig Jahre alten Text auf beeindruckende Weise vergegenwärtigen.

Mit "Rotoradio" hat Ferdinand Kriwet, der am 3. August 2012 seinen 70. Geburtstag feiert, sich selbst und seinen Hörern wohl das beste Geschenk gemacht.

Juni 2012

Christoph Buggert, Foto Ben Moser
Domino
Von Christoph Buggert
Regie: Walter Adler
Redaktion: Thomas Fritz
Produktion: MDR/WDR 2012
Länge: 52’46’’
Erstsendung: 11.06.2012

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Die Begründung der Jury

„Domino” von Christoph Buggert ist ein zeitgemäßes Originalhörspiel. Die Erzählstruktur ist raffiniert einfach. Es ist gesellschaftskritisch ohne zu kommentieren und dem Autor gelingt die vielschichtige und differenzierte Darstellung gegenwärtiger Machtverhältnisse, die sich hier sowohl in physischer als auch in institutioneller Gewalt äußern.

Drei Jugendliche aus dem ehemaligen Jugoslawien vergehen sich an einem Auto, in dem Pit mit seiner Freundin, der Abiturientin Utz, sitzt. Pit, der Sohn des Justizministers im Landtagswahlkampf, reagiert über und verletzt einen der drei. Anschließend vergewaltigt er Utz, die ihn bei beiden Straftaten deckt. Deren Vater, Sozialkundelehrer an einem Gymnasium, arbeitet gerade an einem pessimistischen Drei-Stufen-Modell, das nachbilden soll, nach welchem Muster öffentliche Sauereien unter den Teppich gekehrt werden. Das Schicksal seiner Tochter nutzt er, sein Modell empirisch zu überprüfen. Die experimentelle Erpressung des Justizminister-Vaters verläuft dann im Ergebnis auch nach dem prognostizierten Verfahren – wenn auch auf anderen Wegen als gedacht.

Aus 72 einzelnen Statements von 23 Sprechern, aufeinander bezogen nach den Regeln des klassischen Dominospiels, setzt sich die Geschichte von Pit, Utz und den Figuren um sie herum zusammen. Die Handlung entsteht aus den Erzählungen der Beteiligten, ohne dass es direkter Dialoge bedarf. Im Verlauf des Hörspiels überlagert ein zweiter Eindruck die Logik des Legespiels: der sogenannte „Domino-Effekt”. Aus der scheinbaren Linearität von Ursache und Wirkung ergeben sich komplexe Muster. Die einzelnen „Hör-Spielsteine” als Ursache- und Wirkungselemente ergeben eine (letztendlich verhängnisvolle) Kettenreaktion.

Das Schreiben und die Produktion eines Hörspiels ist nur die eine Seite eines Werks. Die andere Seite, so Buggert in seiner Dankesrede zum Hörspielpreis der Kriegsblinden 1978, bildet das „Mitfühlen – Miterleben – Mitdenken – Mitphantasieren im Bewusstsein der Hörer”. Walter Adlers Inszenierung von „Domino” als reines Sprechstück setzt diesen Anspruch stimmig um.

Mai 2012

Heinz v. Cramer, Foto Jonas Maron
Unerwartete Ereignisse - Eine schwarze Komödie
Von Heinz von Cramer
Regie Burkhard Schmid
Dramaturgie und Redaktion: Peter Liermann
Produktion: hr 2012
Länge: 50’16’’
Erstsendung: 20.05.2012

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Die Begründung der Jury

Heinz von Cramers „Unerwartete Ereignisse“ ist Glücksfall und Wagnis zugleich. Das vom Hessischen Rundfunk produzierte Hörspiel des 2009 verstorbenen Autors und Regisseurs erweist in der Form der utopischen Literatur dem Genre der schwarzen Komödie mit all ihren gezielten Tabubrüchen und Geschmacklosigkeiten seine Reverenz. Zugleich bedient und unterläuft Heinz von Cramer dabei subtil die Erzählweisen des klassisch-konventionellen Hörspiels.

Das „unerwartete Ereignis”, das dem namenlosen Protagonisten (Martin Reinke) als erstes zustößt, ist der plötzliche Tod seiner Frau, bei deren Betrachtung er sich mit einem Messer tief in die Hand schneidet. Beide Male empfindet er keinen Schmerz und ist damit keineswegs allein. Denn die Gesellschaft in Heinz von Cramers Hörspiel nähert sich dem Zustand absoluter Schmerz- und Empathielosigkeit. Selbst die klassisch-bildungsbürgerliche Reise des Protagonisten und seines Buchhändlerfreundes (Felix von Manteuffel) nach Italien ist kein Ausweg. Der Ort des alteuropäischen kulturellen Erbes ist vom Staub zerschredderten Mülls bedeckt. Mit dem Verlust von Liebe, Hass und Schmerz im realen Leben ist man auch deren künstlerischen Überformungen gegenüber unempfänglich. Mit fasziniertem Unverständnis hört der Protagonist in Florenz der grotesken Erzählung eines Priesters zu, der von der „wundersamen” Selbstkreuzigung von Kindern im Kommunionsalter erzählt, während im Hintergrund helles Kinderlachen erklingt.

Der amerikanische Künstler Robert Smithson hat für den Zustand einer Kultur, die alles dem Verfall überlässt, kaum dass es erbaut ist, mit dem Begriff „ruins in reverse“ („umgekehrte Ruinen”) geprägt. Die „Ruinen“ unserer Gegenwart, so Smithson, evozieren im Unterschied zu den Ruinen der Romantik keine Sehnsucht mehr nach der Vergangenheit, sie werfen nur noch die Frage auf, woran wir erkennen sollen, was einmal war (und was sein könnte). Heinz von Cramers akustische Erzählung in der Regie von Burkhard Schmid deutet an, dass solchen Verfallsszenarien nur noch die Komödie beikommt.

April 2012

Hermann v. Helmholtz
Ovale Fenster. Ein Hirnwettlauf im Allerhörbarsten
Mit Texten von Dietmar Dath und Hermann von Helmholtz
von Thomas Weber / Volker Zander
Realisation: Thomas Weber / Volker Zander
Musik: Kammerflimmer Kollektief
Redaktion: Frank Halbig
Produktion: SWR 2012
Länge: 54’47’’
Erstsendung: 30.03.2012

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Die Begründung der Jury

„Egal wer es geschaffen hat, wem es gehört, wer es benutzt und wozu”, in seinem eigenen Hirn kenne er sich selbst am besten aus, behauptet der Physiologe und Physiker Hermann von Helmholtz (1821- 1894) und fordert den lieben Gott zu einem Wettrennen heraus. Noch während der sich seine Turnschuhe zuschnürt, hechtet Helmholtz durch das ovale Fenster im rechten Ohr in seinen eigenen Kopf.

Das titelgebende „ovale Fenster” von Thomas Webers und Volker Zanders Hörstück ist eine Membran, die das Mittel- vom Innenohr separiert und als Verstärkerelement Schallwellen aus der Luft auf die Ohrflüssigkeit überträgt. Auf dem Weg zum Kostbarsten, was sein Kopf enthält, durchquert Helmholtz eine dunkle Kaverne, die sich bald als „ein von längerer Unaufmerksamkeit ausgehöhlter Komplex äußerst grundlegender Überlegungen” entpuppt. Kurz darauf findet er sich in einer „erzlinear organisierten Trostlosigkeit wieder, die als Datenautobahn zu erkennen er sich entschlossen weigerte, weil er weder bereit war zu begreifen, was Daten waren, noch zu verstehen, was man sich unter einer Autobahn denken sollte” und muss sich mit einer „Scharfsinnsklinge” durch die Architektur seines Gehirns schlagen.

Dietmar Daths extra für dieses Hörstück verfasster Text steht in der Tradition der phantastischen Literatur. In ihm treffen die Naturwissenschaften des 19. auf Diskurse des 21. Jahrhunderts, eindimensionale Science Fiction auf wahrnehmungspsychologische Paradoxien und typisch Dath’sche Satzverschachteltungen auf Helmholtz’ nicht minder verschachtelte Sätze zur Sinnesphysiologie des Hörens. Grundiert, illustriert und beglaubigt werden sie von den flirrenden Sounds des Elektronik-Trios „Kammerflimmer Kollektief”. Zusammen mit den O-Tönen der amerikanischen Musikpsychologin Diana Deutsch ergibt sich ein amüsantes und inspirierendes erzählerisch-diskursiv-musikalisches Kontinuum.

März 2012

(c) Greg Holm
Orphée Mécanique

von Felix Kubin
Komposition und Realisation: Felix Kubin
Redaktion: Katarina Agathos
Produktion: BR 2006/2012
Länge: 49’58’’
Erstsendung: 30.03.2012

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Die Begründung der Jury

Basierend auf Dino Buzzatis Pop-Art-Comic „Orphi und Eura“ von 1968 und seinem eigenen Hörspiel „Orpheus’ Psykotron“ von 2006 hat der Hörspielmacher und Musiker Felix Kubin mit „Orphée Mécanique“ ein klangvoll eckiges Hörspiel geschaffen, das sich - wie die Vorlagen - auf eine Suche nach Formen begibt, die den medialen Entwicklungen der Zeit entsprechen.

Der Sänger und Schauspieler Lars Rudolph in der Rolle des mechanischen Orpheus hält in der still gestellten Unterwelt die Erinnerung an das geräuschvolle Leben wach und bringt die Schatten zum Tanzen. Undefinierbare Töne verschmelzen immer wieder mit unerwartet herbei springenden Rhythmen. Das Psykotron – ein Instrument, das Orpheus’ Hirnströme direkt in Töne verwandelt - erzeugt eine Kunstform die ohne das Radio nicht denkbar wäre: den “Hit”. Wenn schon alles Sagbare gesagt ist, muss das Denkbare vertont werden.

So bestimmen die textlich von punkiger Attitüde mit Endreimen und musikalisch in der Tradition von NDW-Elektronik geprägten Songs die zyklische Struktur des Stücks. “Orphée Mécanique” ist „eine Endlosschleife auf der ewigen Suche nach der großen Liebe“, die ewige Wiederkehr des immer Gleichen, ein niemals endender Loop ohne Ausweg und Bruch - schwankend zwischen Melancholie und lustvoller Kunstproduktion.

Februar 2012

Foto privat
Europa, eine Plagiate-Saga

von Till Müller-Klug
Regie: Thomas Wolfertz
Redaktion: Isabel Platthaus
Produktion: WDR 2012
Länge: 54’30’’

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Die Begründung der Jury

Plagiate plagiieren oder auch „copy, shake and paste“. So lautet das Prinzip von „Europa, eine Plagiate-Saga“. Till Müller-Klugs Hörspiel ist eine dynamische Collage, die sich aus den Versatzstücken zusammenkopierter Doktorarbeiten und Szenen über einen karrierebewussten EU-Politiker zusammensetzt, der dem krisen- geschüttelten Europa mit einer „Chancenkonferenz“ und Imagekampagne auf die Sprünge helfen will. Dass dieser Christoph Sonthofen (Matthias Matschke) sich dabei neuer Cover-Versionen bekannter Songs bedienen will und später Lilly (Marleen Lohse), eine seiner Affären überzeugt, ihm die für den Ausschussvorsitz benötigte Doktorarbeit fertig zu schreiben, ist nur konsequent. Seine Beschränkung auf bereits Gesagtes ist freiwillig und hat System. Das Hörspiel erzählt nicht von Auswegen, die vor der „Eurokalypse“ retten könnten. Es breitet fröhlich den kompletten Sound aus, der die Suche nach Lösungen zurzeit begleitet.

Ein rasant geschnittenes Nachrichtenmedley eröffnet „Europa, eine Plagiate-Saga“. Es folgt Sonthofens erster Auftritt, lässig, mit krächzender Stimme, von sich selbst begeistert wie ein junger Werbetyp. Die „Chancenkonferenz“ beginnt, sie wird unterbrochen von den Telefonaten mit Lilly, die so lange mitspielt, wie das Verhältnis zu Sonthofen eine EU-Karriere zu verspricht. Als sie bei ihm den Fotoordner „Euro-Miezen“ entdeckt, sind ihr sein Doktortitel und Ausschussvorsitz gleichgültig, sie nutzt die Vorarbeiten, um selbst Karriere zu machen. Das Plagiieren und Kopieren ist offenbar nicht mehr nur unter Politikern und Wirtschaftsleuten üblich, sondern in der Universität angekommen.

Mit „Europa, eine Plagiate-Saga“ ist Till Müller-Klug ein kurzweilig-kritisches Stück über Europa als Hölle selbstreferentieller Studien, lärmende Kampagnenmaschine und Karrierebeschleuniger gelungen. Es befeuert außerdem das Nachdenken über die Grenzen zwischen Wissenschaft und Literatur. Was unterscheidet eine zusammengeklaute Doktorarbeit von einer Literatur des Plagiats, deren bekanntestes Beispiel der Roman „Axolotl Roadkill“ (2010) ist? Was ist Kopie und was Plagiat, oder doch „Inspirat“, wie es an einer Stelle heißt? Was wird aus der Utopie eines Online-Europa angesichts von ACTA und der Kriminalisierung der Kopie als "Kulturform des 21. Jahrhunderts"?

Januar 2012

(c)Deutschlandradio - Anke Beims
Die Gaza-Monologe

Hörspiel nach Texten von Jugendlichen aus dem Gaza Streifen
Bearbeitung und Regie: Katrin Moll
Redaktion: Barbara Gerland
Produktion: Deutschlandradio Kultur 2012
Länge: 44’38’’
Erstsendung: 16.01.2012

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Die Begründung der Jury

Zu Beginn sind die Jugendlichen des Gaza-Streifens noch im Zweifel, ob das wirklich "ihre eigene Sprache" ist, mit der sie sich in einem Projekt des ASTHAR-Theaters in Ramallah äußern. Allzu oft sind sie noch nicht gefragt worden, was sie von ihrer Situation in einem abgeriegelten Territorium halten und was sie vom Leben erwarten. Die traumatisierenden Erfahrungen der israelischen Militärintervention vom Winter 2008/09 sind noch frisch, aber auch die Unterdrückung der Meinungsfreiheit durch die fundamentalistische Hamas und die korrupte Fatah werden offen thematisiert.

In über 40 Theatern weltweit sind die Gaza-Monologe aufgeführt worden und in Katrin Molls Hörspielfassung verleihen Berliner Jugendliche aus allen Bevölkerungsschichten den Worten ihrer Altersgenossen stellvertretend Ausdruck. Von dezenten Beats kommentiert tragen die so entstehenden Klangräume den Charakter an- und abschwellender Wellen, die den Hörer mit sich ziehen. Katrin Moll hat der Sammlung energie- und informationsgeladener Aussagen den Sound abgelauscht. Dabei steigert sich der rhythmische Sprachstil der Berliner Jugendlichen vom einsamen Flüstern zu einem wütenden Schlusschor der den Willen dokumentiert "das Gefängnis in den eigenen Köpfen aufzubrechen" und Akteure der Veränderung zu werden - und zwar sowohl gegen die festgefahrenen Ideologien ihrer politischen Führer als auch gegen den "Konsens der Schweigens und die lärmende Ignoranz" der Weltgemeinschaft.

Noch vor Beginn des `arabischen Frühlings ́ hat in den Gaza-Monologen eine neue Generation ihre Stimme erhoben und ihre Sprache gefunden, die vor Grenzen nicht Halt macht.