Hörspiel des Monats/Jahres 2013

Hörspiel des Jahres 2013

Foto Jean-Claude Kuner

Preiverleihung am 22. 02. um 19.30 Uhr

Literaturhaus Frankfurt

 

Traumrollen

von Jean-Claude Kuner
Regie: Jean-Claude Kuner
Produktion: DLF/HR 2013
Länge: 54‘36''
Erstsendung: 13.04.2013
 

 s. Hörspiel des Monats April

Die beiden Protagonisten Nadja Tiller und Fritz Lichtenhahn werden bei der Preisverleihung anwesend sein.

Programm: Bericht der Jury, Präsentation des preisgekrönten Hörspiels, Preisverleihung, Gespräch mit Darstellern, Hörspielmachern und Publikum. Moderation: Christoph Buggert.

Der Eintritt ist frei, eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

 

Dezember 2013

Foto Margarita Broich
Stille Nacht (Ruhe 3)
von Paul Plamper
Redaktion: Martina Müller-Wallraf
Produktion: WDR 2013
Länge: 54‘
Erstsendung: 21.12.2013
 

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Eine lobende Erwähnung vergibt die Jury in Anerkennung der außerordentliche berührenden, authentischen Darstellung des komplizierten Aufbruchs von Menschen in Ost und West aus erzwungener wie geduldeter Unmündigkeit: "Döbeln" von Andreas Jungwirth, eine MDR-Produktion, schildert dies mit großer Ernsthaftigkeit und Fairness vor der Kulisse ostdeutscher Provinz nach dem Mauerfall.

Die Begründung der Jury

Das Hörspiel „Stille Nacht“ erzählt die exemplarische Weihnachtsgeschichte einer Familie, deren Mitglieder einander am Heiligen Abend in intimer Vertrautheit begegnen – und einander deshalb auch ausgeliefert sind. Paul Plamper und seinen durchweg faszinierenden Darstellern (Margarita Broich, Caroline Peters, Thomas Blisniewki, Franz Broich-Wuttke und Schorsch Kamerun) gelingt dabei ein Meisterwerk: Mit subtilem Witz, scharfer Beobachtung und (bei allem Spott) auch unverhohlener Sympathie für die Figuren schaffen sie ein Panoptikum des alltäglichen Familien-Wahnsinns, der zum Fest der Liebe regelmäßig kulminiert. Und auch die Vorhersehbarkeit der Reaktionen gehört in diesen großen Plan, aus dem es kein Entkommen gibt – weil es keiner der Beteiligten wirklich will. Das alljährlich zelebrierte Ritual in seiner Unausweichlichkeit durch ein befreiendes Lachen wenigstens zu erleichtern, ohne das Fest und die Menschen, die es feiern, zu denunzieren, verdient nicht nur Respekt und Hochachtung, sondern vor allem Weitersagen: Dieses Hörspiel sollten sich Deutsche, unter dem Lichterbaum sitzend, anhören. Und vielleicht wäre es auch für den Sozialkundeunterricht gut geeignet!



November 2013

Foto NDR
Abzählen
nach dem gleichnamigen Roman von Tamta Melaschwili
Übersetzung aus dem Georgischen: Natia Mikeladse-Bachsoliani
Hörspielbearbeitung und Regie: Elisabeth Putz
Produktion: NDR/ORF 2013
Länge: 53‘40‘‘
Erstsendung: 17.11.2013
 

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Die Begründung der Jury

Das Hörspiel "Abzählen“ erzählt eine Geschichte aus dem Krieg.  Die 1979 geborene Autorin Tamta Melaschwili aus Georgien hat in ihrem Debütroman gewiss Bezug auf den Kampf zwischen georgischen und russischen Truppen um die Region Südossetien genommen. Zugleich ist das von Elisabeth Putz für den Funk bearbeitete und auch inszenierte Hörspiel aber ein Werk, das über den konkreten Konflikt hinaus mit großer Eindringlichkeit auf die Schrecken des Krieges und die seelischen Wunden verweist, die er hinterlässt. Die Schicksale der 13-jährigen Mädchen Ninzo und Zknapi stehen dabei im Mittelpunkt, zwei Teenager, die eben ihre Weiblichkeit entdecken und verrückte Ideen im Kopf haben. Aber immer steht der Schrecken dazwischen, eine sterbende Großmutter ist zu versorgen, eine überforderte Mutter mit dem neugeborenen Bruder braucht Hilfe, Babynahrung muss besorgt – also gestohlen werden. Das zivile Leben ist zusammengebrochen, niemand weiß, ob es jemals wieder beginnen wird. Alte, Schwache und Kinder leben noch im Dorf, Soldaten beider Parteien sind da, bei denen man Zigaretten erbetteln, aber auch lebensgefährliche Jobs als Drogenschmuggler bekommen kann. Denn im Wald zwischen den Fronten liegen Minen. Und wer sie nicht ernst nimmt, stirbt.

Das Hörspiel bezieht seine Stärke aus der geradlinigen, konsequent auf die beiden Protagonistinnen ausgerichteten und mit sparsamen Effekten inszenierten Handlung. Die Spannung wächst aus dem Gegensatz zwischen der rührenden Unschuld der heranwachsenden, noch fast kindlichen Hauptfiguren, die so abgebrüht wirken wollen und so ernst sein müssen – vor  dem grausamen Hintergrund des Krieges. Es gibt keine Normalität mehr, das Paradies der Kindheit ist zerstört.

Oktober 2013

Foto: MDR Marco Prosch
Im Inneren des Landes
Von Dirk Brauns
Regie: Stefan Kanis
Dramaturgie: Steffen Moratz
Funkbearbeitung: Stefan Kanis
Produktion: MDR 2013
Länge: 59‘02‘‘
Erstsendung: 06.10.2013
 

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Die Begründung der Jury

Das Hörspiel "Im Inneren des Landes" nach dem gleichnamigen Roman von Dirk Brauns erzählt die dramatische Geschichte zweier - das heißt, eigentlich dreier Männer. Sie beginnt in der untergegangenen DDR, Handlungsort ist die Kleinstadt Eggesin am Oderhaff, einst ein berüchtigter Militärstandort. Dorthin reist widerstrebend Stefan Brenner, der in Eggesin als Soldat der Nationalen Volksarmee Dienst leisten musste. Brenner ist inzwischen in der Autoindustrie tätig und soll einen Vertragshändler prüfen, der sich auf dem Gelände der ehemaligen Kaserne angesiedelt hat. Diese Dienstreise ist der Anlass für Brenner, sich einer schmerzbeladenen Vergangenheit zu stellen. In Eggesin ist sein Freund gestorben, der die Schikanen des Vorgesetzten Ingo Kern nicht mehr ertrug. Brenner, der inzwischen mit der früheren Freundin des Toten zusammenlebt, macht Kern, jetzt ein erfolgreicher Manager, für diesen Selbstmord verantwortlich und will ihn stellen. Es kommt schließlich - und folgerichtig - zu einem tödlichen Showdown.

Diese deutsche Tragödie vollzieht sich mit einer großen, erschütternden Wucht. Das Vergangene ist nicht vergangen, solange die schrecklichen Deformationen, die im System der sogenannten Volksarmee, einem brutal funktionierenden Mikrokosmos der DDR, für legal und legitim gehalten wurden, nicht gesühnt worden sind. Wie ein Albdruck lasten auf Brenner noch immer die alten Ängste, er hasst sie ebenso, wie er Kern hasst, der feist und selbstgerecht in seinem Wohlstand lebt - ein Held auch der neuen Zeit. Und gut vernetzt mit den alten Genossen.

"Im Inneren des Landes" ist ein aufwühlendes, wichtiges Stück zur Zeitgeschichte, unter die es keinen Schlussstrich gibt - hervorragend dramatisiert und ebenso gesprochen, zumal in den Hauptrollen von Martin Brambach (Ingo Kern) und Axel Wandtke (Stefan Brenner), aber auch in den kleineren Parts von Steffi Kühnert (Kerns Frau), Klaus Manchen und Christian Gutowski.

September 2013

Inga Helfrich / Foto: BR
Ich Wir Ihr Sie
Von Inga Helfrich
Realisation: Inga Helfrich
Dramaturgie: Katarina Agathos
Produktion: BR 2013
Länge: 51‘37‘‘
Erstsendung: 15.09.2013
 

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Die Begründung der Jury

Das Hörspiel „Ich Wir Ihr Sie“ von Inga Helfrich, eine Produktion des Bayerischen Rundfunks, überzeugt vor allem durch seine unprätentiöse und dadurch umso wirkungsvollere Gestaltung eines Themas, das zu den wichtigsten – und am meisten mit Vorurteilen beladenen in Deutschland gehört: das Bildungswesen. Drei Lehrerinnen, ein Lehrer sind die Protagonisten, ihre Sicht auf das System Schule, ihre Träume, Hoffnungen, Enttäuschungen, Routinen und Ängste liefern den Stoff, der die von vielen Menschen als bedrückend empfundene Wirklichkeit mit persönlichen Erfahrungen beglaubigt.
Die Autorin hat Interviews mit Lehrerinnen und Lehrern zu einem spannenden, hellsichtigen Hörstück komponiert und verdichtet, das nicht nur vier authentische Porträts entstehen lässt, sondern auch die geistig-moralische Landschaft, in der wir miteinander (oder aneinander vorbei) leben, in ihren Zwängen und verpassten Möglichkeiten plastisch macht.
Eine der Lehrerinnen steht noch ganz am Anfang ihrer Laufbahn, eine ist in mittleren Jahren, die dritte hat, wie der eine Mann, die Berufszeit fast schon hinter sich. Was allen gemein ist und sich ohne jede moralisierende Anstrengung mitteilt: Es sind Menschen, die allein sind oder sich doch oft allein gelassen fühlen mit einem Auftrag, der zu den wichtigsten und schönsten gehört, die das Gemeinwesen zu vergeben hat: der Erziehung und Bildung junger Menschen. Was diese Lehrer wie wohl viele ihrer Berufsgenossen manchmal verzweifeln lässt, ist aber die Diskrepanz zwischen Anspruch und Möglichkeiten – der eigenen Grenzen (und der der Eltern ihrer Schüler) durchaus eingedenk.
Gut gesprochen und ohne überflüssige Effekte inszeniert, erweist sich „Ich Wir Ihr Sie“ als spannende Zustandsbeschreibung der Institution Schule, die entscheidend helfen soll, Identität zu finden, aber selbst, in Person ihrer Lehrerschaft, um Identität und Selbstverständnis ringt. Oder den Kampf schon verloren gegeben hat. Keine Anklage, sondern ein trotz aller Ernüchterung auch hoffnungsvolles Plädoyer. Für die Schüler. Und für die Lehrer.

August 2013

Martina Gedeck / Foto: SWR
Das Haus meines Vaters hat viele Zimmer
Von Arno Geiger
Regie: Leonhard Koppelmann
Dramaturgie: Andrea Oetzmann
Produktion: SWR 2013
Länge: 80‘51‘‘
Erstsendung: 11.08.2013
 

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Eine lobende Erwähnung vergibt die Jury an die WDR-Produktion „Manchmal sind Pilze einfach nur Pilze“ von Carey Harrison, die ein großes intellektuelles Vergnügen bereitet.
 

Die Begründung der Jury

Das Hörspiel „Das Haus meines Vaters hat viele Zimmer“ von Arno Geiger überzeugt zunächst durch seine fantasievolle Beobachtung einer Alltagssituation: Eine Frau von Anfang der Vierzig reflektiert ihr Leben, die Bilanz fällt melancholisch bis deprimierend aus, dabei ist scheinbar alles gut. Lilli hat Mann und Kind, die Verhältnisse sind geordnet. Doch bald schon wird eine tiefe Unzufriedenheit deutlich angesichts der eigenen Durchschnittlichkeit. Hinzu kommt: Max, der Ehemann, ist in ihren Augen ein Langweiler, Lilli fühlt sich missverstanden und unter Wert verkauft in dieser Beziehung. Max hingegen lebt sein eigenes Leben – nicht nur im Garten, seinem Fluchtort. Er betrügt Lilli und hat kein schlechtes Gewissen dabei. Alexandra, Lillis jüngere Schwester, die von ihrem Mann verlassen wurde, lebt im Haus der beiden, hadert mit ihrem Schicksal und wird als Projektionsfläche für Lillis Lebensphilosophie benutzt, die ihr selber doch keinen Weg aus der eigenen Krise weisen kann.
Bemerkenswert subtil wird hier vom gewöhnlichen Scheitern einer bürgerlichen Familie erzählt. Gleichsam aus dem Nichts erwachsen die Katastrophen. An Unsicherheit und fehlender Distanz droht Lillis Anspruch auf Würde zu scheitern – und gewinnt, eben aus dieser großen Not, doch wieder eine Chance. Ein starkes, unaufgeregtes, nicht humorfreies Stück über die Suche nach dem Glück. Und getragen nicht zuletzt (wenn auch nicht allein) von der wunderbaren Martina Gedeck, die der Hauptfigur eine große, tief berührende Menschlichkeit verleiht.

Juli 2013

Bettina Hoppe/Foto: Agentur Magnolia
Geschichte einer Liebe
Adele Schopenhauer und Sibylle Mertens-Schaaffhausen
Von Angela Steidele
Regie: Silke Hildebrandt
Dramaturgie und Redaktion: Peter Liermann
Produktion: hr 2013
Länge: 54‘30‘‘
Erstsendung: 14.07.2013
 

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Die Begründung der Jury

Das Hörspiel "Geschichte einer Liebe" überzeugt nicht allein durch die Entschlossenheit, einem ungewöhnlichen Thema zur verdienten Aufmerksamkeit zu verhelfen, sondern zugleich auch durch die Präzision, Eleganz und Offenheit der Umsetzung, ohne dabei jemals auch nur in die Nähe des Verdachts zu geraten, hier würde etwas Sensationelles angeboten. Vielmehr gelingt es der Autorin, der Regisseurin und nicht zuletzt den hervorragenden Darstellerinnen, das Besondere einer im 19. Jahrhundert (und später noch) eigentlich undenkbaren Liebesbeziehung zweier Frauen auf das Wesentliche, die tiefe innere Bindung eben, zurückzuführen und damit als das Selbstverständliche zu zeigen: die Legitimität des Bekenntnisses zueinander. Berührt wird man Einblick in das leidenschaftliche Leben und die Kämpfe der Schriftstellerin Adele Schopenhauer und der "Rheingräfin" Sibylle Mertens-Schaaffhausen nehmen - voller Respekt und Bewunderung. Gespiegelt im Briefwechsel mit der gemeinsamen Freundin Ottilie von Goethe wächst das Doppelporträt zweier erstaunlicher, hochgebildeter, empfindsamer und mutiger Persönlichkeiten, die mehr als nur auf der Höhe der Zeit waren, indem sie sich der Konvention nicht fügten und damit ihr Menschsein im besten Sinne der Aufklärung beglaubigten. Hier liegt zugleich auch die Aktualität des Werkes, das im Übrigen sowohl ein intellektueller als auch ein künstlerischer Genuss ist.

Juni 2013

Jörg Schüttauf / (c) Stephan Flad/MDR
Der Kormoran
Von Holger Böhme
Regie:Gabriele Bigott
Komposition: Tobias Morgenstern
Produktion: MDR 2013
Länge: 54‘30‘‘
Erstsendung: 23.06.2013
 

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Die Begründung der Jury

Das Hörspiel  „Der Kormoran“ erzählt eine alltägliche Geschichte, die in die von ihm selbst als bedrückend empfundene Lebenswelt eines Mannes führt, der vor allem ein Kommunikationsproblem mit seinen Angehörigen, aber auch mit der Umwelt überhaupt hat: Lothar, in mittleren Jahren, ist eigentlich ein praktischer Mensch. Und er ist Angler. Das ist er unter anderem auch deshalb, weil er hier, an seinem sächsischen See,  Herr seiner Entschlüsse ist. Und Ruhe finden könnte, wenn er denn mit sich ins Reine käme. Aber da ist der Kormoran, der verhasste Fischräuber, der auch noch zum „Vogel des Jahres“ erklärt wurde. Und da sind seine Frau, mit der ihn nicht mehr sehr viel verbindet, und sein Sohn, der in jeder Hinsicht anders ist – auch, was seine sexuelle Orientierung betrifft.
 Auf diesen Lothar, überzeugend interpretiert von Jörg Schüttauf, trifft Torben (Matti Krause), der Freund von Lothars Sohn. Torben spürt den grantigen Lothar an seinem See auf und gibt sich als Angel-Interessent aus, der von dem erfahrenen Mann etwas lernen will. Eine dünne Legende, die schnell durchschaut wird. Aber erfahren will Torben ja wirklich etwas – und schließlich erfährt auch Lothar etwas über sich selbst. Auch, weil er sich endlich einmal aussprechen kann. Weil er kein Ekel, schon gar kein Faschist sein will. Und weil er sich natürlich selber vor allem nach Liebe und Anerkennung sehnt. Ein nachdenkliches, am Ende auch versöhnliches Stück über den alltäglichen Kampf um ein würdiges Leben.

Mai 2013

Paul Plamper ©WDR
Der Kauf - Teil 1 und 2
Von Paul Plamper
Regie:Paul Plamper
Auftragsproduktion/Koproduktion: WDR, BR, DLF, Schauspiel Köln
Länge Teil 1: 35‘57‘‘
Erstsendung Teil 1: 25.05.2013
Länge Teil 2: 34‘02‘‘
Erstsendung Teil 2: 26.05.2013

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Die Begründung der Jury

Das Hörspiel „Der Kauf“ ist eine in jeder Hinsicht herausragende funkdramatische  Produktion. Sie überzeugt sowohl inhaltlich als auch durch die großartigen Leistungen der gesamten, exquisit besetzten Darsteller-Riege
(u. a. mit Margarita Broich, Sandra Hüller und Peter Kurth), aus der Milan Peschel noch herausragt. Hinzu kommt die faszinierende technische Umsetzung für das Radio.

Erzählt wird in einer spannenden Rückblende-Dramaturgie die fiktive, gleichwohl atemberaubend authentisch wirkende Geschichte zweier Paare in den besten Jahren, die einen erbarmungslosen Kampf gegeneinander - und um eine Immobilie führen. Dabei werden die gestörten zwischenmenschlichen Beziehungen Schicht für Schicht bloßgelegt, Neid, Hass und Selbstwertdefizite treten immer schärfer hervor. In einem überzeugenden, hoch spannenden Handlungsstrom zeigt sich, wie viel Unheil und Verzweiflung, wie viel Scheinheiligkeit zur Lebenswirklichkeit von Menschen gehören kann, die zu den  Leistungsträgern und Meinungsführern der Gesellschaft gezählt werden. Ein Hörspiel, das gerade in seiner überzeugenden Illusionslosigkeit eben auch für die große, einzige Hoffnung auf das Humane steht.

April 2013

© DLF
Traumrollen
Von Jean-Claude Kuner
Regie: Jean-Claude Kuner
Produktion: DLF / HR 2013
Länge: 54‘36‘‘
Erstsendung: 13.04.2013

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Die Begründung der Jury

In „Traumrollen“, einer Koproduktion des Deutschlandfunks und des Hessischen Rundfunks, spielt der Autor und Regisseur Jean-Claude Kuner virtuos mit Realität und Fiktion. Dabei entsteht ein faszinierendes, tief berührendes Doppelporträt der Protagonisten - zweier Stars, die durch ihre Arbeit im Film und auf der Bühne berühmt sind und die heute in einem Hamburger Seniorenheim leben: Nadja Tiller und Fritz Lichtenhahn. Sie „spielen“ in dem Hörspiel quasi sich selbst - mit all ihren Erfahrungen und allem überwältigenden Charme. Das Stück im Stück handelt von der Einladung des Autors an die Künstler, für ihn Hauptrollen zu geben. Sie nehmen an und lassen die Hörer teilhaben an Gesprächen über berufliche Erfolge und erfüllte Träume, aber auch über ausgeschlagene Angebote und private Einschnitte wie den Tod der Partner. Zugleich weitet sich das Gespräch der beiden, das mit der Arbeit an Traumrollen wie in „Romeo und Julia“ konfrontiert wird, zu einer großen Reflexion über die Kraft des Lebens und den unersetzlichen Reichtum der Kunst. Ein wunderbares Denkmal für Nadja Tiller und Fritz Lichtenhahn, ein Glücksfall für das Radio und seine Hörer!

März 2013

© Deutschlandradio - Anke Beims
La vie en vogue
Von Elodie Pascal
Regie: Elisabeth Putz
Produktion: Deutschlandradio Kultur 2013
Länge: 54’09’’
Erstsendung: 18.03.2013

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Außerdem vergibt die Jury eine lobende Erwähnung für die NDR-Produktion „The dark side of the moon“ von Volker Präkelt über den Gitarristen und Komponisten Syd Barrett, den frühzeitig ausgeschiedenen Mitgründer der Rockband Pink Floyd, der an Schizophrenie litt.

Die Begründung der Jury

Das Hörspiel „La vie en vogue“ von Elodie Pascal (Regie: Elisabeth Putz) überzeugt durch die souveräne Klarheit, mit der es sich seinem Gegenstand, der Lebenswirklichkeit von Models, annimmt. Vorurteilsfrei und ohne moralisierende Fingerzeige nimmt die Produktion ihre Protagonisten ernst, das gemeinsame Agieren von authentischen Zeugen und Schauspielern verstärkt Spannung wie Glaubwürdigkeit des Stückes, das sowohl das gängige, mediengesteuerte Wissen über den Modelberuf hinterfragt, als auch weniger oder gar nicht bekannte Aspekte präzise, aber stets taktvoll zur Sprache bringt – zum Beispiel die Frage nach der Sexualität.

Sprachlich zurückhaltend und gerade deshalb überzeugend gestaltet sowie mit wenigen, aber markanten Leitmotiven inszeniert, setzt sich „La vie en vogue“ zugleich, quasi im Subtext, mit einem verbreiteten Phänomen auseinander: der Faszination durch einen Beruf, von dessen Ausübung viele junge Frauen träumen – oftmals ohne zu ahnen, welche Konsequenzen eine solche Karriere für die eigene Persönlichkeit und die sozialen Kontakte haben wird. Ein Lehrstück, das einen Zustand beschreibt, aber niemals didaktisch ist.

Februar 2013

© SWR/Monika Maier
Das grüne Auge von Falun - Suchlauf auf einer vergangenen Skala
Von Stephan Krass
Regie: Ulrich Lampen
Dramaturgie: Manfred Hess
Produktion: SWR 2013
Länge: 48’52’’
Erstsendung: 21.02.2013

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Die Begründung der Jury

Die Produktion besticht zunächst durch ihre konsequent und geradlinig, dabei unprätentiös und konzentriert ausgeführte Grundidee, eine Epoche der bundesdeutschen Geschichte aus der Erinnerung eines Heranwachsenden, dann jungen Erwachsenen zu spiegeln - beginnend in der Nachkriegszeit der 1950er Jahre im Westen und bis zum politisch-gesellschaftlichen Aufbruch, der sich dort in den 1970er Jahren vollzog.

Zweitens überzeugt die dichte, fesselnde Sprache, die Hörvergnügen und Spannung erzeugt. Dabei kommt das Hörspiel mit bewusst reduziert eingesetzten radiophonen Mitteln aus, die deshalb aber umso wirkungsvoller sind - zumal die wiederkehrenden, gleichsam aus der Ferne gesprochenen Textpassagen.

Schließlich muss drittens die herausragende Sprecherleistung von Matthias Brandt gewürdigt werden, der dem Werk höchste Intensität und Glaubwürdigkeit verleiht.

Die Intention des Autors Stephan Krass ist es offensichtlich gewesen, anhand von sehr persönlich wirkenden Innen-Ansichten ein Zeitbild zu entwerfen, das die Hörerinnen und Hörer zugleich zur Selbstbefragung anzuregen vermag. Das ist nach einhelliger Ansicht der Jurymitglieder überzeugend gelungen.

Januar 2013

Foto SWR
Pieta Piëch. Ein Dokumentarpassionsspiel
Von Walter Filz
Regie: Walter Filz
Musik: Walter FIlz
Redaktion: Ekkehard Skoruppa
Produktion: SWR 2013
Länge: 86’30’’
Erstsendung: 27.01.2013

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Die Begründung der Jury

„Pieta Piëch. Ein Dokumentarpassionsspiel“ gelingt es, ein spannendes, facettenreiches Porträt des einflussreichen Managers zu zeichnen, der als öffentlichkeitsscheu und abweisend gilt. Dabei macht die furiose Produktion sowohl die Sicht auf Ferdinand Karl Piëch als auch seine Selbstdarstellung und den Versuch, das eigene Bild in der Öffentlichkeit zu prägen (u. a. durch Zitate aus seiner Autobiografie) zum Thema und verknüpft dies alles auf höchst gelungene, kunstvolle Weise miteinander.

Der Porsche-Enkel und VW-Aufsichtsratsvorsitzende wird dabei als ein Mensch von großem Machtanspruch erkennbar, den er mit Kälte und Härte auch gegen sich selbst durchsetzt. Stets wird der 1937 Geborene aber mit großer Gerechtigkeit behandelt. Seine Fähigkeit, die Produkte, deren bestmögliche Konstruktion und deren weltweiter Verkauf sein Lebenszweck sind, wird ebenso gewürdigt wie der bemerkenswerte Umstand, dass Piëch als Ingenieur das Geschäft von der Pike auf gelernt hat: Er weiß, wie ein Auto gebaut wird, er ist der Mann, dem niemand etwas vormachen kann.

Durch deutlich ironisierende Elemente, etwa die Bezugnahme auf den selbstbegeisterten Bericht eines Journalisten, der zu Piëch vorgelassen, aber nur benutzt wird, und durch den Einsatz des Chores, der die doppelsinnig gemeinte Passion des großen Machers besingt, gelingt es dem Autor und Regisseur Walter Filz, die nötige Distanz souverän zu wahren. Am Ende des 80minütigen Hörspiels, das durch Tempo, Witz und Angriffslust, aber auch durch Fairness besticht, ist man neugierig auf einen mächtigen, einsamen und verschlossenen Mann, dem man vielleicht niemals näher kommen wird als eben in diesem funkdramatischen Kabinettstück.