Hörspiel des Monats/Jahres 2014

Hörspiel des Jahres 2014

Foto Christoph Hilgert
Ickelsamers Alphabet
von Liquid Penguin Ensemble
Regie: Katharina Bihler u. Stefan Scheib (Liquid Penguin Ensemble)
Dramaturgie: Anette Kührmeyer 
Produktion: LPE für  SR / DKultur 2014
Erstsendung: 30.11.2014
Länge: 60‘03“

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s. Hörspiel des Monats November

Vor bald 500 Jahren erschien die erste „Teütsche Grammatica“ von Valentinus Ickelsamer, darin unterweist er in der subtilen Kunst, „die Buochstaben recht nennen (...) und wie man’s mit den natürlichen Organis und Gerüst im Mund machet“. Zum Trost: Laut ausgesprochen, ist Ickelsamers Deutsch auch für unsere Ohren gleich viel verständlicher. Einen Schritt weiter ging der französische Grammatiker Louis Meigret, Ickelsamers Zeitgenosse wollte nämlich die französische Orthographie der Aussprache anpassen. Doch das ist nur eine der Verbindungen, die das Liquid Penguin Ensemble auf seiner jüngsten deutsch-französischen Sprach- und Klangexpedition herausgefunden hat…

Liquid Penguin Ensemble, seit 1997 entwickeln Katharina Bihler (Performerin, Autorin und Regisseurin) u. Stefan Scheib (Komponist und Bassist) in Saarbrücken Projekte als Zusammenspiel aus Neuer Musik, Hörspiel, Theater und Neuen Medien. Für den SR produzierten sie u.a. „Gras wachsen hören“ (Hörspiel d. Monats 12/07, Dt. Hörspielpreis der ARD 08 u. ARD Online Award 08), „Bout du Monde“ (Hörspiel des Jahres 2009), „Auris Interna“ (10) u. „Radio Élysée“ (Hörspiel d. Monats 12/12), alle liegen auch auf CD vor.

Preisverleihung am 28.02.2015 um 19.30 Uhr im Frankfurter Literaturhaus

 mit Bericht der Jury, Präsentation des preisgekrönten Hörspiels, Preisverleihung, Gespräch mit Hörspielmachern und Publikum. Moderation: Christoph Buggert. Der Eintritt ist frei. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich

Die Begründung der Jury

Ein Hör-Spiel! Ein Spiel mit dem Hören! Der Wortlaut wird zum Thema, der Wortlaut materialisiert sich. Der Gaumen als Kathedrale, die Zunge als Werkzeug, die Zunge (‚la langue‘ im Französischen als Zunge und Sprache) als Teil unseres körpereigenen Instruments. Dazu ein kurioses Sammelsurium an Charakteren: Die Allgäuer Großmutter, die jetzt auf der Schwäbischen Alb lebt und Wörter sammelt; der Grammatiker aus dem 16. Jahrhundert; König Ludwig XIV, der das ‚R‘ nicht rollen kann sowie eine pubertäre Cousine zweiten Grades, deren Mutter in La Rochelle Direktorin des Naturhistorischen Museums ist. Die Entdeckungsreise der Halbwüchsigen im Museum wird parallelisiert mit unserem Staunen über die verschiedenen Wörter. Das unglaubliche fragende Staunen: Was ist der Klang des Buchstabens? Wie schreibt man den Klang auf? Wie formt man den Buchstaben? Es entsteht eine oralhaptische Buchstabenerkenntnis! Wir befinden uns in einem grammatischen Varieté.
Mit ihrem Tanz mit den Wörtern, mit der Selbstvergessenheit spielender Kinder gestaltet das Liquid Penguin Ensemble eine wunderbare Unterhaltung und wir erleben ein großes Hörvergnügen! Ein Beispiel gefällig? Die Assonanz-Reihe ‚SCHALLSCHLUCKENDE SCHLUPFLÖCHER DER SCHLICKWÜRMER‘ hat es der Jury besonders angetan und sie wünscht viel Spaß beim Erkunden vieler solcher ‚Schlupflöcher‘ in „Ickelsamers Alphabet“.



Dezember 2014

Foto © MDR/Marco Prosch
Nachtgeschwister, provisorisch
von Wolfgang Hilbig und Natascha Wodin
Regie: Ulrich Lampen
Komposition: Steffen Schleiermacher
Dramaturgie: Steffen Moratz
Produktion: MDR/DLR 2014
Ursendung: 01.12.2014 / MDR FIGARO
Länge: 78‘55‘‘

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Die Begründung der Jury

„Nachtgeschwister, provisorisch“ ist ein ganz besonderer literarischer Dialog – ein In-Beziehung-Setzen von Literatur, eine Chronik und Aufarbeitung der Beziehung einer westdeutschen Autorin und eines ostdeutschen Schriftstellers. Zwei literarische Texte werden im Hörspiel „Nachtgeschwister, provisorisch“ in Dialog miteinander gebracht: Die 1945 in Fürth geborene Autorin Natascha Wodin veröffentlichte 2009 den Roman „Nachtgeschwister“, in dem sie ihre Beziehung zu Wolfgang Hilbig schilderte und über die Erfahrungen, Bedürfnisse, Glücksmomente und Verstörungen dieser zerstörerischen Liebe schrieb, die dreieinhalb Jahre vor dem Mauerfall begann. Im Jahr 2000, ein Jahr vor seinem Tod, hatte der lange Zeit in der DDR lebende Schriftsteller Wolfgang Hilbig seinen Roman „Das Provisorium“ verlegt, ein gleichermaßen in den Bann ziehendes wie verstörendes Buch über eine krisengeschüttelte, von existentieller Unsicherheit und Alkoholexzessen geprägte literarische Figur, hinter der unschwer der Autor selbst und seine Beziehung zu Natascha Wodin aufscheinen.

 

Das Schreiben über Kollegen, über intime Beziehungen, ist, wie man durch jüngere Beispiele wieder erfahren hat, hochgradig heikel. Wann ist es statthaft, über zärtliche Liebe, die immer wieder in Gewalt umschlägt, über Obsession und Schreibhemmung, über Eifersucht und Rausch zu publizieren? Der Einblick in solche intimen Verbindungen scheint nur dann gerechtfertigt, wenn eine hohe ästhetische Verdichtung stattfindet. Für beide Romane, vor allem für Hilbigs „Provisorium“, wurde dies bereits mehrfach bescheinigt.

Es ist das Verdienst der beiden Schauspielerinnen Anja Schneider und Daniela Holtz als „Hörspiel-Bearbeiterinnen“ die beiden vorliegenden Texte in einen intensiven Dialog miteinander zu bringen. Dieses Experiment hatten sie bereits auf die Bühne gebracht, im akustischen Medium nun geben Martina Gedeck und Christian Redl der zunehmend verstörten „Sie“ und dem seine Kräfte zerstörenden „Er“ Ausdruck. Ein intensives Hörspiel um eine amour fou ist entstanden, gleichermaßen menschlich schockierend wie ästhetisch faszinierend.



November 2014

Foto © SR/ Pierre Metzinger
Ickelsamers Alphabet
von Liquid Penguin Ensemble
Regie: Katharina Bihler u. Stefan Scheib (Liquid Penguin Ensemble)
Dramaturgie: Anette Kührmeyer 
Produktion: LPE für  SR / DKultur 2014
Erstsendung: 30.11.2014
Länge: 60‘03“

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Die Begründung der Jury

Ein Hör-Spiel! Ein Spiel mit dem Hören! Der Wortlaut wird zum Thema, der Wortlaut materialisiert sich. Der Gaumen als Kathedrale, die Zunge als Werkzeug, die Zunge (‚la langue‘ im Französischen als Zunge und Sprache) als Teil unseres körpereigenen Instruments. Dazu ein kurioses Sammelsurium an Charakteren: Die Allgäuer Großmutter, die jetzt auf der Schwäbischen Alb lebt und Wörter sammelt; der Grammatiker aus dem 16. Jahrhundert; König Ludwig XIV, der das ‚R‘ nicht rollen kann sowie eine pubertäre Cousine zweiten Grades, deren Mutter in La Rochelle Direktorin des Naturhistorischen Museums ist. Die Entdeckungsreise der Halbwüchsigen im Museum wird parallelisiert mit unserem Staunen über die verschiedenen Wörter. Das unglaubliche fragende Staunen: Was ist der Klang des Buchstabens? Wie schreibt man den Klang auf? Wie formt man den Buchstaben? Es entsteht eine oralhaptische Buchstabenerkenntnis! Wir befinden uns in einem grammatischen Varieté.
Mit ihrem Tanz mit den Wörtern, mit der Selbstvergessenheit spielender Kinder gestaltet das Liquid Penguin Ensemble eine wunderbare Unterhaltung und wir erleben ein großes Hörvergnügen! Ein Beispiel gefällig? Die Assonanz-Reihe ‚SCHALLSCHLUCKENDE SCHLUPFLÖCHER DER SCHLICKWÜRMER‘ hat es der Jury besonders angetan und sie wünscht viel Spaß beim Erkunden vieler solcher ‚Schlupflöcher‘ in „Ickelsamers Alphabet“.



Oktober 2014

Foto © MDR/Thekla Harre
Das Deutschlandgerät
Von Ingo Schulze
Regie: Stefan Kanis
Produktion: MDR
Ursendung: 06.10.2014
Länge: 74‘09

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Die Begründung der Jury

Ein Hörspiel über Kunst, über Literatur und ihre Lebens-Zusammenhänge; ein literarischer Text, der um die Installation „Deutschlandgerät“ von Reinhard Mucha kreist; eine Filmemacherin, die mit Hilfe von Interviews mit Schriftstellern das „Deutschlandgerät“ vorstellen will – Ingo Schulze bietet in seinem Hörspieldebüt einen wunderbar komplexen, vielschichtigen Text. Nur scheinbar kommt er mit traditionellen Hörspiel-Mitteln aus, mit Dialogen, Telefongesprächen, Rückblenden, Atmo-Wechseln, Geräuschen. Denn Ingo Schulze als Autor und Stefan Kanis als Regisseur gelingt ein anregendes Spiel um Kunst als „Welterklärungsmaschine“ und die damit verbundene ständige „Neuinstallation seines Lebens“. Da ist zunächst einmal die Hommage an Reinhard Mucha, dessen irritierende und Kreativität freisetzende Installation „Deutschlandgerät“ von 1990 reflektiert wird, wenn die beiden Schriftsteller Edgar Schmidt und Bernd Claasen sie begehen, und die Installation mit ihren Alltagsgeräuschen dröhnt. Viele Metaphern dieser Reflexionen auf Kunst und Leben kommen direkt von Muchas „Kunsterzeugungsgerät“, etwa die von der Kunst, die schief im Raum steht, vom Wechsel der Horizontalen zur Vertikalen (Mucha hat seinen Atelierfußboden herausgerissen und die Bretter in Vitrinen an die Wand gehängt) sowie schließlich vom „Himmel, der auf die Erde gefallen ist und umgekehrt wieder aufgerichtet worden ist“. Hinzukommen die Fragen nach dem Dissidenten und dem gesellschaftlichen Kontext, wenn der ältere, damals von der DDR ausgewiesene Schriftsteller Claasen, mit dem jüngeren, im Westen erfolgreichen Autor Edgar Schmidt zusammentrifft. Doch entgegen dem Metapher-schweren Titel vom „Deutschlandgerät“ (einem hydraulischen Gerät zum Aufrichten von entgleisten Lokomotiven) und einem Programmumfeld zum Mauerfall ist Ingo Schulzes Hörspiels nicht auf eine deutsch-deutsche Literatengeschichte zu reduzieren. Vielmehr ist ein faszinierendes Hörspiel um Anpassung, Einverständnis und Widerspruch entstanden, das die Jury mit der Auszeichnung „Hörspiel des Monats“ würdigt.

Überhaupt das Spiel mit Kunst und der Dialog mit dem Kunstwerk – ein weiteres „Oktober“-Hörspiel schlug die Jury in Bann. Die Büchner-Preisträgerin Brigitte Kronauer nahm den spätmittelalterlichen Grabower Altar von Meister Bertram in der Hamburger Kunsthalle zum Ausgangspunkt für ihr Hörspiel über die Schöpfung. Mit ihrem reflexions- und anspielungsreichen Text „Herr Hagenbeck hirtet“ ist dem Hessischen Rundfunk ein wunderbarer Auftakt seiner „Bibelprojekt“-Reihe gelungen.



September 2014

©NDR/filine fink PHOTOGRAPHY
Bei mir hing Vati immer pünktlich
am Galgen
Von Niklas Frank
Komposition: Gerriet K. Shama
Regie: Christine Nagel
Produktion: NDR
Redaktion: Susanne Hoffmann
Ursendung: 07.09.2014
Länge: 75‘14

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Die Begründung der Jury

Dass, nach einem geläufigen Bonmot von Karl Kraus, dem Wort ‚Familienbande’ immer ein Beigeschmack von Wahrheit anhaftet, klingt plötzlich zu harmlos, betrachtet man den Fall der deutschen Familie Frank. Niklas Frank, ein Sohn von Hans Frank, einst Hitlers Statthalter im besetzten Polen, Menschenschlächter im Range eines Generalgouverneurs mit fürstlicher Residenz in Krakau, in Nürnburg zum Tode verurteilt und gehenkt. Zufall und Zeit, heißt es bei Herder, sind die beiden Tyrannen, die unser Leben regieren. In mörderischer Zeit in eine mörderische Familie hineingeboren worden zu sein, dieses Verhängnis ist dem Autor Niklas Frank zur Obsession geworden. Mit dem Ruf eines Familienfrevlers – an Blutsverwandten vergreift man sich nicht! – kann er leben.
Es ist ein akustisches Kammerspiel, in dem in konzisen, scharfkantigen, nie zu Pathos oder Schwerfälligkeit neigenden Dialogen  die Psychopathologie einer schrecklichen Familie in furchtbaren Zeitläuften kenntlich gemacht wird. Bruder Norman und Bruder Niklas, beide Söhne von Hans Frank, versuchen sich an der allmählichen Verfertigung der Wahrheit über ihre Herkunft beim Reden. Bruder Norman, inzwischen achtzig Jahre alt und Alkoholiker, trägt dem Vater bis zuletzt in einer Art wissender Verblendung seine Liebe nach; das nimmt Züge einer zynischen Selbstinfantilisierung an. Und so lebte Norman auch, Säufer, Weiberheld, Verantwortung scheuend. Bruder Niklas hingegen ist in lebenslängliche Recherchen verstrickt, um dem Vater, der Familie den Prozess, seinen Prozess zu machen. Wer von beiden ist eigentlich stärker mit dem Vater verbunden?
Zwischen die mit hohem Kunstverstand gesetzten und austarierten Dialogpassagen hat der Autor Originaltonschnipsel von Hans Frank montiert, verwaschen und gelegentlich akustisch an der Grenze der Verständlichkeit. Und ein weiterer Kunstgriff des Hörspielt ließe sich mit dem Begriff der Familienobduktion benennen. Die scharfzüngigen Dialoge legen subtile Pathologien im Gedanken- und Gefühlshaushalt der Brüder bloß. Und Bruder Niklas schaut als Überlebender in der Pathologie der Obduktion seines verstorbenen Säuferbruders Norman zu und kommentiert die Schnitte, mit präzisem Sarkasmus. Großartig übrigens auch, wie die Stimmen von Hans Peter Hallwachs und Wolf-Dietrich Sprenger die Brüder kongenial verkörpern.
Bei Hannah Arendt, in den moralphilosophischen Vorlesungen, heißt es sinngemäß, mit der Indifferenz, der Weigerung zu urteilen, beginne bereits das Böse. Man könnte das beeindruckende Hörspiel von Niklas Frank als existentielle Urteilskunst bezeichnen, vorgetragen mit den Mitteln des Hörspiels.



August 2014

Foto HR
Versuch über die kasachische Steppe. Lieder aus Stalins Lagern
Autoren: Oleg Jurjew / Olga Martynova
Regie: Andrea Getto
Produktion: Hessischer Rundfunk
Redaktion: Ursula Ruppel
Ursendung: 31.8.2014
Länge: 52‘30

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Die Begründung der Jury

Was gibt es Schöneres, als gut erzählten Geschichten zu lauschen? Geschichten, die den „Horror dieser Zeit“ bannen, die anrühren, die menschliche Schicksale lebendig werden lassen und die die Verwobenheit von großer Politik und individuellem Handeln vor Augen führen? Oleg Jurjew und Olga Martynova gelingt genau dies. Das russische Schriftstellerehepaar, das seit mehreren Jahren in der literarischen Szene für Aufmerksamkeit sorgt, kann wunderbar erzählen. Nun haben die beiden in Frankfurt am Main lebenden Autoren dies auch im Hörspiel unter Beweis gestellt.

Ihr „Versuch über die kasachische Steppe“ verwebt Geschichten vom Großvater, der in den späten 1940er Jahren als Literaturwissenschaftler verbannt wurde und im Lager überleben muss, mit Einblicken in die Protesthaltung des in den 1970er Jahren studierenden Enkels sowie mit der Erzählzeit dieses Enkels, der inzwischen als Professor in den USA lehrt. Die „Lieder aus Stalins Lager“ durchziehen dieses Textgewebe wie ein roter Faden. Im Gulag sind es schwermütige Melodien von Kriminellen, die ihren intellektuellen Mitinsassen zwar immer wieder demütigen, sich aber auch von ihm in die russische Literatur entführen lassen. Im Leningrader Studentenmilieu dienen die Lieder 30 Jahre später als romantische Protestsongs. Heute erklingen sie an den protzigen Gräbern von Bandenchefs auf den Friedhöfen Petersburgs.

Wir lauschen Oleg Jurjew, der diese schönen, schrecklichen, balladesken Lieder im Hörspiel zur Gitarre singt. Doch wir werden nicht folkloristisch mit russischer Schwermut konfrontiert, sondern sind eingeladen, ein zartes, kluges Textgewebe der beiden Autoren, gesprochen von Heinrich Giskes (Großvater) und Michael Evers (Enkel), mit zu verfolgen. Entstanden ist ein Hörspiel um Geschichte, um Geschichten und um die Macht des Erzählens.

Les Murray, 1938 in einer Farm in Bunyah / Australien geboren, wo er seit 1986 wieder lebt, ist ein Dichter von Weltrang. Das Leben im Outback prägt und formt diese Dichtung, die Erfahrungen von Ursprünglichkeit und Verwüstungen durch den Menschen, und sie brandet in überbordenden Bildkaskaden an, in tief gestaffelten Klang- und Echoräumen. Die Stimme des Psalmisten und die barbarische Kultur des Viehpeitschenknalls, der Kampf mit dem Engel und das Ringen mit der Depression, ein aus Budapest überlieferter Irrenwitz und kosmischer Sonnenwind, Staunen und Wimmern als existentielle Masken des menschlichen Lebens – das alles beschwört diese Dichtung
herauf.
Catherine Milliken und Dietmar Wiesner haben ausgewählte Passagen dieser Dichtung zum Fundament ihres Hörstücks gemacht, und beide kommen sie von der Musik her und sind, als Instrumentalisten und Komponisten, dem Ensemble Modern assoziiert. Damit ist das Besondere dieser Annäherung und des Spiels mit den Texten von Les Murray angedeutet: Es sind weniger Kategorien wie Sinn und Bedeutung, die das Hörstück konstituieren, als vielmehr Klangwelten und akustische Texturen – Poesie verkörpert sich im Wortlaut, und diesem Wortlaut verschafft das
Hörstück Geltung, durch musikalische Paraphrasierung und Komposition, auch durch Mittel des Field Recordings in Australien, woher Catherine Milliken ursprünglich stammt. Die Macher haben Goethes Rat beherzigt, dass in des Dichters Land gehen möge, wer den Dichter verstehen will. Und mit ihrem Hörstück ist ihnen eine kongeniale Verwandlung der Lyrik und Prosa Les Murrays in ein Kunstwerk eigenen Rechts gelungen. Dass es sich ganz auf die existentielle Wucht der Dichtung von Les Murray verlässt, ist Zumutung und Glücksfall zugleich. Zu diesem Gelingen tragen übrigens die Stimmen der Beteiligten maßgeblich bei; hier sei exemplarisch die großartige Dagmar Manzel erwähnt. Ein oft kolportiertes Klischee behauptet, Dichtung gehe bis an die Grenze des Sagbaren. Nein: Wahre
Dichtung beginnt erst an dieser Grenze. Hört hin!

Juli 2014

Foto SWR
Bunya
Hörstück von Catherine Milliken und Dietmar Wiesner
Nach Texten von Les Murray
Aus dem Englischen von Margitt Lehbert
Komposition und Realisation: Catherine Milliken und Dietmar Wiesner
Produktion: SWR
Ursendung: 10.07.2014
Länge: 47'51''

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Die Begründung der Jury

Les Murray, 1938 in einer Farm in Bunyah / Australien geboren, wo er seit 1986 wieder lebt, ist ein Dichter von Weltrang. Das Leben im Outback prägt und formt diese Dichtung, die Erfahrungen von Ursprünglichkeit und Verwüstungen durch den Menschen, und sie brandet in überbordenden Bildkaskaden an, in tief gestaffelten Klang- und Echoräumen. Die Stimme des Psalmisten und die barbarische Kultur des Viehpeitschenknalls, der Kampf mit dem Engel und das Ringen mit der Depression, ein aus Budapest überlieferter Irrenwitz und kosmischer Sonnenwind, Staunen und Wimmern als existentielle Masken des menschlichen Lebens – das alles beschwört diese Dichtung herauf.


Catherine Milliken und Dietmar Wiesner haben ausgewählte Passagen dieser Dichtung zum Fundament ihres Hörstücks gemacht, und beide kommen sie von der Musik her und sind, als Instrumentalisten und Komponisten, dem Ensemble Modern assoziiert. Damit ist das Besondere dieser Annäherung und des Spiels mit den Texten von Les Murray angedeutet: Es sind weniger Kategorien wie Sinn und Bedeutung, die das Hörstück konstituieren, als vielmehr Klangwelten und
akustische Texturen – Poesie verkörpert sich im Wortlaut, und diesem Wortlaut verschafft das Hörstück Geltung, durch musikalische Paraphrasierung und Komposition, auch durch Mittel des Field Recordings in Australien, woher Catherine Milliken ursprünglich stammt. Die Macher haben Goethes Rat beherzigt, dass in des Dichters Land gehen möge, wer den Dichter verstehen will. Und mit ihrem Hörstück ist ihnen eine kongeniale Verwandlung der Lyrik und Prosa Les Murrays in ein Kunstwerk eigenen Rechts gelungen. Dass es sich ganz auf die existentielle Wucht der Dichtung von Les Murray verlässt, ist Zumutung und Glücksfall zugleich. Zu diesem Gelingen tragen übrigens die Stimmen der Beteiligten maßgeblich bei; hier sei exemplarisch die großartige Dagmar Manzel erwähnt. Ein oft kolportiertes Klischee behauptet, Dichtung gehe bis an die Grenze des Sagbaren. Nein: Wahre Dichtung beginnt erst an dieser Grenze. Hört hin!

 



Juni 2014

Foto RBB
Nach dem Verschwinden
Ein fiktiver Dialog mit Ilse Aichinger
von Christine Nagel
Regie: Christine Nagel
Musik: Peter Ehwald, Andreas Pichler
Produktion: RBB/ORF
Erstsendung: 20.06.2014
Länge: 50‘32

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Die Begründung der Jury

Die Jury hat großen Respekt und einhellige Bewunderung für die Hörspieleinrichtung „November 1918“ (NDR/SWR), basierend auf Alfred Döblins voluminösem Roman. Norbert Schaeffer gelingt ein spannendes, liebevoll bearbeitetes, aufwändig gemachtes Hörspiel-Panorama. Dennoch hat sich die Jury entschieden, dem genuinen Hörspiel den Vorzug zu geben. Denn zwei Literatur-Hörspiele standen sich gegenüber – zum einen die Bearbeitung eines kunstvollen, sprachmächtigen Romans, zum anderen die feinfühlige, poetische Auseinandersetzung mit einer Avantgardistin der Nachkriegsliteratur und des Hörspiels.
„Nach dem Verschwinden“ ist ein „fiktiver Dialog“ mit der seit knapp zwei Jahrzehnten wieder in Wien lebenden Schriftstellerin Ilse Aichinger (*1921). Die 1969 geborene Hörspielautorin Christine Nagel nähert sich ihr mit den Mitteln des Hörspiels, versucht, mit radiophonen Einfällen und sprachlichen Bildern dem enigmatischen Wesen und der Poesie Ilse Aichingers näher zu kommen. Das Verschwinden ist eine zentrale Metapher im Werk der österreichischen Dichterin: Wo ist man nach dem Verschwinden, was bedeutet Verschwinden? Christine Nagel greift viele Bilder aus den Prosaarbeiten der Autorin auf, etwa den grünen Esel, der über die Eisenbahngleise geht, oder den Vater aus Stroh. Sie umkreist eine Art alter Ego der Autorin, deren Zwillingsschwester 1938 auf der Fahrt nach England, wo jüdische Kinder aufgenommen wurden, verschwand. Sie führt eine junge Schauspielerin ein, die auf der Suche nach Arbeit ist und die bei den Wiener Verkehrsbetrieben vorspricht, um später die Namen der Haltestellen einsprechen zu dürfen. Auch sie ist eine Sprachsuchende, eine Spiegelnde, wunderbar gelesen von Verena Lercher. Schließlich ist es die großartige Stimme von Ilse Aichinger selbst. Sie wirkt wie die Erzählerin, sie motiviert, sie animiert. Man könnte ihr stundenlang zuhören. Wer sich dieses Hörspiel, diesen „fiktiven Dialog“ anhört, bekommt Lust auf die Literatur der wunderbaren Ilse Aichinger.

 

 



Mai 2014

Foto WDR
Klaus Barbie - Begegnung mit dem Bösen
von Peter F. Müller, Leonhard Koppelmann, Michael Müller
Regie: Leonhard Koppelmann
Redaktion: Martina Müller-Wallraf
Produktion: WDR
Erstsendung: 16.05.2014
Länge: 174‘ (einteilige Fassung)

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Die Begründung der Jury

Investigative Recherche, die enthüllt; Geschichtsjournalismus, der den Schrecken der Vergangenheit in die Gegenwart holt; ein Doku-Drama, das in den Bann schlägt – wer glaubt, so etwas könne es nur im Fernsehen geben, sieht sich unvermittelt eines Besseren belehrt. „Klaus Barbie – Begegnung mit dem Bösen“ leistet all das im akustischen Medium. Peter F. Müller hat sich als Journalist auf die Spuren des „Schlächters von Lyon“ begeben, jenem SS-Hauptsturmführers Klaus Barbie, dessen Brutalität als Nazi-Scherge beispiellos war, bzw. auf die Spuren der Nachkriegskarriere des Mannes, der als Klaus Altmann in Südamerika im Waffenhandel und für Geheimdienste arbeitete. Ein Zentrum der 170 Minuten langen Hörspielproduktion bilden die O-Ton-Aufnahmen des unverbesserlichen Gewaltmenschen, mit einem Diktaphon aufgenommene Lebensauskünfte im Plauderton. Gebannt folgt man dieser Stimme, die einem das Fürchten lehrt und die Vokabeln wie selbstgerecht, eitel, wahnsinnig und böse hervorruft.

Doch nicht nur das: Das Hörspielteam um Leonhard Koppelmann zeichnet mit vielen weiteren Materialien ein vielperspektivisches Bild der biografischen Entwicklung hin zum NS-Mörder und zum umtriebigen Nachkriegskarrieristen. Herausragend dabei der Schauspieler Felix von Manteuffel, der den bislang unveröffentlichten Memoiren, geschrieben in der Zeit seiner Gefangenschaft ab 1983 in Lyon, seine Stimme gibt. Sowie schließlich der Historiker Peter Hammerschmidt, ein Experte für die erschreckenden Machenschaften der westlichen Geheimdienste und speziell des westdeutschen Verfassungsschutzes, der unaufgeregt und sachlich Tatsachen erklärt, die man für unglaublich erachtet. Braucht eine solche Dokumentation überhaupt Bilder? Die Jury zeichnet diese große und großartige Produktion gerade auch wegen ihrer Konzentration auf Stimme und Sprache aus. Das Böse, dem sich ein Themenschwerpunkt des Hörspielprogramms des WDR im Mai 2014 widmete, wird mit der Produktion „Klaus Barbie – Begegnung mit dem Bösen“ in faszinierender, beklemmender Weise umkreist. „Wenn die Hörer das nicht aushalten, müssen sie es ausschalten“, warnt der WDR. Aber wer diese zweieinhalb Stunden aushält, geht aus dieser erschreckenden Begegnung nicht mehr als derselbe hervor.

 

 



April 2014

Foto hr
Bouncing in Bavaria
von Stefanie Lorey & Björn Auftrag
Regie: Stefanie Lorey & Björn Auftrag
Redaktion: Peter Liermann
Produktion: hr
Erstsendung: 27.04.2014
Länge: 53‘51''

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Die Begründung der Jury

Die Jury kürt im April BOUNCING IN BAVARIA des Autoren- und Regieduos Stefanie Lorey & Björn Auftrag, produziert vom Hessischen Rundfunk, zum Hörspiel des Monats. Das Hörspiel ist in enger Zusammenarbeit mit den beiden Schauspielern Traute Hoess und Felix von Manteuffel entstanden.

Kunst ist kein Kinderspiel, aber ein Kinderspiel kann, fällt es nur den Richtigen in die Hände, unversehens Kunst werden. Die Regeln sind einfach: Hoess und von Manteuffel, Schauspieler, in die Jahre gekommene Kinder und immer noch begeistert Spielende, ermitteln einen Buchstaben (wie bei StadtLandFluß – jemand sagt unhörbar das Alphabet auf, und wenn ein akustisches Signal ertönt, wie bei einem TV-Quiz, wird ein Buchstabe laut.) S wie Suppe, K wie Kuh, D wie Das erste Mal, V wie Vater, P wie Pieseln oder G wie Grab, beispielsweise. Buchstabennudeln der Kindheit ordnen sich zu Erinnerungstableaus. Assoziationsgirlanden beginnen im Wortlaut zu flattern. Im Begriff der Unterhaltung geben sich das wild vagabundierende Gespräch, das überbordende Vergnügen und der existentielle Ernst im Sinne von Lebensunterhalt ein Stelldichein. Ein Zeitalter wird besichtigt und besprochen, von Oberbayern her. Amerikanischer Soldatensender, 1968, Transit nach Westberlin, Fall der deutschen Mauer. Ohne Belehrungstonfall, prismatisch gebrochen im Spiegelkabinett des Erzählens von Hoess und Manteuffel.

Das Hörspiel erweist dem Alphabet, Grundsubstanz aller Poesie, dem akustischen Auftritt jener sechsundzwanzig Charaktere, seine Reverenz. Und der Zuhörer begreift, was es heißt, sich zu erinnern: berichten, sondieren, aufschneiden, vermuten, registrieren, prahlen; finden und erfinden. Die ganze Wahrheit eben, nicht nur das Richtige. Eine ästhetisch genau kalkulierte Dramaturgie des Zufalls lässt den Hörer staunen. Der beiläufig einsickernde Sountrack gibt einen angemessenen Hallraum der Erinnerungen ab. Wie die Stimmen von Hoess und Manteuffel, zwischen den Gravitationskräften der Vergänglichkeit und vitalem Übermut, Wehmut und Spottlust, vergegenwärtigen, was der Fall gewesen ist, von Lorey-Auftrag mit Takt und Kunstverstand arrangiert, es rührt das Herz an. Scheinbar kinderleichte Hörspielkunst.

 



März 2014

Foto WDR/Lippmann
Qualitätskontrolle oder
Warum ich die Räuspertaste nicht drücken werde
von Helgard Haug und Daniel Wetzel (Rimini Protokoll)
Regie: Helgard Haug und Daniel Wetzel
Redaktion: Martina Müller-Wallraf
Produktion: WDR
Erstsendung: 18.03.2014
Länge: 53‘

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Die Begründung der Jury

Ein großartiges Hörspiel von Helgard Haug und Daniel Wetzel, zwei führenden Mitgliedern der Autorengruppe Rimini Protokoll. Die Jury war sich sofort einig: Eine erschütternde Geschichte, die nicht nur erschüttert, sondern auch wachrüttelt, aufrüttelt und am Ende hoffnungsfroh stimmt. Das Bekenntnis zum Leben einer Frau, einer schwerstbehinderten jungen Frau, die ihr Leben mit dem einer Topfpflanze vergleicht, denn „wenn sie nicht gegossen wird, verkümmert sie“. Maria-Christina Hallwachs ist eine der von den Rimini Protokoll-Autoren immer wieder so ernst genommenen und hier im wahrsten Sinn des Wortes großartigen „Alltagsexpertinnen“. Sie redet mit uns, sie spricht uns direkt an, sie scherzt mit uns, sie fordert uns zu Bewegungen auf, die sie nicht mehr machen kann, seit dem Tag, an dem sie kurz nach dem erfolgreichen Abschluss ihres Abiturs auf Kreta in ein Schwimmbecken sprang, das an dieser Seite gerade einmal fünfzig Zentimeter tief war. Seitdem ist Maria-Christina Hallwachs ein sogenannter Kopfmensch. Sie ist vom obersten Halswirbel abwärts gelähmt und wird 24/7 gepflegt. Im Hörspiel „Qualitätskontrolle oder Warum ich die Räuspertaste nicht drücken werde“ erfahren wir die Geschichte ihrer Familie, die Geschichte ihrer Behinderung und wir erfahren vor allem, mit welcher Leidenschaft sie immer noch lebt und leben möchte. Das Hörspiel hat aber mit einer Dokumentation nichts zu tun. Die Sprache enthält zwar dokumentarisches Material, aber durch die Bearbeitung und die Suche nach einer sprachlichen Form wird daraus ein sehr persönlicher, sehr poetischer Monolog. Die Hintergrundmusik, die Geräusche, der Rhythmus der Sprecher, all das fügt sich zu einem Gesamtkunstwerk zusammen. Wir mussten alle drei beim Zuhören lachen und weinen, wir sind dankbar für dieses Hörerlebnis.

 



Februar 2014

Foto Deutschlandradio Anke Beims
Butscher's Block
von David Lindemann
Regie: David Lindemann
Produktion: Deutschlandradio Kultur
Länge: 53’41’’
Erstsendung: 17.02.2014

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Darüber hinaus spricht die Jury eine lobende Erwähnung für „Besänftigende Abfolge“ von Norbert Jochum aus (Produktion: HR). Die unaufdringlich daherkommenden Beobachtungen des Müßiggängers im Café und die subtilen Reflexionen auf das Schreiben entfalten einen radiophonen Hörgenuss. Hier wird nicht laut behauptet und schrill um Aufmerksamkeit gehascht – dieses Hörspiel besticht durch einen leisen, sehr charmanten Reiz.

Die Begründung der Jury

Küche und Krieg, Kochen und Konflikte – der Schlachtklotz, der „butcher’s block“ der Firma Hauenschild aus Ostwestfalen, bildet das Zentrum einer ansonsten wunderbar wirbelnden Hörspielgeschichte. Verrückt kreisen die Vorgespräche von Radiomoderator Walter Burger (Jürgen Kuttner) mit Kochexperten Peter Koch (Ulrich Matthes) um Kochen in Extremsituationen, Kohl-Fahrten, Rezepte aus Ruanda und die Kunst des Brühwürfels. Doch damit nicht genug. Die absurde Koch-Show, die in einem „deutschen Radio für deutsche Hörer am Ende der Welt“ stattfindet, gerät zum erbitterten Duell im Krieg zwischen Nordstadt und Südstadt. Denn Sulla (Jule Böwe), eine Aktivistin des Radiosenders „Radio Freie Südstadt“, hat den live vor Publikum brutzelnden Experten in ihre Gewalt gebracht. Hier kocht er um sein Leben.
Autor und Regisseur David Lindemann gelingt mit „Butchers’s Block“ (Produktion: DLR Kultur) ein groteskes Spiel, das mit viel Sprachwitz und allerlei Blechbläser-Akzenten äußerst amüsant Medien- und Gesellschaftskritik ineinander verrührt. Am Ende hören wir der Zubereitung der Kürbissuppe zu, während gleichzeitig die Macheten geschwungen werden.



Januar 2014

Foto NDR
Onno Viets und der Irre vom Kiez
Nach einem gleichnamigen Roman von Frank Schulz
Regie: Wolfgang Seesko 
Hörspielbearbeitung: Christian Ohaus
Komposition: Andreas Bick
Redaktion: Susanne Hoffmann
Produktion: NDR
Länge: 79’57’’
Erstsendung: 26.01.2014

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Die Begründung der Jury

Als Hörspiel des Monats Januar wird die NDR-Produktion "Onno Viets und der Irre vom Kiez" ausgezeichnet. Ihm liegt der gleichnamige Roman des in Hamburg lebenden Autors Frank Schulz zugrunde. Christiane Ohaus hat den Roman für das Radio eingerichtet; Wolfgang Seesko Regie geführt.
Die Geschichte des notorischen Verlierers, Hartz IV-Empfängers, chronisch von Geldsorgen geplagten und neuerdings als Privatdetektiv dilettierenden Onno Viets reißt den Hörer hin und mit, weil sich in dem Hörspiel die narrativen Stärken und der sprachliche Eigensinn des Romanciers Frank Schulz mit dem phantastischen Repertoire des Spielraums Radio kongenial verbinden. Videoclips werden akustisch vergegenwärtigt. Ping - Pong, ein metrisches Grundgeräusch - Onno Viets ist allein im Tischtennis unschlagbar - , mutiert im Ohr zum stilisierten Schusswechsel. Trivialmythische Versatzstücke und Klischees werden mit Mitteln der Radiokunst in die Schwebe gebracht, mit einem sicheren Gespür für Rhythmen, Proportionen und Erzählökonomie. Der Sprachwitz und die überbordende Metaphorik von Frank Schulz prägen das Hörspiel konstitutiv, durch ihre souveräne Übersetzung ins Akustische. Im Kopf des Hörers verwirbeln sich die Medien prismatisch. Dass keine der Figuren, weder der ewig scheiternde Onno Viets noch sein Auftraggeber, der Unterwelt-Psychopath, genannt das "Händchen", an Häme oder Schadenfreude denunziert werden, zählt zu den ästhetischen Vorzügen dieses preiswürdigen Hörspiels, in dem sich ein hoher Unterhaltungswert und ästhetische Brillanz die Waage halten.