Hörspiel des Monats/Jahres 2015

Hörspiel des Jahres 2015

Foto Astrid Beutel

Die Jury der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste hat das Hörspiel des Monats September zum Hörspiel des Jahres 2015 gewählt.

DSHAN
von Lothar Trolle nach Motiven des Romans von Andrej Platonow in der Übersetzung von Alfred Frank
Regie: Walter Adler
Dramaturgie: Andrea Oetzmann
Produktion: SWR
Ursendung: 20.09.2015
Länge: 76'153''

In der Begründung der Jury für das Hörspiel des Monats hieß es u.a.: "Lothar Trolles Hörspiel nach Motiven des Romans von Andrej Platonow haben der Regisseur Walter Adler und sein Studioteam meisterhaft für den Funk eingerichtet und umgesetzt. Mit Unerschütterlichkeit präsentiert Hans Michael Rehberg als Erzähler eine scheinbar erratische Geschichte, die sich - mit glänzend besetzten Stimmen und im rasanten Wechsel der Erzählebenen und Hörbildern - zu einem surreal-düsteren seltsam aktuellen Gesellschafttableau steigert".

Die Preisverleihung zum Hörspiel des Jahres 2015 findet am 27. Februar 2016 um 19.30 im Frankfurter Literaturhaus statt. Dort wird das Hörspiel noch einmal in voller Länge präsentiert. Darüber hinaus berichtet die Jury über ihre Arbeit und begründet ihre Wahl. Im Anschluss findet ein Gespräch mit den Hörspielmachern und dem Publikum statt.

Moderation: Christoph Buggert.

Der Eintritt ist frei. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich


 

Dezember 2015

Foto Ursula Ruppel
WRITING THROUGH GENESIS
Von Klaus Reichert
Regie und Komposition: Allessandro Bosetti
Dramaturgie: Ursula Ruppel
Produktion: HR
Ursendung: 13.12.2015
Länge: 43'55''


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Die Begründung der Jury

In diesem von Klangkunst-Einreichungen dominierten Dezember fiel die Auswahl auf die Sprachkomposition Writing Through Genesis, nach einem Text von Klaus Reichert. Der Anglist, Übersetzer und Lyriker nahm sich im Zuge der Bibelreihe von hr2, die nach heutigen Perspektiven auf die alte Schrift fragt, der Schöpfungsgeschichte an. In Hommage an seinen Freund John Cage und dessen lautpoetische Texte Writing through Finnegans Wake übertrug Reichert die von Cage benutzte Methodik der Mesostics auf das erste Kapitel der Genesis, in Hebräisch, Deutsch, Griechisch, Latein, Französisch und Englisch. Die vertikale Mittellinie ergibt jeweils die ersten beiden Wörter der Bibel „Im Anfang“. Kein besserer als Alessandro Bosetti hätte sich dieser vielsprachigen Textfragmente für eine Funkbearbeitung annehmen können. Denn auf der Grenzlinie zwischen Sprache und Musik balancieren die meisten seiner Radiostücke. Hier gelingt es ihm spielerisch, assoziativ, indem er die vom Vokalensemble Maulwerker eingesprochenen und eingesungenen Worte auf Silben reduziert, in Soundpartikel zerhackt, wiederholt und im Sinne der alten jüdischen kabbalistischen Tradition der Rekombination von Buchstaben zu immer neuen Klangformationen und Texturen kombiniert. Die sich aus Lauten unterschiedlicher Sprachen entwickelnde Komposition verweist auf das Bibelzitat „Im Anfang war das Wort“ und auf den Turmbau zu Babel und erinnert an die Tatsache, dass die heilige Schrift anfänglich eine oral tradierte war und dem Klang der Silben eine göttliche Kraft zugesprochen wurde. Bosetti und Reichert ist hiermit eine moderne und eigenwillige Interpretation der Schrift und liturgischer a Cappella Gesänge gelungen, dessen tieferer Sinn sich in den O-Ton-Fragmenten am Ende des Stücks offenbart: „Die frühen Rabbiner und die Kabbalisten waren der Meinung, dass in jedem Wort der...“/„...die Überzeugung, in jedem Wort dieses Werkes steckt das ganze Werk drin.“



November 2015

Foto SWR
CONFIRMATION
Nach der gleichnamigen Theaterperformance von Chris Thorpe
Aus dem Englischen von Katharina Schmitt
Hörspielbearbeitung und Regie: Klaus Buhlert
Musik: Another Plus Band
Dramaturgie: Manfred Hess
Produktion: SWR
Ursendung: 12.11.2015
Länge: 54'52''


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Die Begründung der Jury

„Confirmation – Bestätigung“ von Chris Thorpe, aus dem Englischen von Katharina Schmitt, ist zunächst als Theaterperformance entstanden. Der Autor trat mit „Confirmation“ in Edinburgh, Großbritannien und international auf. Klaus Buhlerts Hörspielfassung für den SWR ist nicht nur die deutsche Erstaufführung  -  durch Corinna Harfouchs intensives und zugleich subtil-minutiöses Monologisieren wird „Confirmation“ zu einer genuinen Hörspielfassung, also zu einem hintersinnig-aktuellen, widerhäkischen Hör-Spiel, das dem Hörer größte Aufmerksamkeit abverlangt, will er nicht von einer Falle in die andere tappen. „Confirmation“ stellt die Frage, wie unser Denken funktioniert. Wollen wir nur das bestätigt sehen, was wir schon wissen? Können wir die Welt mit den Augen des anderen sehen? Wie weit kann unser Verstehen für den anderen gehen? Thorpes und Corinna Harfouchs Monolog bedient niemanden, er ist eine irritierende, den eigenen Standpunkt klärende Hör-Herausforderung, auch durch seine strikte Form, die mit scharfen musikalischen Einwürfen (Musik: Another Plus Band) akzentuiert wird.



Oktober 2015

Foto Deutschlandradio/Sandro Most
THE UNKNOWN
von Matthew Herbert
Komposition: Matthew Herbert
Chorleitung: Sabine Wüsthoff
Recherche: Clarisse Cossais
Produktion: Deutschlandradio Kultur / BR / ROC
Ursendung: 02.10.2015
Länge: 30'07''


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Die Begründung der Jury

Deutsch-deutscher Rundfunk am 2. Oktober 1990, fast real time reagieren die Sender hüben wie (noch) drüben auf die Ereignisse. Näher ist man nur, wenn man inmitten dabei ist. Wenn heute über die deutsche Wiedervereinigung nachgedacht wird, dann erfolgt das aus der Diskurssicherheit historischer Distanz. Matthew Herbert collagiert nicht, er komponiert die O-Töne jener Tage. Meinungen, Kommentare, Äußerungen, die noch keine Erfahrung korrigiert hat. Was die Debatten vergangener Jahrzehnte unter Meta-Ebenen begraben, frischt sein Hörstück für uns auf: So redeten und dachten wir damals tatsächlich, so klug oder dumm hörten wir uns an. Electronica Produzent Herbert bindet die Stimmen der Zeit in die Stimmen zweier Chöre, er schafft und nutzt alle Hör- und Rezeptions-Räume, die das Medium bietet. Stegreif-Kommentar trifft auf Komposition, Dokumentarisches wird artifiziell, und umgekehrt. So gelingt ein zeitdokumentarisches Hörstück, dass durch die spektakuläre Begegnung von RIAS Kammerchor und Rundfunkchor Berlin selbst wieder zu einem Zeitdokument wird. Ein Meisterwerk.



September 2015

Foto Astrid Beutel
DSHAN
von Lothar Trolle nach Motiven des Romans von Andrej Platonow in der Übersetzung von Alfred Frank
Regie: Walter Adler
Dramaturgie: Andrea Oetzmann
Produktion: SWR
Ursendung: 20.09.2015
Länge: 76'153''


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Die Begründung der Jury

„Ich habe für mich mal formuliert, dass jedes Stück einen Beitrag zur Entwicklung der deutschen Sprache leisten müsste, sonst ist es unwichtig“, so Lothar Trolle in einem Interview für Theater der Zeit von 2009. Das ist ihm zweifellos in dem Stück „Dshan“ gelungen: sprachgenau, präzise in den Metaphern, stark in unverbrauchten Bildern entwickelt Trolle aus dem mystischen Stoff der gleichnamigen Novelle von Andrej Platonow einen wortgewaltigen Erzählstrom. In dessen Mittelpunkt steht der junge Ingenieur Nasar: er hat den Auftrag übernommen, das zersprengte dem Tod geweihte Wüstenvolk „Dshan“ nach Hause zurück zu führen.
Dem Inhalt angemessen und meisterhaft im Handwerk haben Walter Adler und sein Studioteam die literarische Vorlage für den Funk eingerichtet und umgesetzt. Die Unerschütterlichkeit, mit der Hans Michael Rehberg als Erzähler eine scheinbar erratische Geschichte präsentiert, die hochkarätige Besetzung aller weiteren Stimmen, der pausenlose, präzise Schnitt, der schnelle atemlose Wechsel zwischen den verschiedenen Stimmen, Erzählebenen und Hörbildern, die sparsamen aber bedacht eingesetzten Gesangseinlagen – besser hätte man die surreal-düsteren Bilder und die Leiden des heimatlosen, getriebenen Nomadenstamms nicht umsetzen können. Ein an die Schmerzgrenze reichender akustischer Marathon, der die eigentlich in einer früheren Welt angesiedelte Handlung angesichts der momentanen Bilder von Flüchtlingsströmen und Armutsmigration seltsam aktuell erscheinen lässt.



August 2015

Foto Deutschlandradio/René Fietzek
NICHT MIT MIR
von Per Petterson
Regie: Steffen Moratz
Komposition: Andreas Bick
Redaktion: Stefanie Hoster
Produktion: Deutschlandradio Kultur/HR
Ursendung: 30.08.2015
Länge:  85'15''

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Die Begründung der Jury

In der momentanen Fülle der Hörspiele, die auf Romanen oder Erzählungen basieren, besticht das vom Hessischen Rundfunk und Deutschlandradio produzierte Hörspiel "Nicht mit mir" nach dem gleichnamigen Roman des norwegischen Schriftstellers Per Petterson durch seine gelassen ruhige Erzählweise, in der nichts aufgepeppt wird. Mehr noch: In der Regie und Bearbeitung von Steffen Moratz und mit der ingeniösen, behutsam eingesetzten Musik von Andreas Bick wird "Nicht mit mir" zu einem genuinen Hörspiel, das sogar den Hörer dazu bringt, in sich selbst hineinzuhören, nämlich in seine eigene Lebensgeschichte. Die unverbrüchlich scheinende und doch abrupt beendete Freundschaft zweier Jungens, die sich nach dreißig Jahren unvermutet wieder begegnen, erweist sich als rätselhaft stark. Auch nach dreißig Jahren ist die Erinnerung voller Fragen. Die treffende Besetzung der jungen und alten Rollen, die genau ausbalancierten wechselnden Zeitperspektiven und die unaufgeregten Reflexionen verschaffen diesem Hörspiel eine große immanente Spannung, hinter der die Frage steht: Welchen Sinn hat Erinnerung? Per Petterson und das Hörspiel "Nicht mit mir" wahren die Geheimnisse des Lebens. Das gibt diesen 85 Minuten, trotz ihrer Hoffnungslosigkeit, einen melancholischen Reiz, ja sogar eine warmherzige Nähe.



Juli 2015

Foto Deutschlandradio/Sandro Most
UNSERES HERZENS GORDISCHER KNOTEN
Diskretionen von Mary de Rachewiltz, der Tochter Ezra Pounds
von Klaudia Ruschkowski
Regie: Giuseppe Maio
Atmos/Sounds: Giuseppe Maio
Redaktion:  Ulrike Brinkmann
Produktion: Deutschlandradio Kultur
Ursendung: 05. Juli
Länge:  86'42''

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Die Begründung der Jury

Komplexe zeitgeschichtliche und familiäre Hintergründe, dramatische Verwicklungen und Schicksalsschläge –  die Autorin dieses Hörstücks und ihr Feature-erfahrener Regisseur geben einer seltenen Zeitzeugin allen Raum, sich mit Humor und lebenspraller Einsicht zu erinnern. Mary de Rachewiltz antwortete 1971 mit ihrem Buch Discretions auf Ezra Pounds Familiengeschichten Indescretions. Hier, in diesem Hörstück, antwortet sie sich selbst. Klaudia Ruschkowski und Giuseppe Maio nehmen sich dafür in ihren eigenen Gestaltungsmöglichkeiten nicht zurück, aber sie dosieren ihre atmosphärischen Sounds und Wort-Collagen so feinsinnig und diskret, dass der Erinnerungsraum nie zugestellt wird. Zeitzeugenberichte werden schnell besserwisserisch oder allzu privat und selbstgefällig. Dieser nicht, denn Ruschkowski und Maio wissen: Die Tochter Ezra Pounds kann erzählen, sie hat Vergnügen daran und wir, genau darum, mit ihr. Kein bloßer Nachtrag zur Faktenlage, keine einfältige Anekdotensammlung. Lebensweisheit setzt Lebenslust voraus, das lässt sich hier hören.



Juni 2015

Foto Teresa Marenzi
THE BLACK HOLE RADIO
Gespräche über das Nullwachstum und Lieder aus der Nachbarschaft
von Luise Voigt mit der Gruppe hURRAh!
Regie: Luise Voigt
Musik: Björn SC Deigner
Dramaturgie: Manfred Hess
Produktion: SWR
Ursendung: 25. Juni
Länge:  41'59''

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Die Begründung der Jury

Luise Voigt und die Gruppe hURRAh! schufen mit THE BLACK HOLE RADIO ein Hörspiel des unmittelbaren Nachdenkens, des Nachdenkens in einer tastenden Form und in einer nach Begriffen suchenden Alltagssprache. In einem gesellschaftlich fast schon zur Religion verordneten Zustand allgemeinen Wachstumsstrebens, das alles zu beherrschen scheint, bringt Luise Voigt drei Menschen dazu, ausgerechnet über Nullwachstum nachzudenken. In immer wieder erneuten Anläufen denken die Drei über die NULL nach. Eine Null, die doch viel bedeuten kann: Ende und Anfang, entweder – oder, weder – noch, sowohl als auch… So werden drei Monologe, die auf Interviews basieren, auch zu Dialogen. Indem dieses Hörspiel das Stocken des Redeflusses nicht kaschiert, die sympathisch sprachlichen Unzulänglichkeiten nicht falsch glättet, sondern offenherzig kundtut, lädt Luise Voigts Hörspiel den Zuhörer geradezu ein, mit zu denken, mit zu gehen. Das macht „THE BLACK HOLE RADIO Gespräche über das Nullwachstum und Lieder aus der Nachbarschaft“ – eine Produktion des SWR – auf eine besondere Weise einnehmend, zumal das Hörspiel von Björn SC Deigner musikalisch ungemein genau strukturiert und akzentuiert ist.



Mai 2015

Foto Bayerischer Rundfunk
Die Quellen sprechen (7/16)
Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933 – 1945
Eine dokumentarische Höredition
Teil 7: Sowjetunion mit annektierten Gebieten I
Manuskript: Michael Farin
Bearbeitung: Bert Hoppe/Hildrun Glass
Regie: Ulrich Lampen
Redaktion: Katarina Agathos/Herbert Kapfer
Produktion: BR Hörspiel und Medienkunst in Zusammenarbeit mit dem Institut für Zeitgeschichte/Edition ‚Judenverfolgung 1933 – 1945‘, 2015
Ursendung: 16. Mai
Länge:113'13

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Die Begründung der Jury

Innerhalb der vielseitigen Palette an Hörspielgenres überzeugt das Hördokument „die Quellen sprechen (7/16)“ durch seine Schlichtheit und Eindringlichkeit in der Komposition außergewöhnlicher Zeitzeugnisse. Berichte von Wehrmachtsangehörigen über die Massenerschießung von Juden stehen neben Propagandaanweisungen und Tagebucheintragungen Betroffener. Die Texte berichten in plastischer und vielschichtiger Weise von der Judenverfolgung in den ab 1941 besetzten sowjetischen Gebieten unter deutscher Militärverwaltung. Dabei liegt etwas Unausweichliches in der Detailliertheit der Quellen, besonders unterstützt durch die rein akustische Form, die keine Ablenkung und kein Entkommen von der direkten Konfrontation mit dem Grauen erlaubt.
Besonders bemerkenswert ist die Inszenierung der Texte durch Schauspieler und Zeitzeugen, die hier anders als sonst üblich, nicht nur die eigenen Geschichten erzählen, sondern auch fremde Zeitdokumente lesen. Die Stimmen der Überlebenden mit ihrer ganz eigenen Klangfarbe und Sprechmelodie erinnern an die Sprache der Ermordeten und lassen das historische Geschehen auf ganz eindringliche Weise lebendig werden.
Dem Bayerischen Rundfunk ist zusammen mit dem Institut für Zeitgeschichte ein monumentales mehrteiliges Audiowerk gelungen – es erinnert in seinem zeitlichen Ausmaß daran, dass sich diese dunkle Episode deutscher Geschichte nicht in 45 Minuten abhandeln lässt.



April 2015

Foto Gregor Knüppel
Orpheus in der Oberwelt: Eine Schlepperoper
von andcompany&Co
Regie: Sascha Sulimma, Alexander Karschnia, Nicola Nord
Redaktion: lsabel Platthaus
Produktion: WDR
Ursendung: 18.04.2015
Länge:49'39

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Die Begründung der Jury

Das Hörspiel zur Stunde: Im Mittelmeer ertrinken fast täglich Flüchtlinge, andcompany&Co schufen ihre „Schlepperoper“ noch bevor es der Politik und den Medien mal wieder eine Reaktion wert war. So entsetzlich aktuell diese Produktion auch ist, sie vergeudet keine Sekunde an die landläufigen Betroffenheitsposen. andcompany&Co informieren, zeigen, klagen an, aber sie erstarren nie hölzern didaktisch oder appellativ vor der brutalen Wirklichkeit der Ereignisse. Im Vollbesitz nahezu aller Mittel des Mediums verweben Sulimma, Karschnia und Nord den Orpheus-Mythos mit tagespolitischen Zeitgeschehen. Das wurde und wird immer wieder versucht, andcompany&Co gelingt es. Selbstironie bei bitterem Ernst, sprachlich genau und sicher bis in die Soziolekte, gutgelaunt im Spiel mit Opernstereotypen, Reportagekommentar, Moderatoren- und Reiseleiterfloskeln, Idiomen klassisch griechischer Dramatik – eine formale Fabulierlust, die nie ihren Anlass und den Ernst ihres Themas vergisst. “Orpheus in der Oberwelt: Eine Schlepperoper“ vereint politische Klarsicht mit künstlerischer Meisterschaft: Hörspiel des Monats April!



März 2015

Foto WDR
Ich als Großprojekt
Von Till Müller-Klug
Regie: Thomas Wolfertz
Redaktion: Isabel Plattahus
Produktion: WDR
Ursendung:17.03.2015
Länge: 54'02

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Die Begründung der Jury

Die Pyramidenbauten unserer Tage: das ICH und der Flughafen (oder die Philharmonie, der Bahnhof, das Stadion  usw.). Thomas Wolfertz lässt in Till Müller-Klugs "Ich als Großprojekt" den Witz dieser Tragik mitanhören. Sozialer Mikro- und Makrokosmos verbinden sich im Größenwahn und enden in Larmoyanz. Wäre das Ausnahme und Einzelfall, man könnte sich in Fremdscham abwenden.

Till Müller-Klugs Satire trifft, wie und wo gute Satire zu treffen hat: nie platt denunzierend, gut recherchiert und souverän in ihrer Sach- und Menschenkenntnis. Text, Regie und Darsteller verhindern, dass die Komik zum Lächerlichen verkommt. Hören wir und gehen auf Distanz, dann ist das nur Notwehr, die Distanz zu uns selbst. Ich als Großprojekt, das ist nicht nur der Titel eines Hörspiels, das ist – peinlich – wohl das exemplarische Programm unserer eigenen Gegenwart.



Februar 2015

Foto Bettina Fürst-Fastré/DLF
Ob die Granatbäume blühen
Von Gerhard Meier
Regie: Janko Hanushevsky
Komposition und akustische Einrichtung: Merzouga
Dramaturgie: Sabine Küchler
Produktion: Deutschlandfunk
Ursendung:14.02.2015
Länge: 68'07

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Die Begründung der Jury

Das Hörspiel „Ob die Granatbäume blühen“ steht in seiner radikalen Einfachheit wie ein einsamer Solitär in der aktuellen Hörspiellandschaft. Es ist ein klassisches Hörspiel, klassisch in seiner strikten Konzentration auf die Stimme eines Schauspielers. Ueli Jäggi ist die Stimme des Schweizer Schriftstellers Gerhard Meier, er spricht dessen Text differenziert lebendig und zugleich beständig inständig. Ein Monolog entwickelt sich zu einem großen Lebenspanorama, in dem die Ehefrau Dorli, auch nach ihrem Tod, der immer präsent bleibende Lebensmensch für Gerhard Meier ist. Und so ist der Monolog zugleich ein insgeheimer verwunschener Dialog. Das ist ein Kunststück, das in diesem Fall Zuhören unversehens zu einem vergnüglichen Innehalten macht.
Ergänzend zu diesem Hörspiel hat der Regisseur Janko Hanushevsky in einem Radiofeature unter dem Titel „Das Ohr der Welt in Meiers Garten“ eine sehr informative „Annäherung an den Schriftsteller Gerhard Meier“ geschrieben und als Regisseur produziert, ebenfalls beim Deutschlandfunk.



Januar 2015

Foto Deutschlandradio
BLOWBACK | DER AUFTRAG
Von Elodie Pascal
Regie: Elisabeth Putz
Produktion: Deutschlandradio Kultur
Ursendung:19.01.2015
Länge:50‘42

mit der dazugehörigen Hörgame App:
BLOWBACK | DIE SUCHE
Von Elodie Pascal
Regie: Elisabeth Putz
Produktion: Deutschlandradio Kultur mit der Forschungsgruppe Creative Media der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin
Länge:variabel

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Die Begründung der Jury

Das Hörspiel ist keinesfalls vor dem Aussterben bedroht wie es immer wieder gern behauptet wird. Für das Interesse einer jungen Generation an der akustischen Kunstform zeugt eine wachsende alternative Hörspielszene mit ihren unabhängigen Festivals, Verlagen und Internetplattformen. Altmodisch ist nicht das Hörspiel selbst als vielmehr die traditionellen Wege seiner Verbreitung. Denn die Generation der Digital Natives hören schon längst nicht mehr vor dem Radiogerät und zu festen Zeiten, sondern mobil auf ihrem Smartphone, per stream, podcast oder wieder vermehrt in Gemeinschaft. Umso wichtiger ist es, dass sich die Hörspielabteilungen mit diesen neuen Rezeptionsbedingungen auseinandersetzen und der technologischen Entwicklung durch neue Formate Rechnung tragen. Das ist dem Deutschlandradio Kultur mit seinem neuesten Experiment bestens gelungen.
Blowback- die Suche verbindet geschickt ein Science-Fiction-Hörspiel, das den Kampf um die letzten Trinkwasserreserven im Jahr 2047 zum Thema hat, mit einem modernen Game für das Handy. Besonders an dem Game ist: es handelt sich um ein reines Hör-Game. Ausgestattet mit guten Kopfhörern und einem Interface, das visuell nur die wichtigsten Tools zur Navigation anzeigt, begibt man sich auf den virtuellen Audiowalk,  navigiert durch die verschiedenen Levels, die verschiedenen Etagen des unterirdischen Hotels. Die Skills für das erfolgreiche Spielen sind konzentriertes Zuhören und ein guter akustischer Orientierungssinn.
Damit hat das Team von Deutschlandradio Kultur zusammen mit der Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft nicht nur den Begriff Hör-Spiel beim Wort genommen und neu interpretiert, es hat auch die schon fast vergessene Technik der Kunstkopf-Stereophonie wieder ins Leben gerufen und darauf aufmerksam gemacht, dass diese 40 Jahre alte Technik in Zeiten von mobilen Endgeräten ein Comeback erfahren kann: in der Gameindustrie, aber auch im Bereich der Audio-Guides und der akustischen Kunst überhaupt. Blowback schlägt Brücken zwischen unterschiedlichen Medien und Szenen. Das Hörspiel wird an die Welt der Games herangeführt, während die Gameindustrie vielleicht von der Radiokunst lernen und eine ihrer typischsten Gestaltungsformen für sich entdecken kann: die Narration, die alleine durch Gestaltung von und dem Spiel mit akustischen Hörräumen gelingt.