Hörspiel des Monats/Jahres 2017

August

©Deutschlandradio/Sandro Most
NACHT
von Etel Adnan
Übersetzung: Klaudia Ruschkowski
Bearbeitung: Klaudia Ruschkowski und Giuseppe Maio
Regie: Giuseppe Maio
Komposition: Ulrike Haage
Redaktion: Ulrike Brinkmann
Produktion: Deutschlandfunk Kultur
Länge: 63'54
Ursendung: 06.08.2017


tl_files/uploads/akademie/bilder/hoerspiel/2010/play.gif reinhören

Die Begründung der Jury

Die 92jährige libanesisch-amerikanische Schriftstellerin Etel Adnan, deren Stimme im englischen Originalton die Grundlage des Hörspiels bilden, übt mit ihren Meditationen über die Nacht eine suggestive Wirkung aus. Träume, Erinnerung, das Universum und Imagination sind zentrale Begriffe, die sie mit sinnlichen Metaphern und frappierenden Sprachbildern umspielt. Die Stimmen der Schauspielerinnen Angela Winkler und Sandra Borgmann sind von Klaudia Ruschkowski, die den Text auch übersetzte, und Giuseppe Maio als deutsche Gegenstimmen inszeniert. Denn sie übersetzen das Original nicht nur, sondern erschaffen mit Auslassungen, Zusatztexten, gliedernden Wiederholungen, Überschneidungen und synchronen Hervorhebungen einen Innenraum („Cézanne sagte zu recht, dass Natur Innenraum ist“), in dem die philosophische Poesie Etel Adnans sich subtil entfaltet: „Es ist immer Nacht, sonst brauchten wir kein Licht.“

Juli

©Deutschlandradio/David Golyschny
GOLD. REVUE
von Jan Wagner
Regie: Leonhard Koppelmann
Komposition: Sven-Ingo Koch
Produktion: DLF/SWR
Dramaturgie: Sabine Küchler
Redaktion: Manfred Hess
Länge: 84'16''
Ursendung: 15.07. DLF / 16.07 SWR


tl_files/uploads/akademie/bilder/hoerspiel/2010/play.gif reinhören

Die Begründung der Jury

Den legendären amerikanischen Goldrausch sieht Jan Wagner in „Gold. Revue“ sprachlich prägnant unter neuen Perspektiven. Sein Hörspieldebüt ist eine lyrische Nummernrevue, die mit einem Prolog zum Ursprung der Welt und des Goldes beginnt, und dies grundlegend in Mechthild Grossmanns Bass. Dieser zeitlichen Tiefensondierung folgt ein raumgreifendes Weitwinkelpanorama, das bewegte Bilder von Landstrichen und Küsten eröffnet: Von überall her brechen Gold- und Glückssucher westwärts auf. Modellhaft vertreten diesen Drang sechs verschiedene Abenteurer, die hier ein hochkarätiges Sprecherensemble teils behutsam, teils stürmisch ins Spiel bringt.

In kluger Regie gewichtet und rhythmisiert Leonhard Koppelmann Abschiede, Aufbrüche, Goldgräbertrott und -fron. In  der Sierra wird der Text lautmalend: Da klopfen die Spaten, pochen und picken die Hacken, scharren, schürfen, schaufeln und schleppen die Helden, bis Sprechen in Songs übergeht. Doch gereimt und ungereimt siegt schließlich die Schwerkraft der Verhältnisse. Sie raubt den Abenteurern den Impuls zum Absprung, zu versprochener Heimkehr und Liebe, überhaupt zur Umwandlung von Gold in Lebensqualität. In groteskem Kontrast zu dieser Bilanz präsentiert die Revue Profiteure des Goldrauschs wie den Saloon-Chef samt Damen, deren buntgemischtes Angebot von Apfeltorte, Whisky, Sex und Spielhölle den Elenden die Goldunzen und den letzten Lebensnerv raubt. Staunenswert wird ein Western-Stoff hier zum akustischen Welttheater.

Juni

© MDR/Thekla Harre
FOLLOWER
von Eugen Ruge
Regie: Ulrich Lampen
Produktion: MDR
Länge: 88‘57‘‘
Ursendung: 26.06.2017


tl_files/uploads/akademie/bilder/hoerspiel/2010/play.gif reinhören

Die Begründung der Jury

Es ist nicht die ferne Zukunft, die Eugen Ruge in der Hörspielbearbeitung seines gleichnamigen Romans „Follower“ in den Blick nimmt. Vielmehr blickt er in den dystopischen Abgrund unserer Zeit.

Ein neuer Tag des Jahres 2055 beginnt für Nio Schulz, Marketer für „True Barefoot Running“, ein Produkt, dessen Simplizität nur ein weiteres Glücksversprechen in einer überkomplexen Konsumwelt darstellt, in der nichts mehr wirklich relevant zu sein scheint. Der permanente Subtext seiner Datenbrille begleitet Nio durch den Tag und verbindet ihn mit allen Lebensbereichen, fordert seine ganze Aufmerksamkeit, seine „Gefolgschaft“ und verwischt die Spur und die Folgen seines eigenen Handelns. Ruge zeichnet ein beunruhigend gegenwärtiges Bild einer durch und durch kommerzialisierten Gesellschaft, in der die Nachricht vom Tod des eigenen Großvaters zum Eintrag im Newsfeed degeneriert und die konsumistische Perversion im „Recht auf die Verwertung des eigenen Todes“ kulminiert. Die enervierende, von Ulrich Lampen präzise gestaltete Klanglandschaft hält die Hörer im nie abreißenden Informationsfluss gefangen - leitmotivisch als digitale nicht abschaltbare Zeitfliege der Marke Universe sonifiziert.

In einem zweiten Erzählstrang werden die Vorfahren Nio Schulzes in einer kontinuierlichen Abfolge vom 17. Jh. an vorgestellt. Die genealogische Anrufung gestaltet Ulrich Matthes - man möchte fast sagen: „barfuß“. Ohne Musik und Geräusche. Konzentriert auf Ursache und Wirkung und die begreifbaren Konsequenzen von Leben und Tod, deren eine schließlich die Geburt des Großvaters von Nio Schulz ist. In diesem Fixpunkt treffen sich die Erzählungen, und für Nio eröffnet sich eine neue Option: den Bruch mit seiner bisherigen Welt zu vollziehen.

Mai

© MDR/Olaf Parusel
LUTHERLAND
Hörspielserie in 10 Teilen
von Lorenz Hoffmann
Teil 1: Frau Käßmann hat ein gutes Gefühl
Teil 2: Der Anfang des Lutherischen Lärmens
Teil 3: Das Gewitter
Teil 4: Mit jedem Kind, das dir begegnet
Teil 5: Was ist Luther?
Teil 6: Pfui dich an Luther!
Teil 7: Kirchenland in Bauernhand
Teil 8: Bauern, Bonzen, Brandsätze
Teil 9: Eure Entrüstung ist falsche Gerechtigkeit
Teil 10: Von Angesicht zu Angesicht
Komposition: Michael Hinze
Regie: Stefan Kanis
Produktion: MDR
Länge: 57‘78‘‘
Ursendung: 15.05.2017


tl_files/uploads/akademie/bilder/hoerspiel/2010/play.gif reinhören

Die Begründung der Jury

„Lutherland“ ist eine Serie von zehn Kurzhörspielen, die sich insgesamt als dramatische Szenenfolge hören läßt. Um die Medienpräsenz der EKD während des Lutherjahres 2017 zu stärken, engagiert die beratende PR Agentur einen Schauspieler, den sie zu verschiedenen Veranstaltungen im Lutherkostüm auftreten läßt. Der aber nimmt seine Aufgabe ernst und setzt predigend das lutherische Schrifttum paßgenau zur vorgefundenen Situation ein – zunehmend gegen das Selbstverständnis der Kirchenleitung. Aber auch Luther erweist sich dabei nicht als Lichtgestalt, sondern wird als widersprüchlicher, drohender und bedrohter, bisweilen den obrigkeitlichen Machtinteressen nachgebender Rebell in die Gegenwart gespiegelt. „Das Wort sie sollen lassen stahn“ wird auf diese Weise zum Kreuz für die Evangelische Kirche. Das Leben des Augustiner-Mönchs aktualisiert sich. Der berühmte Blitz führt zu einem Autounfall mit Totalschaden, der Reichstag wird zum Kirchentag, die Wartburg zur „Datsche eines Freundes im Thüringer Wald“. Der biografische Transfer des Reformators zu seiner gegenwärtigen Inkarnation und die damit verbundenen Umdeutungen sind gewitzt, spielerisch und intelligent erdacht und inszeniert.

April

© Michael Witte
SIE SPRECHEN MIT DER STASI
von Andreas Ammer und FM Einheit
Regie: Andreas Ammer und FM Einheit
Dramaturgie: Christina Hänsel
Produktion: WDR
Länge: 53‘16‘‘
Ursendung: 26.04.2017


tl_files/uploads/akademie/bilder/hoerspiel/2010/play.gif reinhören

Die Begründung der Jury

Neben den vielbeachteten Stasi-Akten gibt es ein noch wenig erschlossenes akustisches Stasi-Archiv. Dort haben Andreas Ammer und FM Einheit – als  Abhörer der Abhörer – für ihr dokumentarisches Hörspiel recherchiert und Funde gemacht, in denen totalitärer  Wahn Methode hat, aber vereinzelt auch Kritik überrascht. Die Autorenleistung steckt hier in der Auswahl der Originalaufnahmen aus immensen Materialmengen und in durchdachter punktgenauer Montage.

Ins Innere des Bespitzelungssystems führen Anrufe und dreierlei exemplarische Situationen: Denunziation, Verhör und Widerstandsversuch. Ein beflissener Genosse etwa zeigt da mit Details seine „ehemalige Schwiegertochter“ an, die „abhauen“ wolle. Verblüffend rüttelt ein anderer Anrufer am Regime mit der Erklärung, die Mauer sei „herzzerreißend Scheiße“ und werde „auf Dauer nicht bleiben“. Dazwischen quälen Verhöre, in denen der Machtapparat seine Opfer drohend in die Zange nimmt mit kleinbürgerlichen Schnüffeleien und totalitärer Willkür. Vereinzelt zwingen Pausen mit jäher Stille den Hörer als Ohrenzeugen in die Lage wartender Opfer. Durchweg markieren Patterns des Komponisten FM Einheit  mit Schlagzeug, Bass und Blasinstrumenten Ausweglosigkeit und permanente Bedrohung. Fern von Geschichten oder möglichen Serien aus Überwachungsprotokollen konzentrieren Ammer und FM Einheit sich hier auf symptomatische Momentaufnahmen. Damit erreicht ihre Innenansicht des Unrechtsstaats äußerste Intensität und Relevanz.

März

© Britta Passmann
DIE VERLORENEN SÖHNE
Von: Robert Schoen
Regie & Konzeption: Robert Schoen
Dramaturgie und Redaktion: Peter Liermann
Produktion: hr
Erstsendung: 05.03.2017
Länge: 51‘55“


tl_files/uploads/akademie/bilder/hoerspiel/2010/play.gif reinhören

Die Begründung der Jury

Robert Schoen, Autor und Regisseur zugleich, riskiert hier viel und gewinnt dabei ungewöhnlichen Spiel- und Erkenntnisraum. So verbindet er in „Die verlorenen Söhne“ authentisches Tonmaterial der Berliner Phonographischen Kommission von 1915 und einen fiktiven modernen Musterfall. Die Wissenschaftler, die damals im Kriegsgefangenenlager Wünsdorf französische und für sie  exotische Dialekte der Insassen aufzeichneten, gern mit Lesungen des Gleichnisses vom Verlorenen Sohn, verdrängten zugunsten ihrer Klangausbeute das Unglück der Testpersonen. Phonetisch fixiert ist auch der heutige Berliner Linguist, der die Tonaufnahmen der Hauptfigur des Hörspiels untersucht  und darin „Hesitations-Vokalisationen“, also Ähs, entdeckt. Grotesk und tragikomisch diagnostiziert er die strapazierte „Knarrstimme“, ohne sich für das Scheitern des Sprechers zu interessieren, der da wie der verlorene Sohn die Rückkehr zum Vater erwägt. Mit Schoens  suggestiver Montage und dem auf lässige Weise eindringlichen Lorenz Eberle in der Hauptrolle glückt hier ein Kunststück: Konträr zu wissenschaftlicher Versuchsdominanz wächst die emotionale Anteilnahme des  Hörers. In intensiven Momenten verschränken sich Eberles Sprechen und Klänge von Prokofjews „L’enfant prodigue“. Manchmal erkennt der junge Mann in der Musik sein Scheitern, seine Hoffnung und sich selbst.

Februar

©SWR / Conny Fischer
COLDHAVEN
Von John Burnside
Aus dem Englischen von Klaus Buhlert und Bernhard Robben
Komposition und Regie: Klaus Buhlert
Dramaturgie: Manfred Hess
Produktion: Südwestrundfunk 2017
Ursendung: 16.2.2017, SWR2, 22.03 Uhr
Länge: 61‘53‘
Die Begründung der Jury

John Burnside hat für sein Originalhörspiel das Dorf Coldhaven erfunden, in dem zwei Jugendliche sterben. Die schottische Märchen- und Sagenwelt ist in diesem Ort so lebendig, dass die Erklärung dieser Todesfälle nur über die Aussagen einiger Bewohner zu ermitteln ist, die Hexen, Zaubersprüche, Feen, Engel und die Seelen der Toten ins Spiel bringen, aber auch soziale Vorurteile. Die nicht-chronologische Rekonstruktion des Geschehens, über die ein dichtes und beziehungsreiches Geflecht aus Naturbeschreibung, knapper psychologischer Zeichnung der Charaktere und mythologischen Motiven gelegt ist, wird mit repetitiv eingesetzten Samples und einer poetischen, berührenden Sprache zusammengehalten und auf konzise Weise, also überzeugend realisiert.

Januar

©Deutschlandradio Kultur / Jonas Maron
SCHERE, FAUST, PAPIER
Von Michel Decar
Regie: Michel Decar
Komposition: Lukas Darnstädt
Produktion: Deutschlandradio Kultur
Länge: 48‘10‘‘
Ursendung: 16. Januar


tl_files/uploads/akademie/bilder/hoerspiel/2010/play.gif reinhören

Die Begründung der Jury

Drei Parzen gleich stürzen die Protagonistinnen dieses klanglich wie sprachlich überzeugenden Stückes durch den apokalyptischen Strudel der Menschheitsgeschichte - werden von ihm fortgerissen, treiben ihn an und fragen sich zugleich, wie das alles hat passieren können. Eine irrwitzig und unerbittlich bis in die Science-Fiction voranschreitende Geschichte der Kriege, Revolutionen, Entdeckungen und Landnahmen. Ohne Moral und zugleich voller Bedenken sind die drei sowohl Akteure wie distanzierte Beobachter und dies so beiläufig und zugleich absichtsvoll, dass es einem schwindelt. Dabei zeugen ihre Betrachtungen von einem weiteren Schlachtfeld: dem der Deutungshoheit, der Phrasen und sprachlichen Regelungen.

Nuanciert realisieren die drei Sprecherinnen (Kulbatzki, Israel, Meineke) diese Perspektivwechsel, ohne den kühlen Grundton ihres Parforceritts je zu verlieren. Vor dem Hintergrund eines düsteren Piano Ostinato und daran aufgereihter akustischer Tableaus inszeniert Michel Decars „Trialog“ mit Leichtigkeit und Hintersinn die unangenehme historische Trivialität: dass Täter, Opfer und Zuschauer immer am selben Faden spinnen und hängen.