Hörspiel des Monats/Jahres 2018

Februar

©WDR/Fahri Sarimese
DIE FEUERBRINGER – EINE SCHLAGER-OPERETTA
von Tomer Gardi
Regie: Susanne Krings
Musik: Rainer Quade und Christian Hecker
Dramaturgie: Isabel Platthaus
Produktion: WDR/BR
Ursendung: 24.02.2018


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Eine lobende Anerkennung geht an GERONIMO, Hörspiel in vier Teilen nach dem gleichnamigen Roman von Leon de Winter / Bearbeitung und Regie: Christiane Ohaus / Komposition: Andreas Bick / Dramaturgie: Susanne Hoffmann / Produktion: NDR / Länge: 54'28 (I), 53'42 (II), 53'44" (III), 53'39" (IV) / Ursendung: 27.01., 03.02., 10. und 17.02.2018.
Die Begründung der Jury

Die Kerngeschichte dieses originellen Hörspielprojekts von Tomer Gardi ist schnell erzählt: Ein alternder Schlagersänger fährt im Rausch gegen einen Baum und wird daraufhin zu gemeinnütziger Arbeit verurteilt; einen Schlagerworkshop für junge Geflüchtete und Migranten soll er leiten. Wie sich herausstellt, ist seine Aufgabe nicht ganz einfach, aber lohnend. In großer Begeisterung für diese Musik und angeführt von der Brasilianerin Sandra, gründet sich die Band „Die Feuerbringer“, in  Referenz zu Prometheus, Maui oder Agni.

Was geschieht nun, wenn das Konfektionsprodukt Schlager - deutsche Popmusik, die Gemeinsamkeit und Gemütlichkeit suggeriert - sprachlich aufgebrochen wird und seine Texte in nicht perfektem Deutsch gesungen werden? Wenn Akzente eine schmelzende Aussprache von „Herz“ verhindern und kreative Geister daran arbeiten, den für sie emotional bedeutungsvollen, aber sperrigen Begriff  „posttraumatische Belastungsstörung“  Schlager-tauglich zu machen? Dann zündelt ein Hörspiel mit Neo-Heimattümelei, unterwandert die deutsche Sprache mit anderen Zungen und Vorstellungen und eröffnet damit neue Erfahrungsräume. Zu flotten Rhythmen gesungen findet sich dann auch ein stimmiger Reim: „In deinen Augen seh‘ ich Stacheldraht-Absperrung“.  Und wenn Sandra singt: „Wäsche waschen. Teller machen. Mädchen muss kein Sklave sein“, bringt sie mit berührender Frische in Wort und Originalmusik gleich mehrere Erlebnisebenen inter-kulturell zum Schwingen.

Mit „Die Feuerbringer“ ist ein künstlerisches, psychologisch tiefgründiges Projekt gelungen, in dem junge Migranten dem deutschen Schlager und uns HörspielhörerInnen improvisierend, authentisch, spielerisch und mit Witz Feuer einhauchen. Das Unfertige, Gebrochene spiegelt  die Realität vieler Menschen in unserem Land wieder: Im Hörspiel, eben auch in seiner eigenen nicht-Perfektion, ist dies als eine schöpferische Qualität mit großer Erneuerungskraft zu spüren.

Die Jury spricht eine lobende Anerkennung aus für Geronimo (NDR, Bearbeitung und Regie: Christiane Ohaus, Komposition: Andreas Bick, Dramaturgie: Susanne Hoffmann), die Hörspieladaption des gleichnamigen Romans von Leon de Winter.  Diese 4-teilige Reihe ist ein überaus gelungener Polit-Thriller, präsentiert als bildgewaltiges Hör-Kino. Mit einer stimmigen Dramaturgie,  überzeugenden Sprecherleistungen, beeindruckender akustisch-cineastischer Umsetzung und einem Spannungsbogen, der sich hält bis zum letzten Ton.

Januar

©BR/Stefanie Ramb
SIMELIBERG
von Michael Fehr
Realisation: Kai Grehn
Komposition: Schneider TM (Dirk Dresselhaus)
Redaktion: Katarina Agathos
Produktion: BR/RB
Länge: 83'31‘‘
Ursendung: 20.01.


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Eine lobende Anerkennung geht an EFEU von Dunja Arnaszus
Regie: Dunja Arnaszus / Produktion: MDR/HR / Länge: 57‘02‘‘ / Ursendung: 29.01.
Die Begründung der Jury

Simeliberg von Michael Fehr ist mehr als eine Radiofassung seines Buchs: Es ist die Neuverdichtung des abgründigen Romans als poetisches Hörstück, in dem die in eigentümlichen Rhythmus sich entfaltende, eindringlich knorrige Sprache ebenso

viel Spannung erzeugt, wie die düstere Handlung, die vom ersten Moment an in den Bann schlägt. Eine imaginäre Schweiz scheint auf  im reduzierten elektronischen Sound,  a capella-Zwischengesängen in Moll,  und Originalaufnahmen als einer von schmalster Farbskala (weiß, Grautönen, schwarz)  geprägten Klanglandschaft, in der die handelnden Personen entgegen der mimetischen Konvention mit klarer bayrischer dialektaler Färbung sprechen. Vor allem aber entsteht sie in der Stimme des Autors, der seinen Text so vorträgt, als spräche er ihn in ein Diktafon – so wie Fehr seine bildstarke originelle Prosa ja tatsächlich notiert. 

Es sind undurchsichtige Figuren, die dieses düstere Oben (Stadt) und Unten (das Tal, der Sumpf) bevölkern: Der Gemeindsverwalter Anatol Griese, zugezogen aus Deutschland und somit auf ewig ein Halbfremder, fährt mit einer geladenen Schrotflinte über Land. Er soll den Sonderling Schwarz, der keinen Vornamen hat, zur Begutachtung aufs Amt bringen. Hat Schwarz Anspruch auf Fürsorge? Hat der seine Frau umgebracht? Es wird viel geraunt. Sicher aber fungiert er als Anführer einer fremdenfeindlichen paramilitärischen Gruppe von Preppern, die sich vorgenommen hat, den Mars zu kolonisieren und dafür Geld und Waffen im abgelegenen Einsiedlerhof von Schwarz hortet. Eine Explosion, die Tote fordert. Fragmente einer Krimi-Handlung. Ein scheinbar richtungslos vor sich hin arbeitender behördlicher Apparat. Familiäre Verstrickungen. Falsche Verdächtigungen und falsche Toleranz. Beglänzt mitunter von tiefschwarzer Komik. Ein Stück, das  nach Fehrs lapidarem Schlusssatz - Simeliberg, Aufnahme Ende – noch lange nachklingt und den Blick auf Vorurteile und Verbohrtheit im eigenen Lande richtet.

Eine lobende Anerkennung spricht die Jury aus für Dunja Arnaszus Hörstück „Efeu“. (Regie: Dunja Arnaszus / Produktion: MDR/HR / Länge: 57‘02‘‘ / Ursendung: 29.01.2018.) Dieses Stationendrama, das die unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten und -entwürfe von drei sehr unterschiedlichen Nachbarpaaren über zwei Jahrzehnte eng führt, besticht durch seinen leichtfüßigen impressionistischen Charme als ein gelungenes leicht absurdes, modern-alltägliches Sittengemälde.