Hörspiel des Monats/Jahres 2018

Januar

©BR/Stefanie Ramb
SIMELIBERG
von Michael Fehr
Realisation: Kai Grehn
Komposition: Schneider TM (Dirk Dresselhaus)
Redaktion: Katarina Agathos
Produktion: BR/RB
Länge: 83'31‘‘
Ursendung: 20.01.


tl_files/uploads/akademie/bilder/hoerspiel/2010/play.gif reinhören

Eine lobende Anerkennung geht an EFEU von Dunja Arnaszus
Regie: Dunja Arnaszus / Produktion: MDR/HR / Länge: 57‘02‘‘ / Ursendung: 29.01.
Die Begründung der Jury

Simeliberg von Michael Fehr ist mehr als eine Radiofassung seines Buchs: Es ist die Neuverdichtung des abgründigen Romans als poetisches Hörstück, in dem die in eigentümlichen Rhythmus sich entfaltende, eindringlich knorrige Sprache ebenso

viel Spannung erzeugt, wie die düstere Handlung, die vom ersten Moment an in den Bann schlägt. Eine imaginäre Schweiz scheint auf  im reduzierten elektronischen Sound,  a capella-Zwischengesängen in Moll,  und Originalaufnahmen als einer von schmalster Farbskala (weiß, Grautönen, schwarz)  geprägten Klanglandschaft, in der die handelnden Personen entgegen der mimetischen Konvention mit klarer bayrischer dialektaler Färbung sprechen. Vor allem aber entsteht sie in der Stimme des Autors, der seinen Text so vorträgt, als spräche er ihn in ein Diktafon – so wie Fehr seine bildstarke originelle Prosa ja tatsächlich notiert. 

Es sind undurchsichtige Figuren, die dieses düstere Oben (Stadt) und Unten (das Tal, der Sumpf) bevölkern: Der Gemeindsverwalter Anatol Griese, zugezogen aus Deutschland und somit auf ewig ein Halbfremder, fährt mit einer geladenen Schrotflinte über Land. Er soll den Sonderling Schwarz, der keinen Vornamen hat, zur Begutachtung aufs Amt bringen. Hat Schwarz Anspruch auf Fürsorge? Hat der seine Frau umgebracht? Es wird viel geraunt. Sicher aber fungiert er als Anführer einer fremdenfeindlichen paramilitärischen Gruppe von Preppern, die sich vorgenommen hat, den Mars zu kolonisieren und dafür Geld und Waffen im abgelegenen Einsiedlerhof von Schwarz hortet. Eine Explosion, die Tote fordert. Fragmente einer Krimi-Handlung. Ein scheinbar richtungslos vor sich hin arbeitender behördlicher Apparat. Familiäre Verstrickungen. Falsche Verdächtigungen und falsche Toleranz. Beglänzt mitunter von tiefschwarzer Komik. Ein Stück, das  nach Fehrs lapidarem Schlusssatz - Simeliberg, Aufnahme Ende – noch lange nachklingt und den Blick auf Vorurteile und Verbohrtheit im eigenen Lande richtet.

Eine lobende Anerkennung spricht die Jury aus für Dunja Arnaszus Hörstück „Efeu“. (Regie: Dunja Arnaszus / Produktion: MDR/HR / Länge: 57‘02‘‘ / Ursendung: 29.01.2018.) Dieses Stationendrama, das die unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten und -entwürfe von drei sehr unterschiedlichen Nachbarpaaren über zwei Jahrzehnte eng führt, besticht durch seinen leichtfüßigen impressionistischen Charme als ein gelungenes leicht absurdes, modern-alltägliches Sittengemälde.