Rede zum Hans Abich-Preis 2005
 
Druckansicht
 

Laudatio auf Heinrich Breloer

Für seine herausragenden besonderen Verdienste um den Fernsehfilm verleiht das Fernsehfilm-Festival Baden-Baden den Hans-Abich-Preis 2005 an Heinrich Breloer.

Der Preis ist eine Auszeichnung für die bisherige Leistung von Heinrich Breloer als Autor und Regisseur in fast 30 Jahren, wie immer auch eine unabhängige Jury über das eingereichte Wettbewerbsstück von Heinrich Breloer in diesem Jahr entscheiden wird. Unsere eigene Entscheidung in der dreiköpfigen Jury stand bereits vorher fest. Sie schließt die Anerkennung für die Leistung von Horst Königstein im Rahmen des Gesamtwerks von Heinrich Breloer mit ein.

Wir haben beim Hans-Abich-Preis die Freiheit, den ganzen Mann zu ehren (hoffentlich eines Tages auch die ganze Frau) und das ganze Werk. Diese Freiheit können wir nutzen und wollen wir nutzen.

Das Werkverzeichnis von Heinrich Breloer für das deutsche Fernsehen liest sich wie ein Stück Fernsehgeschichte der letzten 30 Jahre. Die Werktitel und der Werdegang von Heinrich Breloer sind fast allen von Ihnen vertraut. Sie müssen aber aus einem derartigen Anlass kurz skizziert werden.

Geboren 1942 in Gelsenkirchen. Studium der Literaturwissenschaft und Philosophie in Bonn und Hamburg. Promotion beinahe in Vorausahnung des Lebensweges über das Thema „Persönliche Erfahrung und ästhetische Abstraktion“. Seit 1972 freier Autor und Regisseur, auch Verfasser von Film- und Fernsehkritiken und Hörfunkbeiträgen. Für das Fernsehen zunächst Dokumentarfilme, für die intensive Beobachtungen und Gespräche vor der Kamera charakteristisch sind.

Im Laufe der Jahre entstanden weit über 30 vielbeachtete Produktionen, von denen ich anhand der Filmographie von Heinrich Breloer nur die wichtigsten nennen kann:

1978 „Bi und Bidi in Augsburg“, über den jungen Bertolt Brecht

1980 „Mein Tagebuch“, 10teiliger Dokumentarfilm

1982 „Das Beil von Wandsbek“, zum erstenmal als mittlerweise charakteristische Montage aus Dokumentation und Spielszenen – erster Grimme-Preis und viele weitere, auch internationale Auszeichnungen

1983 „Klaus Mann – Treffpunkt im Unendlichen“, Grimme-Preis in Gold

1984 „Kampfname: Willy Brandt“, Dokumentarfilm über die Untergrund- und Exilarbeit Willy Brandts

1987 „Eine geschlossene Gesellschaft“, Dokudrama über das Deutschland der 50er Jahre, auch filmische Erinnerung an die eigene Schulzeit – Grimme-Preis in Silber

1989 „Die Staatskanzlei“, Dokudrama über die Barschel-Affaire (Fernsehpreis der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste)

1991 „Kollege Otto“, Dokudrama über die Affäre um den Coop-Manager Bernd Otto – Grimme-Preis in Gold

1993 „Wehner, die unerzählte Geschichte“, Dokudrama über das Leben von Herbert Wehner

1994 „Einmal Macht und zurück“, Dokudrama über den Fall  Björn Engholms

1997 „Todesspiel“, Dokudrama über die Entführung und Ermordung von Hanns-Martin Schleyer

2001 „Die Manns. Ein Jahrhundertroman“, die Geschichte der Familie Mann

2004 „Speer und Er“, Dokudrama über Albert Speer, mit seinem Teil 2 hier im Wettbewerb

Die Auswahl seiner Schlüsselfiguren ist sicher nicht zufällig. Es geht ihm nicht allein darum, eine Geschichte zu erzählen. Es geht ihm immer auch darum, Brüche im Verhalten von Menschen aufzudecken, den Zwiespalt der menschlichen Seele zu offenbaren, bisher Verborgenes zutagezubringen  - von Barschel über Kollege Otto über Wehner, Engholm, Schleyer, auch Thomas Mann und schließlich Speer – immer auch die Suche nach der Wahrheit mit Hilfe der Fiktion, wo das dokumentarische Material allein die Wahrheit nicht oder nur unvollständig preisgibt.

Jeder dieser meist preisgekrönten Produktionen gingen Jahre der Recherche mit meist Hunderten von Interviews voraus. Jahre des Drehens, im Schneideraum und die Endarbeiten folgten. Buchveröffentlichungen, DVDs, Begleitfilme, Making Ofs kommen häufig zum Hauptwerk hinzu.

Heinrich Breloer hat durch die von ihm meisterhaft und vorbildlich entwickelte offene Form des Dokudramas das Genre Fernsehfilm, dessen legitimer Bestandteil das Dokudrama ist, wesentlich bereichert und ihm neue Zuschauerschichten erschlossen.

Dokudrama ist inzwischen ein neues Fach an der neu aufgestellten Hamburg Media School. Es unterrichtet dort kein anderer als Heinrich Breloer. Er hat für Dokudramen auch internationale Maßstäbe gesetzt. Andere Produktionen werden an den seinen gemessen. Dabei bleibt er immer wieder eine Klasse für sich. Der Zuschauer geht mit Heinrich Breloer jedes Mal neu auf Entdeckungsreise, oft mit ungewissem und überraschendem Ausgang für jeden Einzelnen. Das gilt auch für die Macher selbst.

 

Breloer hat damit wesentlich dazu beigetragen, dass der Fernsehfilm als Königsdisziplin des Fernsehens seinen nie unangefochtenen Platz in den Fernsehprogrammen, den öffentlich-rechtlichen allzumal, behaupten und seine Sendeplätze und Produktionsmittel verteidigen konnte. Thriller und Liebeskomödien allein reichen dazu nicht aus.

 

Er hat es auch verstanden, die primär an Information interessierten Zuschauer emotional zu gewinnen und mitzureißen. Breloer hat ganze Generationen neu an die Zeitgeschichte herangeführt und zu ihrer Identitätsfindung beigetragen. Er hat Legenden widerlegt und bisher vorherrschende Sichtweisen korrigiert. Er hat dort, wo sich Historiker seit vielen Jahren schwer tun, unser Geschichtsbild verändert und, wie bei „Speer und Er“, letzte Gelegenheiten genutzt, an die Wahrheit heranzukommen, denn die Zeitzeugen jener Periode wird es bald nicht mehr geben. Dabei lässt er stets, wie ein journalistischer Beobachter schreibt, dem Zuschauer durch Schnitte und Gegenschnitte, durch Rede und Gegenrede, die Freiheit des eigenen Urteils.

Das Kurzzeitgedächtnismedium Fernsehen wird mit ihm, wie ein anderer Beobachter schreibt, zu einem Resonanzraum des Langzeitgedächtnisses. Heinrich Breloer ist dabei ein streitbarer und leidenschaftlicher Verfechter seiner Sache. Er löst Diskussionen und Auseinandersetzungen aus und stellt sich ihnen. Er bleibt keine Antwort schuldig.

Wir ehren heute, nach Dominik Graf im letzten Jahr, mit Heinrich Breloer wieder einen Regisseur und Autor, der dem Fernsehfilm neue Dimensionen erschlossen hat. Wir handeln damit im Sinne Hans Abichs, dessen Namen wir diesem Preis gegeben haben. Es ist bewusst kein Lebenswerkpreis. Wir erwarten von Heinrich Breloer, der mitten in der erfolgreichsten Periode seines Schaffens steht, noch viele inspirierende und wegweisende Fernsehfilme, und wir hoffen, dass für ihn dieser Preis dazu ein Ansporn ist. Herzlichen Glückwunsch.

(Walter Konrad)