Preisverleihung 2016

 

Wie die Jury am 01.12.2015 bekannt gab, ist der Träger des Eysoldtrings 2015 Charly Hübner.

Die Jury unter dem Vorsitz von Wilfried Schulz mit Marion Tiedtke und Anselm Weber, hat am 1. Dezember ihre Entscheidung bekannt gegeben. Der Gertrud-Eysoldt-Ring 2015 geht an Charly Hübner. Er gehört zum Ensemble des Deutschen Schauspielhauses Hamburg und wird für seine Rollen in „Onkel Wanja“ und „Schuld und Sühne“ ausgezeichnet.

 „Charly Hübner bewegt sich wie viele Schauspieler seiner, der mittleren Generation zwischen dem Theater, dem Film und dem Fernsehen. Er gehört zum Ensemble des Deutschen Schauspielhauses Hamburg und prägt durch seine künstlerische Authentizität, seinen immer gegenwärtigen Bezug zu unserer Realität und seine spielerische Virtuosität die Arbeit des größten deutschen Sprechtheaters. Seine Leichtigkeit in einem schweren Körper, das Gegeneinanderstellen großer Zärtlichkeit und Sanftheit auf der einen Seite zu Entgrenzung, ja sogar Grobheit auf der anderen Seite, die Lust an Brüchen, Einbrüchen und Ausbrüchen, sein großer Humor und seine feine Melancholie, all dies ist greifbar, wenn er den Ermittlungsrichter Porfiriy Petrowitsch  in Karin Henkels „Schuld und Sühne“-Inszenierung oder den Onkel Wanja in Karin Beiers Tschechow-Inszenierung spielt.

 Charly Hübner ist ein Schauspieler, der nahe beim Publikum ist, ohne sich anzubiedern. Er schafft es, immer in unserem Leben, unserer Alltäglichkeit verortet zu bleiben, dennoch aber mit großen Theatermitteln zu spielen. Auch wenn ihm jegliches Pathos fremd ist, scheut er  die Deutlichkeit, die Groteske, die kraftvolle Überzeichnung nicht.  Die Kategorien Protagonist und Ensemblespieler scheinen in seiner starken Persönlichkeit aufgehoben zu sein. Er muss auf der Bühne nicht um Kenntlichkeit ringen, denn seine Individualität, seine Haltung zur Welt und zur Kunst, bleibt stets kenntlich ohne die Rollen ins allzu  Subjektive oder gar Privatistische zu führen. Daraus erwächst eine spielerische Gelassenheit, die uns ihm gerne zuschauen lässt.

In einem Interview hat Charly Hübner einmal geäußert, dass es der Selbstzweck seines Berufes sei, sich anzumaßen, ‘anderen Menschen etwas Nicht-Materielles schenken zu können – ein Lachen, eine Lebensidee, eine Erkenntnis. ‘ Er erzählt, wie Menschen, die im Theater eben noch weinten,  einem danach glücklich um den Hals fallen. Und sagt: ‚Das kann so nur das Theater.‘ Und das können nur große Spieler wie Charly Hübner.“

 

Peter Kümmel, Kritiker der ZEIT und dieses Jahr zum ersten Mal Juror des Kurt-Hübner-Regiepreises, zeichnet Gernot Grünewald  für seine Inszenierung  „'anˌ kɔmən – Unbegleitet in Hamburg“ am Thalia Theater Hamburg aus.

„Das sogenannte Flüchtlingsdrama ist ein Massenstück: Wir sehen, wie Tausende das Meer überqueren, Grenzzäune überwinden, Erstaufnahmestellen belagern. Die Fliehenden wiederum sehen uns, die Deutschen, als vorbeiziehende Masse der Eingesessenen, die beobachten, helfen oder brüllen. Der Regisseur Gernot Grünewald hat auf einer Probebühne des Hamburger Thalia Theaters dieses Schema unterlaufen: Aus der Konfrontation der Massen wird eine Konfrontation von Einzelnen. Bei ihm steht jeweils ein Theaterzuschauer einem Flüchtling gegenüber. Man sieht sich ins Auge, wie man es bei einem Kampf, bei einem Verhör, bei ärztlicher Anamnese tut. Man tritt durch einen Vorhang in einen 2 mal 3 Meter großen Raum. Und es steht einem ein einzelner Mann gegenüber. Wird man angesprochen? Soll man selbst sprechen? Augenkontakt ja oder nein? Die Spielregeln sind jedesmal andere. Aus 12 solcher Begegnungen besteht ‚'anˌ kɔmən‘ – nach jeweils fünf Minuten ertönt ein Gong, dann huscht man durch einen Spalt in der Zeltwand davon in den nächsten Raum.

Im Titel steckt der Schlüssel zum Stück. Es ist ein Verb im Infinitiv und bezeichnet eine andauernde Tätigkeit: „Ankommen“. Geschrieben ist es im Globalsystem der Lautschrift: 'anˌ kɔmən. So geschrieben, wirkt das deutsche Wort wie eine Lebensaufgabe von allen – nicht bloß der Flüchtenden, sondern auch der Sesshaften.  Alle Flüchtenden an diesem Abend sind übrigens Minderjährige, die sich allein auf den Weg gemacht haben.“

Regisseur Gernot Grünewald, 1978 in Hildesheim geboren, war als Schauspieler am Staatstheater Stuttgart und dem Deutschen Schauspielhaus in Hamburg engagiert, bevor er 2007 ein Regiestudium an der Hamburger Theaterakademie begann. 2011 wurde er mit dem Hauptpreis des Körber Studios Junge Regie ausgezeichnet und 2015 für seine für seine Inszenierung "Palmer - Zur Liebe verdammt fürs Schwabenland" am Landestheater Tübingen in der Kategorie "Regie Schauspiel" für den Deutschen Theaterpreis "Der Faust" nominiert Grünewald inszeniert unter anderem am Jungen Theater Göttingen, am Schauspielhaus Wien sowie am Theater Heidelberg.