Preisverleihung 2017

 

Wie die Jury am 07.12.2016 bekannt gab, ist die Trägerin des Eysoldtrings 2016 Jana Schulz.

Die Jury unter dem Vorsitz von Wilfried Schulz mit Marion Tiedtke und Stefan Bachmann, hat am 7. Dezember ihre Entscheidung bekannt gegeben. Der Gertrud-Eysoldt-Ring 2016 geht an Jana Schulz.

Die Begründung:

 „Jana Schulz sucht mit aller Radikalität, mit kämpferischem Elan und größter Leidenschaft die je eigene Menschlichkeit ihrer Figuren. Sie sprengt in den vielen weiblichen und männlichen Hauptrollen, die sie in den letzten Jahren in Hamburg, München und Bochum gespielt hat, die Grenzen jedes gendergebundenen Spiels und präsentiert den Zuschauern nicht das Vertraute, leicht Wiedererkennbare sondern das Fremde, das Geheimnis, den Ausnahmezustand des Seins. Wenn sie sich ganz ihren Rollen ausliefert, sind Produktivität und Destruktivität als Widersprüche in der Darstellung der Charaktere aufgehoben. Sie verschreibt sich mit ihrer vollen Kraft und Energie ganz dem Theater und ist in den letzten Jahren zu einer der ausdrücklichsten, wandelbarsten und wahrhaftigsten Schauspielerinnen geworden, die wir auf den Bühnen des deutschsprachigen Theaters sehen.

In einem Interview wird deutlich wie ihre Liebe zum Theater und ihr absoluter, schonungsloser Anspruch einander bedingen. Sie sagt: 'Spielen hilft. Dinge durchspielen, auch in der Reflexion, die durch den Zuschauer erfolgt. Die Bühne als Raum ist geschützt. In ihm hat alles seine Zeit. Unter diesem Schutz kann ich über Grenzen gehen.'

Jana Schulz ist jenseits vom Mainstream. Sie wählt nicht das gerade Angesagte sondern unbeirrbar und ganz eigenverantwortlich die Theaterarbeiten, die sie interessieren. Bei aller Konsequenz und Unbestechlichkeit ihres Tuns ist sie zugleich eine großartige Ensemblespielerin, die immer für das Ganze denkt. Sie bedient keine Moden, keine Klischees und keine Erwartungen außer die: immer wieder das Einzigartige und Unverwechselbare einer Rolle zu suchen...

Im letzten Jahr hat Jana Schulz in Roger Vontobels Bochumer Inszenierung  von „Rose Bernd“ der Hauptfigur bis hin zur Selbstaufgabe ein kämpferisch, trotziges Menschsein abgerungen. Dies war außergewöhnlich und tief eindrucksvoll. In Lisa Nielebocks „Hiob“, in der sie den verlorenen Sohn spielte, gab sie der Figur eine eigene Schönheit voller Kindlichkeit und Zerbrechlichkeit und in Jan Klatas „Verbrechen und Strafe“ bildete sie in der Bilderflut des Abends als Raskolnikow das absolute Zentrum. Sie zeigt uns als Schauspielerin, daß Identität und Vielfalt, Eigenart und Wandelbarkeit, das Kämpferische und das Spielerische einander nicht ausschließen. Wir denken, daß Jana Schulz eine würdige Trägerin des Eysoldt-Ringes sein wird.“

2017 - 2019 wird Barbara Frey (Zürich) den Juryvorsitz übernehmen. Als Cojuroren hat sie Juliane Köhler und Ulrich Khuon benannt.

 

Peter Kümmel, Kritiker der ZEIT und Juror des Kurt-Hübner-Regiepreises, zeichnet Alexander Eisenach für seine Inszenierung „Der kalte Hauch des Geldes“ am Schauspiel Frankfurt aus.

Die Begründung:

„Alexander Eisenach, geboren 1984 in Ost-Berlin, hat am Frankfurter Schauspielhaus, genau gegenüber der europäischen Zentralbank, die ökonomische Weltlage aufs Format eines Western gebracht – oder eigentlich: aufs Format einer Westernparodie. Das Stück heißt „Der kalte Hauch des Geldes“; Eisenach hat es nicht nur inszeniert, sondern auch selbst geschrieben. Es gibt darin einen Sheriff, einen Kopfgeldjäger, einen Goldminenbesitzer, eine verruchte Barbesitzerin, und sie alle haben die bemerkenswerten rhetorischen Fähigkeiten und die starken Mordgelüste, die man von den Figuren aus Quentin Tarantinos Western kennt. Es wird in den verwinkelten Kulissen dieses wunderbar ausgestatteten Stücks viel geschossen, Kautabak landet in Spucknäpfen, es wird gepokert und geblufft, jedoch, das eigentliche Ziel der unterschwellig schwermütigen Figuren ist nicht die aggressive Selbstbehauptung, sondern die Durchdringung der Gesetze, die uns alle beherrschen. Deshalb wird auf der Bühne „Das Kapital“ gelesen, das hier allerdings nicht von Marx, sondern von May stammt. Eisenachs Inszenierung badet in Zitaten und Stilanleihen, wer seine Figuren reden hört, denkt an René Pollesch, wer die Videoaufnahmen sieht, die das Bühnengeschehen ins Wuchtige vergrößern, wird an Frank Castorf erinnert, und dennoch ist dies mehr als eine Genreparodie: Wie Eisenach aus all dem popkulturellen Strandgut seinen eigenen Western-Saloon zimmert, in dem zudem ein unverwechselbares Diskursklima herrscht, das verrät den stilsicheren Jungkünstler, der auch die gängigen Theatermittel, indem er sie mit Aplomb verwendet, zum Material seiner Belustigung macht: Er läuft den aktuellen Trends der Darstellung also nicht blind nach, sondern er verwendet sie wie etwas potenziell „Historisches“ - wie etwas, woran man in einigen Jahren eine versunkene Theaterepoche, die „Zehnerjahre“ des deutschen Theaters, erkennen wird. Und: er weiß ein Ensemble zu führen. Die Schauspieler von „Der kalte Hauch des Geldes“ ragen in ihrem knorrigen Eigensinn über die Textflächenconferenciers des postdramatischen Theaters hinaus, ihnen allen ist zuzutrauen, dass sie eine Geschichte und ein dunkles Geheimnis haben, welches sie zwingt, ihre Revolver in eigenem Namen abzufeuern."

Die Preise werden am 18.03.2017 im Bensheimer Parktheater im Rahmen einer Festveranstaltung verliehen.