Preisverleihung 2018

 

Wie die Jury am 04.12.2017 bekannt gab, ist die Trägerin des Eysoldtrings 2017 Sophie Rois.

Die Jury unter dem Vorsitz von Barbara Frey mit Juliane Köhler und Ulrich Khuon, hat am 4. Dezember ihre Entscheidung bekannt gegeben. Der Gertrud-Eysoldt-Ring 2017 geht an Sophie Rois.

Die Begründung:

„Wunderlicher Alter! / Soll ich mit dir geh‘n? / Willst zu meinen Liedern / Deine Leier dreh‘n?“ Der letzte grosse Auftritt von Sophie Rois an der Berliner Volksbühne unter der Intendanz von Frank Castorf ist so kraftvoll wie denkwürdig: als Hexe in Castorfs „Faust“-Inszenierung steht sie, flankiert vom Akkordeon spielenden Sir Henry, vor einem weit geöffneten Höllenschlund und intoniert Schuberts „Leiermann“. Dem radikalsten, dunkelsten Lied aus dem „Winterreise“-Zyklus verpasst sie ihren typischen, ureigenen Sound. Eine Mischung aus Rauhbeinigkeit, Verletzlichkeit und metaphysischer Heiterkeit - trotz der besungenen Todeshähe.

Innerhalb einer Monumentalspieldauer von sieben Stunden mag Rois‘ Hexen-Episode im „Faust“ zu ihren kürzeren Auftritten gehören; das ändert freilich nichts an der Intensität ihres Spiels, an ihrer wunderbaren Präsenz und Hingabe.

Sophie Rois spielte ein Vierteljahrhundert als festes Ensemblemitglied an der Berliner Volksbühne und arbeitete dort mit den prägenden Regisseuren Frank Castorf, René Pollesch, Christoph Schlingensief, Christoph Marthaler und Herbert Fritsch. Ihre unbedingte Treue - auch in schwierigen Zeiten - zum Haus und zu ihren Kolleginnen und Kollegen ist unvergleichlich. Sie gestaltete als Bühnenkünstlerin mit ihrer Professionalität, ihrer inhaltlichen Unbestechlichkeit und ihrem ungeheuren Spielwitz eine ganze Epoche am Rosa-Luxemburg-Platz mit.

Ausgehend von Ihrem zauberhaften Auftritt als Hexe im „Faust“, mit dem sie zum Ausklang einer beispiellosen Theater-Ära im deutschsprachigen Raum beitrug - und als ausdrückliche Würdigung für ihr langjähriges Bekenntnis zum Ensembletheater - hat sich die Jury für Sophie Rois als Preisträgerin des Eysoldt-Rings entschieden.

Foto Jan Krattiger

 

Peter Kümmel, Kritiker der ZEIT und Juror des Kurt-Hübner-Regiepreises, zeichnet Nora Abdel-Maksoud für ihre Inszenierung „THE MAKING-OF“ am Berliner Maxim Gorki Theater aus.

Die Begründung:

Nora Abdel-Maksoud, geboren 1983 in München, kann viel. Wenn man nachschaut, was ihre Schauspielagentur über sie schreibt, so erfährt man: sie spricht englisch, französisch, berlin-brandenburgerisch, österreichisch und sehr gutes Schwäbisch, sie spielt hervorragend E-Gitarre, kann fechten, steptanzen, jonglieren, und sie überlebt aufrecht in der Halfpipe.Vor allem aber ist sie im Theater zuhause. Sie ist eine furiose und komische Schauspielerin, zur Zeit vor allem im Berliner Gorki-Theater. Sie schreibt eigene Stücke, und sie führt auch Regie. Am Gorki-Theater wurde in diesem Jahr ihr Stück THE MAKING-OF uraufgeführt, Nora Abdel-Maksoud hat es selbst inszeniert. Dafür soll sie den Preis erhalten.

Wie der Titel sagt, geht es im Stück um das Machen von etwas: Man sieht, wie Personen etwas machen – und wie sie sich und den anderen etwas vormachen. Es sind vier Schauspieler auf der Bühne. Sie spielen auch Schauspieler. THE MAKING-OF ist ein selbstreferenzielles Bühnenwerk. Es handelt von den Dreharbeiten zu einem Film. Die Figuren berichten davon, wie sie ihre Arbeit gemacht haben. Sie produzieren ein „Making-of“.Das „Format“ des Werkstattberichts gehört zu den allerverlogensten. Leute sprechen darüber, wie ein Film entstanden ist, wie großartig ihre Rolle, das Drehbuch, die Zusammenarbeit mit den anderen begnadeten Künstlern war. Ein Film, also eine Lüge, wird mit einem beschönigenden Film, einer zweiten Lüge, beworben.

„The Making-of“ hat nichts mit bürgerlichem Theater, psychologischem Realismus, nichts mit der Kunst der Einfühlung zu tun. Es fehlt alle Tiefe, es ist den Figuren ihr Charakter wie auftätowiert. Aber gerade deshalb kann man den Befunden, die es präsentiert, so schwer ausweichen. Das Stück geht davon aus, dass im Theater, der Kunst des Spielens, der Verstellung, grundsätzlich ein Problem verborgen ist: dass der Schauspieler nämlich die Konkurrenz, die wir im wirklichen Leben gegeneinander ausfechten, im Rahmen der Kunst noch gesteigert erlebt, dass es für ihn also anstelle von spielerischer Freiheit nur die Unfreiheit eines relativ gut geheizten, mit Bier ausgestatteten Begabtengefangenenlagers zu holen gibt.

Die Aufführung platzt schier vor Künstlichkeit, sie verhandelt Abgründe an der äußersten Oberfläche, man könnte an Commedia dell'arte denken – THE MAKING-OF ist eine Commedia dell Arte fürs Serienzeitalter, zum Platzen affektiert, eitel, verlogen, selbstverliebt, selbstmitleidig, verlegen, betreten, kindlich. Aber vermutlich wahr. Und auf eine Art dann doch übermütig und Mut machend, die im deutschen Theater sehr selten ist. Vielleicht hat Nora Abdel-Maksoud diese Komödie geschrieben und inszeniert, um es in diesem Habitat auszuhalten. Man kann ihr nur weiterhin alles Gute wünschen.

Die Preise werden am 17.03.2018 im Bensheimer Parktheater im Rahmen einer Festveranstaltung verliehen.