DER FAUST 2018

(c) Markus Nass
Deutscher Theaterpreis DER FAUST 2018

Die Preisträger

Regie Schauspiel
Thorleifur Örn Arnarsson, „Die Edda“, Staatsschauspiel Hannover
Die Begründung der Jury:
Thorleifur Örn Arnarssons „Die Edda“ am Staatsschauspiel Hannover macht das Theater zum Erfahrungsraum einer fremden Welt. In einem unglaublich weitgespannten Erzählbogen vom Schöpfungsmythos zum persönlich erfahrenen Weltuntergang bindet er zwei Enden von existentieller Welterfahrung zusammen. Hier werden elementare Fragen unserer Herkunft und unseres Schicksals verhandelt und in eine persönliche Biografie überführt. Herausragend ist auch die Ensembleleistung unter Arnassons Führung sowie die Sprachbehandlung bei der Umsetzung dieses großen Stoffes. Er erzählt mit großen theatralen Mitteln von einer fremden Welt, setzt diese in Reibung zu unserer heutigen und macht sie so für uns erfahrbar.       
                
Darstellerin/Darsteller Schauspiel
Barbara Nüsse, Prospero in „Der Sturm“, Thalia Theater Hamburg
Die Begründung der Jury:
Die Schauspielerin Barbara Nüsse dirigiert mit großer Souveränität und Selbstverständlichkeit den gesamten Abend. Als Zauberer Prospero in „Der Sturm“ am Thalia Theater Hamburg bleibt sie aber trotz dieser Souveränität und Abgeklärtheit eine ganz eigene, zarte Figur, die gegenüber dem Geschehen durchlässig und verletzlich ist. Schalkhaft, spröde und sanft evoziert diese Schauspielerin ganze Welten mit scheinbarer Leichtigkeit. Allein mit der Sprache erschafft und vergegenwärtigt sie einen eigenen Spiel-, Phantasie- und Gefühlsraum. Mit dieser Auszeichnung hat die Jury auch das herausragende Lebenswerk der Schauspielerin im Blick.                 
 
Regie Musiktheater
Tobias Kratzer, „Götterdämmerung“, Badisches Staatstheater Karlsruhe
Die Begründung der Jury:
Tobias Kratzers „Götterdämmerung“ am Badischen Staatstheater Karlsruhe zeigt eine seltene konzeptuelle Stimmigkeit und Genauigkeit. Trotz der Schwere Wagners gelingt ihm eine Leichtigkeit der Inszenierung, die die Musik scheinbar tanzen lässt. Seine Regie sprüht vor Ideen, die aber niemals Selbstzweck sind, sondern von spielerischer Leichtigkeit und gleichwohl interpretatorischer Ernsthaftigkeit. Mittels einer hervorragenden Sängerführung gelangt Kratzer so zu einer ungeheuren darstellenden Intensität. Er reflektiert die Sparte Oper auf einer Metaebene ohne dabei selbstreferentiell zu werden und entwickelt eine Figurenhandlung, die uns nachvollziehbare Menschen auf der Bühne zeigt. Tobias Kratzer ist mit dieser Inszenierung eine starke Setzung, ein absolut eigenständiges Statement gelungen.
     
Sängerdarstellerin/Sängerdarsteller Musiktheater
Matthias Klink, Gustav von Aschenbach in „Tod in Venedig“, Oper Stuttgart/Stuttgarter Ballett
Die Begründung der Jury:
Matthias Klink spielt wunderbar unprätentiös mit dem Ensemble. Als Gustav von Aschenbach in „Tod in Venedig“ an der Oper Stuttgart/dem Stuttgarter Ballett gelingt es ihm, sich Aschenbachs einsamen Raum anzueignen und ganz und gar zu seinem eigenen zu machen. Er ist ein phantastischer Darsteller, der jenseits jeder Opernfloskel, direkt und persönlich über verschiedene Ebenen mit Stimme, Gestus und Bewegung, seinen ganzen Körper benutzt und zur Verfügung stellt. Dabei interagiert er mit großer Entschiedenheit und Klarheit mit den Bühnenpartner*innen (Sänger*innen, Tänzer*innen und Orchester). Matthias Klink zeigt eine herausragende sängerische Einzelleistung und bleibt dabei im besten Sinne ein großer Ensemblespieler.
 
Choreografie
Sharon Eyal, „Soul Chain”, Staatstheater Mainz                                                                  
Die Begründung der Jury:
Sharon Eyal erschafft in „Soul Chain“ am Staatstheater Mainz ein zeitgenössisches Ballett der Gegensätze: Sie kontrastiert Gruppe und Individuum, Sexualität und Geschlechterneutralität, archaische Kreatur und Clubgänger. Es gelingt ihr auf einem streng-formalen Weg einen Sog und eine emotionale Dichte zu erzeugen, die ein Gefühl von Entfesselung in sich tragen. Die 17 Tänzer*innen performen derart energiegeladen, dass sich ihre körperliche Spannung über den Bühnenrand hinweg direkt auf den Zuschauer überträgt. „Soul Chain“ ist eine zeitgenössische Choreografie auf allerhöchstem Niveau, in der Sharon Eyal eine ganz eigene Bewegungssprache etabliert. Diese könnte sich als zukunftsweisend für den Tanz erweisen.
 
Darstellerin/Darsteller Tanz
Ramon A. John, Wanderer in „Eine Winterreise“, Hessisches Staatsballett (Hessisches Staatstheater Wiesbaden/ Staatstheater Darmstadt)        
 Die Begründung der Jury:
Ramon A. John illustriert nicht, spielt nicht. Ramon A. John tanzt. In „Eine Winterreise“ vom Hessischen Staatsballet (Hessisches Staatstheater Wiesbaden/ Staatstheater Darmstadt) entwickelt er eine Interpretation des „Wanderers“, die auf einen Überschuss an Bedeutung verzichtet und dennoch eine große Projektionsfläche bietet. Johns Tanz und Bewegungen erzählen uns alles, was wir über diese Figur wissen müssen, die er mit großer Präsenz auf die Bühne bringt. Er bewegt sich immer mehrdimensional in alle Richtungen gleichzeitig und in jedem Augenblick in Bezug zum Raum. Das macht ihn gleichzeitig groß und verloren. Er nutzt die Gravität und bleibt geerdet und trotzdem erscheint er leicht, mit großer Transparenz und Durchlässigkeit. All dies macht Ramon A. John zu einer außergewöhnlichen tänzerischen Persönlichkeit.
 
Regie Kinder- und Jugendtheater
Martina van Boxen, „Lindbergh - Die abenteuerliche Geschichte einer fliegenden Maus“, Junges Schauspielhaus Bochum
Die Begründung der Jury:
Martina van Boxen macht mit „Lindbergh – Die abenteuerliche Geschichte einer fliegenden Maus“  am jungen Schauspielhaus Bochum aus einem Kinderbuch ein großes Theaterereignis. Im Zentrum steht die Übersetzung der Geschichte in ein feines Puppenspiel, das liebevoll, bis ins kleinste Detail gestaltet ist. Mit hohem Rhythmusgefühl und großer Musikalität ist die Interaktion von Schauspielern und Puppe durchinstrumentiert, komponiert und choreografiert. Die Geschichte lässt sich intensiv auf den Stoff ein, das Thema Flucht wird klug in die Vorstellungswelt der Kinder eingebunden. Die Jury würdigt mit dieser Auszeichnung auch die langjährige Aufbauarbeit der Regisseurin im Kinder- und Jugendtheater in Bochum.                                                                                         
 
Bühne/Kostüm
Jana Findeklee / Joki Tewes, Kostüme „Wilhelm Tell“, Schauspiel Köln, eine Koproduktion mit dem Theater Basel
Die Begründung der Jury:
Die Kostüme von Jana Findeklee und Joki Tewes für „Wilhelm Tell“ am Schauspiel Köln schaffen Ambivalenzen. Die wattierten Kostüme mit Versatzstücken aus der Gegenwart und vielen Details zum Hinschauen, stehen in starkem Kontrast zur Bühne, zur nüchternen Härte des engen Raumes und zur strengen metronomisierten Sprechweise. Die verspielten und leichten Kostüme sorgen für Aufmerksamkeit auf diese starken Figuren, autochtone Alpenindianer in ihrer kraftvollen, lebendigen Körperlichkeit.  Die Arbeit von Jana Findeklee und Joki Tewes in Köln ist ein Beleg dafür, welch inhaltliche Relevanz Kostüme gewinnen können und wie sie, auf einer eigenen Ebene zu erzählen vermögen.
 
Über die Preisträger*innen entschied erstmalig eine von der Akademie eingesetzte fünfköpfige Jury, aus den Reihen ihrer Mitglieder:
 
Jürgen Flügge (Regisseur, Generalintendant a.D., Dozent für Theatertheorie an der Theaterakademie Mannheim, Leiter Hof-Theater-Tromm); Prof. Regina Guhl (Professorin für Schauspiel und Dramaturgie an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover); Peter Michalzik (Autor und Journalist); Barbara Mundel (Dramaturgin und Regisseurin); Sylvana Seddig (Tänzerin und Schauspielerin).

Den Preis für das Lebenswerk erhielt Aribert Reimann.

Aribert Reimann, geboren am 04. März 1936 in Berlin, hat ein zahlreiche Gattungen und Formen umfassendes Œuvre vorgelegt. Am Anfang seiner Karriere als Bühnen-Komponist stand die Zusammenarbeit mit Günter Grass. Mit „Ein Traumspiel“ nach August Strindberg begann 1965 seine Arbeit als Opernkomponist. In den folgenden Jahrzehnten tat er sich als Komponist wichtiger Literaturopern hervor: u.a. „Melusine“ (1971 Schwetzinger Festspiele), „Lear“ nach William Shakespeare (1978 München), „Die Gespenstersonate“ wieder nach August Strindberg (1983 Berlin), „Troades“ nach Euripides in der Fassung von Franz Werfel (1986 München). Er wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Großen Verdienstkreuz mit Stern der Bundesrepublik Deutschland. 2011 wurde ihm der Ernst von Siemens Musikpreis für sein Lebenswerk zugesprochen. Zuletzt wurde an der Deutschen Oper Berlin im Oktober 2017 seine Trilogie lyrique nach Maurice Maeterlinck „L’Invisible“ uraufgeführt.

Der Deutsche Theaterpreis DER FAUST 2018 wurde veranstaltet und gefördert durch das Bayerische Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst, die Stadt Regensburg, die Kulturstiftung der Länder, die Deutsche Akademie der Darstellenden Künste und den Deutschen Bühnenverein. Weiterer Kooperationspartner ist 2018 der Deutsche Bühnenverein Landesverband Bayern.