Hörspiel des Monats/Jahres 2018

September

© Foto Andreas Weiss
PAARTHERAPEUT KLAUS KRANITZ - BEI TRENNUNG GELD ZURÜCK
Zweite Staffel Hörspielserie in 3 Teilen
von Jan Georg Schütte, Wolfgang Seesko
Regie: Jan Georg Schütte, Wolfgang Seesko
Komposition: Glantz.Cortez, Sebastian Albert
Redaktion: Holger Rink, Lina Kokaly
Produktion: RB/SR
Erstsendung: 02.09., 16.09., 30.09.2018
Länge: 53`50‘‘, 51`42‘‘, 49`31‘‘

Eine lobende Erwähnung im Sinne eines zweiten Preises spricht die Jury für „Auf einem einzigen Blatt Papier“ des BR (Autorin Mirna Funke, Regisseurin Stefanie Ramb) aus. Sie würdigt damit ein Werk, in dem schlicht und präzise eine faszinierende, komplexe Geschichte erzählt  wird. Das Bild einer beunruhigen Persönlichkeitsstörung entsteht, die in der Kindheit wurzelt, und zugleich als Sinnbild für die Sehnsucht Israels gehört werden kann, seine traumatische Vergangenheit hinter sich zu lassen, um sich immer wieder neu zu erfinden.

Die Begründung der Jury

Radio Bremen ist eine Serie gelungen, die sich wohltuend von aufwendigen und überbordenden Literaturadaptionen absetzt, die auf den Hörbuchmarkt getrimmt sind. In „Der Paartherapeut“  werden mit Lust am Spiel und Freude an ironischer Brechung auf höchst unterhaltsame Weise die Tiefen und Tücken der heute vorfindbaren Form von Liebessemantik erkundet, die sich laut Niklas Luhmann "schwerer als jede frühere unter eine Leitformel bringen" lässt.  Jan Georg Schütte und Wolfgang Seesko haben dafür ein bestechend einfaches originäres Konzept sympathisch unprätentiös  umgesetzt: Ein Paartherapeut sitzt zwei Menschen gegenüber, deren Probleme es in drei Sitzungen zu lösen gilt. Bei Trennung Geld zurück! Die ideenreichen Anfänge machen sofort Lust aufs Weiterhören: In Teil 1 dieser zweiten Staffel fährt das ältere Ehepaar Just im Taxi zu Paartherapeut Klaus Kranitz, weil die Tochter es so bestimmt hat. Eigentlich wissen sie nicht so recht, was sie dort sollen, doch als er ruppig über Bremen meckert und sie es doch „ganz schön hier“ findet, erahnt man das große  Konfliktpotenzial. In Teil 2 laufen die unverheirateten jungen Leute Rudolf und Fique zu Fuß zur Praxis Kranitz. Sie sind eigentlich ein perfektes Paar, aber genau das ist ihr Problem! Sie wollen auf alle Eventualitäten vorbereitet sein und für das üben, was eintreten könnte.  In Teil 3 fährt das smartphonesüchtige und der direkten Kommunikation entfremdete Ehepaar Hüttenschmitt im eigenen Auto zu einer Adresse, von der sie annimmt, dass es sich um ein Restaurant handelt. „Überraschung“, sagt ihr Mann als sie vor der Praxis Kranitz halten. „Hunger“, sagt sie, was das Denken unterminiert. So, wie ständiges Spielen mit dem Handy.

Der Zauber dieser Serie aber besteht in ihrer großen Nähe zur Tradition des Livehörspiels und einem damit verbundenen Ansatz, der die Darsteller*innen als Persönlichkeiten zum Strahlen bringt. Der Dialog und die Szenerie entstehen in freier Improvisation, mit  beklemmenden Stockungen und spontanen Ausbrüchen, die sich als teils entzückend, teils quälend miterleben lassen. Das stellt manch sorgfältig vom Blatt gestaltete Lesekunst in den Schatten, gerade weil es stets sehr komisch ist, in vielen wunderbaren und oft auch irrwitzigen Wendungen in jeder Sitzung doch auch um sehr ernsthafte und gegenwärtige Probleme und Konflikte geht.

August

© Foto Sascha von Donat
DES TEUFELS LANGER ATEM
vierteiliges Hörspiel
von Robert Weber
Regie: Annette Kurth
Dramaturgie: Natalie Szallies
Produktion: WDR
Erstsendung: 27.- 30.08.2018
Länge: 27‘47“; 28‘59‘‘; 26‘59‘‘; 27‘38‘‘

Die Jury spricht eine lobende Erwähnung im Sinne eines zweiten Preises aus für „Die Traumnovelle“ des BR in der Bearbeitung und Regie von Katja Langebach. Eine fesselnde Hörspielumsetzung der vielschichtigen Beziehungsnovelle Arthur Schnitzlers,  die mit überzeugender Natürlichkeit auch einen Raum für zeitgenössische Stimmen zum Thema Bindung, Liebe und Leidenschaft schafft.

Die Begründung der Jury

Robert Weber hat sich zu einem Meister von Krimifolgen entwickelt, in der sich Realität und Fiktion durchdringen, zum Beispiel in „Die Infektion“ (WDR, 2010-16) unter der Regie von Annette Kurth. In „Des Teufels Langer Atem“, wiederum vom WDR und von Annette Kurth inszeniert, vermischen sich zudem Krimi- und Horrorgenre, Realität und Popkultur auf schier unheimliche Weise. In vier Teilen, in sich abgeschlossen jedoch aufeinander bezogen, jagt die Agentin Clarice Sterling – bekannt als Ermittlerin in dem Film Das Schweigen der Lämmer - einen Serienkiller durch die Vereinigten Staaten der Gegenwart und nahen Vergangenheit. Ihr Gegenspieler Louis Cyphre (korrekt ausgesprochen: Luzifer) ist ebenfalls eine Filmfigur, aus Angel Heart von Alan Parker. Die Zeichen stecken also bereits im Namen, niemand jedoch erkennt sie, weil die Menschheit nicht mehr an den Teufel glaubt, vielleicht weil sie ihn nicht braucht: Das Unmenschliche gehört seit jeher zum Menschen, die dem Satan an Hass und Vernichtungswillen in nichts nachsteht. Eine ausgelassene Freude an bösen Einfällen, in einer schier überbordenden Montage aus Kolportage- und Märchen-Elementen, unglaublichen, aber realen Figuren wie dem Kartenkünstler Dai Vernon und popkulturellen wie literarischen Motiven von Lewis über Hauff bis Twain oder Borges wird zum spektakulären Kopfkino dank einer meisterlichen Gemeinschaftsleistung im Zusammenspiel mit Annette Kurths fantasievoller Regie, wandlungsfähigen Sprechern, dem Ton (Jonas Bergler) und vor allem auch klugem Einsatz einer vielseitigen Musik , die durch alle Folgen der Serie hindurch eine wunderbar expressive und sensible zweite Erzählspur legt.

Juli

© HR/Ben Knabe
DAS NOTIZBUCH VOM KIEFERNWALD
von Francis Ponge
Bearbeitung: Ulrich Lampen
Dramaturgie & Redaktion: Peter Liermann
Produktion: hr
Erstsendung: 22.07.2018
Länge: 49‘10“

Die Jury spricht eine lobende Anerkennung im Sinne eines zweiten Preises aus für Soeren Voimas Hörstück „Ruf der Wildnis“/ NDR. Sie hebt besonders die gekonnt rhythmisierte Vortragsweise Nico Holonics hervor, die - unterstütz durch spannungsgeladene Komposition mit Benjo-Akkorden des Musikers Andreas Bick - den kapitalismuskritischen Abenteuerroman von Jack London als Versepos gesprochene Unterhaltung für die ganze Familie präsentiert. 

Die Begründung der Jury

Ulrich Lampen hat ein Antihörspiel geschrieben. Seine radiophone Anverwandlung von Ponges „Das Notizbuch vom Kiefernwald" in der Übersetzung Peter Handkes entspricht in ihrer spröden Verweigerung erzählerischer oder auch akustischer Kulinarik auf überraschende Weise der asketisch-meditativen Besinnung Ponges auf das Objekt selbst, auf das Rohe an ihm, auf das, was es unterscheidet von dem was der Dichter über es geschrieben hat: Es ist die Schrift, die sich vom Objekt entfernt, die Literarisierung, die der französische Dichter damit im Schreiben selbst kritisiert. Und wie ein Gelübde klingt es, wenn er gleich eingangs verspricht, keinesfalls „das Objekt meiner Wissbegier keinem Vorzeigen irgendeines gelegentlichen Wortfunds zu opfern, auch nicht dem Arrangieren einiger solcher Funde zu einem Poem“. Dem entspricht Lampen durch eine Rücknahme alles Inszenatorischen: So scheint er nur diejenigen der Regieanweisungen, die er seinem Libretto mitgegeben hat, zu befolgen, hält er sich streng nur an jene, die einen Verzicht fordern: „wir brauchen keine virtuose Musik“. Es gibt ein paar Fauré-Akkorde. Es gibt ein wenig atmosphärisches Rauschen. Der Rest ist Sprache - im Raum gesprochen, glasklar intoniert von Sylvester Groth. Sperrig und faszinierend hört sich Ponges Dichtung, die gar nicht auf die Performance, die Phoné setzt, in Ulrich Lampens Arbeit an. Zwar gibt es einen Ursprung in der symbolistischen Dichtung - „die Pinien Ponges wurzeln bei Claudel“, schreibt Daniel Rondeau, aber eine symbolistische Deutung verbietet sich und das Vorhaben geht über den Hoffmannsthalschen Sprachekel weit hinaus: Möglicherweise lässt sich eine Verwandtschaft der Intention mit den Kritiken totalitärer Sprache bei Orwell, Huxley, Klemperer andeuten – bei gleichzeitig radikal eigenständigem, ganz anderem und poetologisch sehr tief begründeten Ansatz.

Juni

(c)DLF-Kultur/Anke Beims
MEINE ERINNERUNGEN REIßEN MICH IN STÜCKE
frei nach Motiven aus Mary Shelleys biografischen Notizen
von Cristin König
Regie: Cristin König
Komposition: Friederike Bernhardt
Redaktion: Ulrike Brinkmann
Produktion: Deutschlandfunk Kultur 2018
Erstsendung: 03.06.2018
Länge: 69’24‘‘

Necati Öziris Heimatgeschichte „Get deutsch or die tryin'“ (Regie Volkan T Error/ WDR) erhält eine lobende Erwähnung im Sinne eines zweiten Preises. Sie erzählt mit stark Hiphop-geprägter Ästhetik von einem jungen Mann der sogenannten dritten türkischen Einwanderergeneration, Arda Yilmaz, der sonst mit seiner Gang rumhängt, aber seinen 18. Geburtstag auf dem Ausländeramt verbringt, um sich einbürgern zu lassen in die deutsche Gesellschaft, die Migration wie eine Erbkrankheit behandelt: Verletzlich, rabiat und direkt wie eine Lifeschaltung ins Ghetto ohne Schutzfilter, sozialpädagogische Herablassung oder Klassenhass von einem Ensemble gesprochen, das nicht nur so tut, als wüsste es Bescheid.

Die Begründung der Jury

Das Monster spricht. Schauspieler Steven Scharf verleiht ihm die schmeichelnde Stimme eines Liebhabers, der sich sicher ist, dass aller vorgetragener Widerstand gegen ihn nur pro forma geleistet wird. Weil die Bindung zu seiner Schöpferin ewig währt: „ich bin aus deiner Seele rausgesprungen,“ erinnert es Mary Shelley gleich im Prolog von Cristin Königs Hörspiel „Meine Erinnerungen reißen mich in Stücke...“ (DLF Kultur, Regie: König, Komposition Friederike Bernhardt). Und als sich die früh gealterte Shelley, gespielt von Julika Jenkins, ziert und der Ehre der Autorschaft widersetzen will, beharrt das Monster, aufdringlich, penetrant, unwiderstehlich: „deine Seele hast du mir eingehaucht“. Nein, aus dieser süßen Gefangenschaft wird es seine Schöpferin eben so wenig entlassen, wie es ihr die Frage beantwortet, warum alle tot sind: ihr geliebter Percy, Lord Byron, John Polidori, die ganze Gesellschaft, aus deren Gesprächen in der Villa Coligny am Genfer See, Frankenstein entstanden war, in jener Nacht im Sommer 1816....

„Meine Erinnerungen reißen mich in Stücke...“ (DLF Kultur, Regie: König, Komposition Friederike Bernhardt) ist Hörspiel des Monats Juni. Auf packende und zugleich hochliterarische Weise spürt Autorin König damit - in mokanter Umkehr einer trivialen biographistischen Herangehensweise - dem Einfluss des Werks aufs Leben der Autorin nach, und weckt deren Erinnerung mittels einer faszinierenden Montage aus Bonmots, Gewaltfantasien, Zitaten und Gedichtauszügen der teuren Toten, ganz wie Shelleys Romanheld sein Geschöpf aus Leichenteilen zusammenfügt. Durch realistische Geräusche (Flügelschlagen, Donner, Kaminknistern) entstehen Klanglandschaften, die sich, dank Friederike Bernhardts diskreter Kunst mal unterlegt, mal durchkreuzt von artifiziellen atmosphärischen Sounds, von Cellospiel und elektronisch bearbeiteten Gesängen in Gedächtnis- und Seelenräume verwandeln, durchweht von subtilem Grauen. Dieser Umgang mit literarisch-kulturellem Erbe und seiner Last musealisiert es nicht, sondern belebt es geradezu unheimlich und fesselt die Hörer.

Mai

(c)O. Waldman, N.Brusilovsky
WE LOVE ISRAEL
ein Serial in 7 Folgen oder 2 Teilen
von  Noam Brusilovsky und Ofer Waldman
Regie:  Noam Brusilovsky
Komposition: Tobias Purfürst / Yair Elazar Glotman
Redaktion und Dramaturgie: Manfred Hess
Produktion: SWR mit freundlicher Unterstützung des ARD Büros Tel Aviv und in Kooperation mit Deutschlandradio
Erstsendung: Teil 1 (Folge I – IV), 17.5.2018, Teil 2 (Folge V – VII), 24.5.2018
Länge: 53’08‘‘ / 53’22


tl_files/uploads/akademie/bilder/hoerspiel/2010/play.gif reinhören

Die Jury spricht eine lobende Erwähnung im Sinne eines zweiten Preises aus für das Hörspiel Die Maschine steht still (nach der gleichnamigen Erzählung von Edward Morgen Forster;  Übersetzung: Gregor Runge;  Bearbeitung: Felix Kubin; Produktion: NDR).  Sie würdigt die Wiederentdeckung eines visionären Textes, der vor 100 Jahre geschrieben, im Studio musikalisch und spannungsreich inszeniert und von Susanne Sachsse facettenreich gesprochen wurde, und der in seiner soziologischen und psychologischen Vorhersage fast unheimlich nah an die heutige Wirklichkeit heranrückt.

Die Begründung der Jury

In smarter Gestaltungsökonomie kommen die beiden in Israel geborenen Autoren Noam Brusilovsky und Ofer Waldman in „We love Israel“ umgehend zur Sache: Auf die Frage einer geschauspielerten Beamtin der Passkontrolle, warum sie nach Israel fliegen wollen, antworten echte deutsche Passiere, darunter ein Pfarrer und ein Generalleutnant der Bundeswehr a.D.,  im Originalton. Damit ist klar, dass in diesem Podcast-Serial die beiden Ebenen von Fiktionalem und Dokumentarischem intensiv  ineinander geblendet und nicht nur Staatsgrenzen reflektiert werden. Als HörerInnen sind wir bereits auf den nachfolgenden Dialog  im Regiestudio eingestimmt, wo ein Autor den anderen bittet, ‚podcast‘ zu definieren: „So eine moderne Online Geschichte, irgendwas zwischen Feature und Hörspiel. Komisches Wort, aber bitte, hier spreche ich also ein podcast.“  So spielerisch-offen wie diese Erläuterung ist auch die Form der Serie „We love Israel“, in der es aus Anlass des 70. Jahrestages des britischen Mandatsendes über Palästina und der Gründung des Staates Israel, um die zentrale Frage geht, wie sich die Liebe von Deutschen zu Israel und die von Israelis zu den Deutschen  darstellen kann. Da werden in sieben kurzen Folgen so schwergewichtige Themen wie Schuld und Sühne erfrischend respektlos und zugleich gedankenreich behandelt. In der zweiten Episode beispielweise steht die  Erinnerungskultur von Via Dolorosa und Yad Vashem im Fokus, und das Geschäft mit Tränen ist ein Aspekt dabei: „Ich wasche meine Hände in deutschen Tränen“, sagt ein Reiseführer, „alles vermischt sich, Opfertränen, Tätertränen … Danach gibt es einen freien Tag, shoppen und so.“  Am Schwulenstrand von Tel Aviv hingegen geht es urkomisch um Sprache (bedeutet der Name Feigele wirklich Vögelchen oder leitet er sich von fabulous oder faggot ab?) und die deutsche Sehnsucht nach dunkelhaarig und muskelbepackt statt  blond und schmal.

Unter rasanten Perspektivewechseln und  im Durcheinandergehen von Spiel- und Bedeutungsebenen wird klar, dass die ‚Liebe‘ zu Israel sehr unterschiedliche Formen annimmt. Und dass Liebe natürlich Kritik am repressiven Gebaren des Staates  einschließt. Zugleich gelingt es den Autoren sehr plastisch zu zeigen (und nicht bloß zu behaupten und zu beurteilen), wie Missbilligung mitunter in antisemitische Ressentiments umkippt, die sich als Israelkritik versucht, politisch zu maskieren. 

„We love Israel“ beweist, dass sich Hörspiel ohne zu moralisieren, auf mutige experimentelle und unterhaltsame Weise auf ein schwieriges Thema einlassen kann. 

 

April

(c)MDR/Reffert
KARL MARX STATT CHEMNITZ
von Thilo Reffert
Regie: Stefan Kanis
Redaktion: Thomas Fritz
Produktion: MDR
Erstsendung: 30.04.2018
Länge: 54‘57‘‘


tl_files/uploads/akademie/bilder/hoerspiel/2010/play.gif reinhören

Eine lobende Erwähnung im Sinne eines zweiten Preises spricht die Jury aus für wittmann/zeitbloms multimediales Projekt „@wonderworld – The Story of Alice and Bob“ (Redaktion: Sabine Küchler; Produktion: DLF/SWR): Eine Reise mit Pop-Appeal in eine durch Algorithmen perfektionierte Soundwelt irgendwo zwischen Philip K. Dick und Ovid, in der Fragen nach früher oder später, dem Unterschied von wahr und falsch, Matrix und Realität keinen Sinn mehr ergeben. Eine hoch-artifizielle Produktion von synthetisch-cooler Sinnlichkeit.

Die Begründung der Jury

Das Hörspiel des Monats April handelt von einem Namensstreit, der dazu zwingt, den Begriff des Eigenen – zum Beispiel: Heimat – neu zu denken. Es handelt von den Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen auf kommunaler Sachbearbeiterebene, handelt von einem Monsterkopf, in dessen Innerem Etwas vor sich geht,  vom globalen Großkapital, das plötzlich seine historische Aufgabe wahrnehmen, also Produktivkräfte entwickeln könnte, und zwar in Sachsen, sowie von den Möglichkeiten und Zwängen der Medien: hier des Radios. Kurz: Es handelt von Karl Marx, wurde vom MDR in der Regie von Stefan Kanis  produziert, und Thilo Reffert hat‘s geschrieben. Denn Reffert gelingt es dank einer elegant-doppelbödigen Stück-in-Stück-Konstruktion mit „Karl Marx statt Chemnitz“, diese vielfältigen Themen  in einem Plot von tiefgründiger Heiterkeit und funkelnder Bosheit zusammenzufügen:

Der freie Hörfunkjournalist Hauke-Veit Klapp ringt mit der für ihn zuständigen Redakteurin Rita um die Ausstrahlung seiner zehnteiligen Mini-Feature-Serie. Die war fest vereinbart, wurde nun aber kommentarlos gecacnelt. Ein Versehen? Oder ein Eingriff der Funkhaus-Hierarchen? Um sie doch noch günstig zu stimmen, oder wenigstens ihrer Ablehnung auf den Grund zu kommen, führt Hauke nun Rita jede Folge einzeln vor. Schonungslos ätzt Ulrike Krumbiegel in der Rolle der Redakteurin übers Intro, das „so 90er“ sei,  klagt über langweilige talking heads –  „Radio kann so viel mehr transportieren als Worte“ –  und bespottet einfallslose Versuche, das Werk akustisch aufzubrezeln: „Flussrauschen, Hauke, dein Ernst?“  Zugleich kann sie sich weder der Faszination der archivarischen O-Ton-Trouvaillen entziehen, die Hauke aufgetan hat –  von Eberhard Rangwitz‘ propagandistischer Kantate „Frühling der Jugend“ bis zu Ansprachen von Otto Grotewohl und Erich Honecker – noch letztlich dem inhaltlichen Sog seines Projekts. Denn der von Jörg Schüttauf grandios lebensnah gesprochene Reporter beobachtet in seiner Serie den naiv für den Verfasser des Kapital entflammten Spaßguerillero Demba und in reflexhafter Marx-Ablehnung befangenen GegnerInnen. Dembas Plan ist es, den Ort am Zusammenfluss von Würschnitz und Zwönitz am 5. Mai 2018 für einen Tag wieder „Karl-Marx-Stadt“ zu nennen. Halt so, wie Chemnitz von 1953 bis 1990 hieß. Und dafür hat er am höchsten Bauwerk der Stadt, einem über 300 Meter hohen Schornstein, ein einschlägiges Transparent aufgehängt. Skandal! Wahnsinn? Geniale Idee, die  man nicht fallen lassen darf, „nur weil die falschen Leute auch dafür sind?“ Bringt das am Ende Touris, Investoren, Geld? Die Köpfe der Stadt, selbst die hohlsten, reden sich heiß, weil auf dem Spiel steht, was sich, kritisch, als Urform von Ideologie bestimmen lässt: Identität. „Karl Marx statt Chemnitz“ ist ein Stück, über das man Dissertationen verfassen kann – und das sich ebenso gut als prima Unterhaltung einfach weghören lässt. 

März

BLATNY'S KOPF ODER: GOTT DER LINGUIST LEHRT UNS ATMEN
von Christine Nagel
Regie: Christine Nagel
Redaktion: Juliane Schmidt
Produktion: rbb/DLF
Ursendung: 09.03.2018
Länge: 44’07’’


tl_files/uploads/akademie/bilder/hoerspiel/2010/play.gif reinhören

Eine lobende Anerkennung geht an GERONIMO, Hörspiel in vier Teilen nach dem gleichnamigen Roman von Leon de Winter / Bearbeitung und Regie: Christiane Ohaus / Komposition: Andreas Bick / Dramaturgie: Susanne Hoffmann / Produktion: NDR / Länge: 54'28 (I), 53'42 (II), 53'44" (III), 53'39" (IV) / Ursendung: 27.01., 03.02., 10. und 17.02.2018.
Die Begründung der Jury

Der aus Brünn stammende Lyriker Ivan Blatný (1919–1990) galt viele Jahre als verschollen. Eine Lesereise nach England nutzte er 1948 zur Flucht aus der Tschechoslowakei und wurde daraufhin zur Persona non grata erklärt. Von diesem Zeitpunkt an war Blatný staaten- und mittellos. Er fand sein Exil in der Psychiatrie und erlebte im Eingesperrtsein eine größere Schaffensfreiheit als in der damaligen kommunistischen Tschechoslowakei. Mit 280.000 Versen auf 5.500 Notizbuchseiten, notiert auf Tschechisch, Französisch, Englisch und Deutsch, erfüllte er sich seinen Lebenswunsch: im Schreiben existieren zu können - in der Sprache zu leben, die ihm Lust und Vergnügen war. 

 

In ihrem Hörspiel „Blatnýs Kopf oder: Gott der Linguist lehrt uns atmen“ nähert sich die Regisseurin und Autorin Christine Nagel vielsprachig Blatnýs Gedanken- und Gefühlswelt an, wirft Schlaglichter auf sein unkonventionelles Verständnis von Begriffen wie ‚Freiheit‘ und ‚freiem Denken‘. In verdichtender Montage entsteht das Portrait eines Schreibers, der nicht schreiben wollte, was ihm die Politik vorschrieb, sondern stattdessen seiner Fantasie freien Lauf ließ - auf entwendetem Toilettenpapier, abseits der Öffentlichkeit. Diese Möglichkeit, sich im Kopf eines der ungewöhnlichsten Denkers und Dichters des 20. Jahrhunderts zu befinden, durch seine Ohren, seine Augen, seine Gedichte die Welt wahrzunehmen, zumindest vierundvierzig Minuten lang, ist eine beglückende und verwirrende Erfahrung. Unter Verzicht auf filigrane Erklärung von Zusammenhängen, mit einem feinen Gespür für die Musikalität der Gesamtkomposition, lässt Nagel zusammen mit dem Komponisten Peter Ehwalds und den hervorragenden Sprecher*innen, unter denen auch die authentische Stimme Ivan Blatnýs zu hören ist, einen assoziativen Hörraum entstehen, in dem Sprachgrenzen fließend werden und durch Blatný’s (Sprach-) "Musik der Bedeutungen" außergewöhnliche Bilder entstehen.

Februar

©WDR/Fahri Sarimese
DIE FEUERBRINGER – EINE SCHLAGER-OPERETTA
von Tomer Gardi
Regie: Susanne Krings
Musik: Rainer Quade und Christian Hecker
Dramaturgie: Isabel Platthaus
Produktion: WDR/BR
Ursendung: 24.02.2018


tl_files/uploads/akademie/bilder/hoerspiel/2010/play.gif reinhören

Eine lobende Anerkennung geht an GERONIMO, Hörspiel in vier Teilen nach dem gleichnamigen Roman von Leon de Winter / Bearbeitung und Regie: Christiane Ohaus / Komposition: Andreas Bick / Dramaturgie: Susanne Hoffmann / Produktion: NDR / Länge: 54'28 (I), 53'42 (II), 53'44" (III), 53'39" (IV) / Ursendung: 27.01., 03.02., 10. und 17.02.2018.
Die Begründung der Jury

Die Kerngeschichte dieses originellen Hörspielprojekts von Tomer Gardi ist schnell erzählt: Ein alternder Schlagersänger fährt im Rausch gegen einen Baum und wird daraufhin zu gemeinnütziger Arbeit verurteilt; einen Schlagerworkshop für junge Geflüchtete und Migranten soll er leiten. Wie sich herausstellt, ist seine Aufgabe nicht ganz einfach, aber lohnend. In großer Begeisterung für diese Musik und angeführt von der Brasilianerin Sandra, gründet sich die Band „Die Feuerbringer“, in  Referenz zu Prometheus, Maui oder Agni.

Was geschieht nun, wenn das Konfektionsprodukt Schlager - deutsche Popmusik, die Gemeinsamkeit und Gemütlichkeit suggeriert - sprachlich aufgebrochen wird und seine Texte in nicht perfektem Deutsch gesungen werden? Wenn Akzente eine schmelzende Aussprache von „Herz“ verhindern und kreative Geister daran arbeiten, den für sie emotional bedeutungsvollen, aber sperrigen Begriff  „posttraumatische Belastungsstörung“  Schlager-tauglich zu machen? Dann zündelt ein Hörspiel mit Neo-Heimattümelei, unterwandert die deutsche Sprache mit anderen Zungen und Vorstellungen und eröffnet damit neue Erfahrungsräume. Zu flotten Rhythmen gesungen findet sich dann auch ein stimmiger Reim: „In deinen Augen seh‘ ich Stacheldraht-Absperrung“.  Und wenn Sandra singt: „Wäsche waschen. Teller machen. Mädchen muss kein Sklave sein“, bringt sie mit berührender Frische in Wort und Originalmusik gleich mehrere Erlebnisebenen inter-kulturell zum Schwingen.

Mit „Die Feuerbringer“ ist ein künstlerisches, psychologisch tiefgründiges Projekt gelungen, in dem junge Migranten dem deutschen Schlager und uns HörspielhörerInnen improvisierend, authentisch, spielerisch und mit Witz Feuer einhauchen. Das Unfertige, Gebrochene spiegelt  die Realität vieler Menschen in unserem Land wieder: Im Hörspiel, eben auch in seiner eigenen nicht-Perfektion, ist dies als eine schöpferische Qualität mit großer Erneuerungskraft zu spüren.

Die Jury spricht eine lobende Anerkennung aus für Geronimo (NDR, Bearbeitung und Regie: Christiane Ohaus, Komposition: Andreas Bick, Dramaturgie: Susanne Hoffmann), die Hörspieladaption des gleichnamigen Romans von Leon de Winter.  Diese 4-teilige Reihe ist ein überaus gelungener Polit-Thriller, präsentiert als bildgewaltiges Hör-Kino. Mit einer stimmigen Dramaturgie,  überzeugenden Sprecherleistungen, beeindruckender akustisch-cineastischer Umsetzung und einem Spannungsbogen, der sich hält bis zum letzten Ton.

Januar

©BR/Stefanie Ramb
SIMELIBERG
von Michael Fehr
Realisation: Kai Grehn
Komposition: Schneider TM (Dirk Dresselhaus)
Redaktion: Katarina Agathos
Produktion: BR/RB
Länge: 83'31‘‘
Ursendung: 20.01.


tl_files/uploads/akademie/bilder/hoerspiel/2010/play.gif reinhören

Eine lobende Anerkennung geht an EFEU von Dunja Arnaszus
Regie: Dunja Arnaszus / Produktion: MDR/HR / Länge: 57‘02‘‘ / Ursendung: 29.01.
Die Begründung der Jury

Simeliberg von Michael Fehr ist mehr als eine Radiofassung seines Buchs: Es ist die Neuverdichtung des abgründigen Romans als poetisches Hörstück, in dem die in eigentümlichen Rhythmus sich entfaltende, eindringlich knorrige Sprache ebenso

viel Spannung erzeugt, wie die düstere Handlung, die vom ersten Moment an in den Bann schlägt. Eine imaginäre Schweiz scheint auf  im reduzierten elektronischen Sound,  a capella-Zwischengesängen in Moll,  und Originalaufnahmen als einer von schmalster Farbskala (weiß, Grautönen, schwarz)  geprägten Klanglandschaft, in der die handelnden Personen entgegen der mimetischen Konvention mit klarer bayrischer dialektaler Färbung sprechen. Vor allem aber entsteht sie in der Stimme des Autors, der seinen Text so vorträgt, als spräche er ihn in ein Diktafon – so wie Fehr seine bildstarke originelle Prosa ja tatsächlich notiert. 

Es sind undurchsichtige Figuren, die dieses düstere Oben (Stadt) und Unten (das Tal, der Sumpf) bevölkern: Der Gemeindsverwalter Anatol Griese, zugezogen aus Deutschland und somit auf ewig ein Halbfremder, fährt mit einer geladenen Schrotflinte über Land. Er soll den Sonderling Schwarz, der keinen Vornamen hat, zur Begutachtung aufs Amt bringen. Hat Schwarz Anspruch auf Fürsorge? Hat der seine Frau umgebracht? Es wird viel geraunt. Sicher aber fungiert er als Anführer einer fremdenfeindlichen paramilitärischen Gruppe von Preppern, die sich vorgenommen hat, den Mars zu kolonisieren und dafür Geld und Waffen im abgelegenen Einsiedlerhof von Schwarz hortet. Eine Explosion, die Tote fordert. Fragmente einer Krimi-Handlung. Ein scheinbar richtungslos vor sich hin arbeitender behördlicher Apparat. Familiäre Verstrickungen. Falsche Verdächtigungen und falsche Toleranz. Beglänzt mitunter von tiefschwarzer Komik. Ein Stück, das  nach Fehrs lapidarem Schlusssatz - Simeliberg, Aufnahme Ende – noch lange nachklingt und den Blick auf Vorurteile und Verbohrtheit im eigenen Lande richtet.

Eine lobende Anerkennung spricht die Jury aus für Dunja Arnaszus Hörstück „Efeu“. (Regie: Dunja Arnaszus / Produktion: MDR/HR / Länge: 57‘02‘‘ / Ursendung: 29.01.2018.) Dieses Stationendrama, das die unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten und -entwürfe von drei sehr unterschiedlichen Nachbarpaaren über zwei Jahrzehnte eng führt, besticht durch seinen leichtfüßigen impressionistischen Charme als ein gelungenes leicht absurdes, modern-alltägliches Sittengemälde.