Hörspiel des Monats/Jahres 2019

April

© ORF/ Ursula Hummel-Berger
GEH DICHT DICHTIG!
Hörspieldialog mit Elfriede Gerstl
von Ruth Johanna Benrath
Regie: Christine Nagel
Komposition: Lauren Newton
Produktion: ORF/BR 2019
Länge: 42'
Erstsendung: 07.04.2019
Die Begründung der Jury

Worin liegt der Reiz am literarischen Dialog mit einer sprachmächtigen Autorin? Das Hörspiel „GEH DICHT DICHTIG!“ liefert eine ungewöhnliche Antwort. Konzipiert als Hommage an die 2009 verstorbene Wiener Dichterin Elfriede Gerstl, an deren Werk, vor allem ihren anarchischen Umgang mit Sprache, anlässlich des zehnten Todestages erinnert werden soll, gestaltet es einen imaginären Dialog von Gerstl (gespielt von Gerti Drassl) mit der Autorin Ruth Johanna Benrath (Dörte Lyssewski).

Die Lebendigkeit im fiktiven Dialog, der normalerweise nur live so entstehen könnte, wird wirkmächtig verstärkt durch eine zusätzliche Stimme in Form von Lautimprovisationen der US-amerikanischen Klangkünstlerin Lauren Newton. Diese neue Art eines Trialogs auf verschiedenen Gestaltungsebenen verleiht dem fiktiven Austausch ironischer Textfragmente und Gedankenketten eine besondere Note und große Intensität.

Äußerst gelungen wirkt das Wechselspiel der drei Klangquellen, die im Endprodukt völlig assoziativ entstanden zu sein scheinen. Dieses wechselseitige Durchdringen macht den Reiz von „GEH DICHT DICHTIG!“ aus. Auf diese Weise entsteht ein lautpoetisches Klangkunsthörspiel außergewöhnlicher Art: Der Klang der Sprache wird schillernd transportiert, die Geräusche irritieren im besten Sinne, die Mischung mit konkreter Sprache schafft Distanz und provoziert zugleich beim Zuhören. Das Zulassen des Assoziativen evoziert den dadaistischen Effekt des scheinbar Kindlich-Naiven, des bewusst Nicht-Reflektierten. Sprache wird gebraucht, um Sprache um- und aufzuschürfen und ihr eine neue Lebendigkeit durch die Freude am Wort und am Vokalisieren zu verleihen. Das anarchistische Zulassen von Sprachexperiment und fantasievollem Sprachwitz führt bei Ruth Johanna Benraths Hörspiel zu einem Feuerwerk der Töne: Wie sich Sätze und Worte auflösen, löst sich am Ende des sprachmusikalischen Hörspiels auch das Spiel der beiden Autorinnen auf.

März

© Andrea Kremper/SST
HAFEN
von Mishka Lavigne
Regie: Anouschka Trocker
Musik: Bo Wiget
Übersetzung: Frank Weigand
Redaktion: Anette Kührmeyer
Produktion: SR/DLF Kultur 2018
Länge: 85'59‘‘
Erstsendung: 10.03.2019

Eine lobende Erwähnung spricht die Jury aus für das beeindruckend gestaltete Hörspiel Bilder deiner großen Liebe (Produktion: Bayerischer Rundfunk / Realisation: Sebastian Stern) nach dem gleichnamigen, posthum veröffentlichten Roman Wolfgang Herrndorfs. Die dichte Atmosphäre vermittelt den Roadmovie-Eindruck eindringlich und authentisch, besonders durch die herausragende schauspielerische Leistung von Enea Boschen.

Die Begründung der Jury

Das Hörspiel „Hafen“ von Mishka Lavigne (SR/Deutschlandfunk Kultur, Regie: Anouschka Trocker), ins Deutsche übersetzt aus dem kanadischen Französisch von Frank Weigand, schildert in ironisch-lakonischer Sprache einen dramatischen Bewältigungs- und Selbstfindungsprozess zweier Protagonisten: Elsies Versuch, den tödlichen Autounfall ihrer berühmten (Schriftsteller-) Mutter zu bewältigen, und Matts Streben danach, sich seiner Herkunft aus Bosnien zu vergewissern. Die perfekt ineinander verschränkten Parallelgeschichten (vor allem das scheinbar zufällige Aufeinandertreffen von Matt und Elsie) mit Sarajevo als Referenzpunkt bzw. Motiv erzählen von unbewältigten Verlusterfahrungen und der tastenden Suche nach einer Zukunftsperspektive.

Metaphorisch geschickt inszeniert die Autorin diesen Prozess über das surreale Mittel eines Kraters, der sich unvermittelt in Elsies Straße aufgetan hat. Das intelligent konstruierte Hörspiel überzeugt durch eine Sprache, die bei aller Dramatik stets unprätentiös-realitätsnah bleibt und deren Inszenierung oft mit Gegenschnittvarianten arbeitet: figurales Ich, Dialoge, Off-Kommentare, Spiel mit Hintergrundgeräuschen zur Verdopplung, harte Gegenschnitte zur Verstärkung von Selbst- und Fremdwahrnehmung. Die musikalischen Interpunktionen von Bo Wiget beeindrucken einerseits durch ihre idiomatische Selbstständigkeit und unterstützen anderseits die Erzählhandlung in markanter Weise. Die herausragende schauspielerische Qualität der beiden Sprecher hebt zudem dieses Hörspiel auf ein außerordentlich hohes Niveau.

Februar

© SRF
DER LETZTE SCHNEE
von Arno Camenisch
Regie: Geri Dillier
Komposition: Jul Dillier
Produktion: SRF
Länge: 49'09‘‘
Erstsendung: 15.02.2019
Die Begründung der Jury

In der Hörspielbearbeitung seines Romans „Der letzte Schnee“ beschreibt Arno Camenisch die Zwiegespräche der beiden Besitzer eines betagten Skischlepplifts, Paul und Georg, in der Einsamkeit des Bündnerlands in den Schweizer Alpen. Es sind die Zeiten des Klimawechsels, des immer öfter ausbleibenden Schnees, noch hat die Saison nicht wirklich begonnen. In den Dialogen, oft aber auch Monologen der beiden alten Hüter ihres Skischlepplifts entfaltet Arno Camenisch mit „Der letzte Schnee“ ein Endzeitstück, das niemals schwarzmalend daherkommt, sondern die Protagonisten immer in freundlicher, fast melancholischer Erwartung des Endes ihrer Bestimmung und damit auch der Schnee- und Skitradition ihres Bündner Landes beschreibt.

Camenisch nutzt den Kreislauf des endlos abspulenden Skilifts als Definitionsbereich für die Lebensläufe, als Metapher für die mäandernden Erfüllungswege und Erwartungen der beiden Protagonisten: ein trauerndes, aber nie deprimiertes Abschiednehmen vom geregelten Zieleinlauf ihrer Pläne, ihrer Illusionen, ein sich Erfreuen am Leben mit dem Ende vor Augen.

Mit den anekdotenreichen, zart ironischen Gesprächen der beiden Alten schafft Arno Camenisch ein fast meditatives Werk voller blitzend-lebenskluger Einsichten der beiden alpinen Philosophen - grandios gespielt von Ueli Jäggi und Stefan Kurt - und ihrem weiten, weisen Blick von ganz oben in die Täler der Realität. In sprachlich überaus poetischer Diktion bietet Camenisch über die Sicht seiner beiden knorrigen Protagonisten den Versuch einer Versöhnung mit den Veränderungen der Zukunft an. Die Musik von Jul Dillier unterstützt mit großartigen, äußerst einfachen, aber extrem wirksamen Statements eines einsamen Akkordeons die Melancholie des Textes, bleibt dabei aber immer der literarischen Struktur verpflichtet. Auch die Schlusssequenz von Arno Camenischs Hörspiel „Der letzte Schnee“ klingt nach dem ersten erschrockenen Wahrnehmen fast wie eine freundliche Tröstung: „Man will sich gar nicht ausmalen, was der Herrgott im Himmel als Nächstes bereithält. Wenn es hochkommt, beginnt er vermutlich noch, die Berge ins Tal zu stürzen und macht uns alle zu Staub.“ - „Der Tod kuriert uns vom Leben.“ - „Und wir stehen hier wie zwei Pajasse, parat für die nächsten fünfzig Jahre, was für ein komisches Los wir da gezogen haben.“ - „Da käme man glatt auf die Idee, zu den Narren zu halten - anstatt zu den Heiligen."

Januar

© C. Wittmann
AUDIO.SPACE.MACHINE
Ein Bauhaus-Konzeptalbum
von wittmann/zeitblom
Regie und Komposition: wittmann/zeitblom
Redaktion: Sabine Küchler
Produktion: Dlf/NDR/SWR in Zusammenarbeit mit IMF
Länge: 60'09‘‘
Erstsendung: 12.01.2019


tl_files/uploads/akademie/bilder/hoerspiel/2010/play.gif reinhören

Die Jury spricht eine lobende Erwähnung für das Hörspiel Der Reisende (NDR/ Bearbeitung und Regie Irene Schuck) nach dem gleichnamigen Roman von Ulrich Alexander Boschwitz aus: über hervorragende sprecherische Leistungen und in einer wirkungsvollen Balance zwischen Sprache und unterstützender akustischer Musik ermöglicht das Hörspiel einen Einblick in den beklemmenden Alltag der NS-Diktatur
Die Begründung der Jury

100 Jahre Bauhaus in Weimar – nur ein historisches Datum?

Das Autorenduo wittmann/zeitblom widerspricht.In ihrem Hörspiel Audio.Space.Machine mit dem Untertitel „Bauhaus-Konzeptalbum“ unterziehen die Autoren die Idee des Konzepts „Bauhaus“ einer radikalen Reflexion: In achtzehn Modulen und Fragestellungen entfalten wittmann/zeitblom die Vielschichtigkeit des „Bauhaus“-Stils und derjenigen Gegensatzpaare, für die er scheinbar bis heute steht: „Simplicity versus Complexity“, „Reduktion versus Abstraktion“, „Luxusbedarf versus Volksbedarf“, „Hat Kunst eine politische Dimension?“. Die Autoren stellen dabei die Frage: Was bedeutet „Bauhaus“ gerade in unserer heutigen digitalen Welt für die Individualität des Menschen? Über eine anregende Balance zwischen O-Tönen, rhythmisierten, grooveanimierten Textstrecken, Soundscapes, und erstaunlich experimentellen Spielelementen reflektieren wittmann/zeitblom die Ideologie des „Bauhaus“ in einer beeindruckend variablen Fülle der eingesetzten akustischen Mittel. In genussvoll-kulinarischen Sequenzen werden die ZuhörerInnen in das widersprüchliche Verhältnis zwischen Funktionalität und Individualität hineingezogen – durchaus auch mit dem wirksamen Mittel der Ironie.

Über die Methode einer künstlerischen Dialektik erreicht das Hörspiel auf diese Weise bei seinem Publikum eine neue, sich immer wieder selbst erneuernde Betrachtungsweise des Phänomens „Bauhaus“. „Audio.Space.Machine“ würdigt das Projekt „Bauhaus“ in dessen Jubiläumsjahr als Hörspiel in Form einer überaus lebendigen Klangarchitektur und bereitet damit große Lust, sich in dessen Komplexität zu vertiefen.