Hörspiel des Monats/Jahres 2019

Februar

© SRF
DER LETZTE SCHNEE
von Arno Camenisch
Regie: Geri Dillier
Komposition: Jul Dillier
Produktion: SRF
Länge: 49'09‘‘
Erstsendung: 15.02.2019
Die Begründung der Jury

In der Hörspielbearbeitung seines Romans „Der letzte Schnee“ beschreibt Arno Camenisch die Zwiegespräche der beiden Besitzer eines betagten Skischlepplifts, Paul und Georg, in der Einsamkeit des Bündnerlands in den Schweizer Alpen. Es sind die Zeiten des Klimawechsels, des immer öfter ausbleibenden Schnees, noch hat die Saison nicht wirklich begonnen. In den Dialogen, oft aber auch Monologen der beiden alten Hüter ihres Skischlepplifts entfaltet Arno Camenisch mit „Der letzte Schnee“ ein Endzeitstück, das niemals schwarzmalend daherkommt, sondern die Protagonisten immer in freundlicher, fast melancholischer Erwartung des Endes ihrer Bestimmung und damit auch der Schnee- und Skitradition ihres Bündner Landes beschreibt.

Camenisch nutzt den Kreislauf des endlos abspulenden Skilifts als Definitionsbereich für die Lebensläufe, als Metapher für die mäandernden Erfüllungswege und Erwartungen der beiden Protagonisten: ein trauerndes, aber nie deprimiertes Abschiednehmen vom geregelten Zieleinlauf ihrer Pläne, ihrer Illusionen, ein sich Erfreuen am Leben mit dem Ende vor Augen.

Mit den anekdotenreichen, zart ironischen Gesprächen der beiden Alten schafft Arno Camenisch ein fast meditatives Werk voller blitzend-lebenskluger Einsichten der beiden alpinen Philosophen - grandios gespielt von Ueli Jäggi und Stefan Kurt - und ihrem weiten, weisen Blick von ganz oben in die Täler der Realität. In sprachlich überaus poetischer Diktion bietet Camenisch über die Sicht seiner beiden knorrigen Protagonisten den Versuch einer Versöhnung mit den Veränderungen der Zukunft an. Die Musik von Jul Dillier unterstützt mit großartigen, äußerst einfachen, aber extrem wirksamen Statements eines einsamen Akkordeons die Melancholie des Textes, bleibt dabei aber immer der literarischen Struktur verpflichtet. Auch die Schlusssequenz von Arno Camenischs Hörspiel „Der letzte Schnee“ klingt nach dem ersten erschrockenen Wahrnehmen fast wie eine freundliche Tröstung: „Man will sich gar nicht ausmalen, was der Herrgott im Himmel als Nächstes bereithält. Wenn es hochkommt, beginnt er vermutlich noch, die Berge ins Tal zu stürzen und macht uns alle zu Staub.“ - „Der Tod kuriert uns vom Leben.“ - „Und wir stehen hier wie zwei Pajasse, parat für die nächsten fünfzig Jahre, was für ein komisches Los wir da gezogen haben.“ - „Da käme man glatt auf die Idee, zu den Narren zu halten - anstatt zu den Heiligen."

Januar

© C. Wittmann
AUDIO.SPACE.MACHINE
Ein Bauhaus-Konzeptalbum
von wittmann/zeitblom
Regie und Komposition: wittmann/zeitblom
Redaktion: Sabine Küchler
Produktion: Dlf/NDR/SWR in Zusammenarbeit mit IMF
Länge: 60'09‘‘
Erstsendung: 12.01.2019


tl_files/uploads/akademie/bilder/hoerspiel/2010/play.gif reinhören

Die Jury spricht eine lobende Erwähnung für das Hörspiel „Der Reisende“ (NDR/ Bearbeitung und Regie Irene Schuck) nach dem gleichnamigen Roman von Ulrich Alexander Boschwitz aus: über hervorragende sprecherische Leistungen und in einer wirkungsvollen Balance zwischen Sprache und unterstützender akustischer Musik ermöglicht das Hörspiel einen Einblick in den beklemmenden Alltag der NS-Diktatur
Die Begründung der Jury

100 Jahre Bauhaus in Weimar – nur ein historisches Datum?

Das Autorenduo wittmann/zeitblom widerspricht.In ihrem Hörspiel Audio.Space.Machine mit dem Untertitel „Bauhaus-Konzeptalbum“ unterziehen die Autoren die Idee des Konzepts „Bauhaus“ einer radikalen Reflexion: In achtzehn Modulen und Fragestellungen entfalten wittmann/zeitblom die Vielschichtigkeit des „Bauhaus“-Stils und derjenigen Gegensatzpaare, für die er scheinbar bis heute steht: „Simplicity versus Complexity“, „Reduktion versus Abstraktion“, „Luxusbedarf versus Volksbedarf“, „Hat Kunst eine politische Dimension?“. Die Autoren stellen dabei die Frage: Was bedeutet „Bauhaus“ gerade in unserer heutigen digitalen Welt für die Individualität des Menschen? Über eine anregende Balance zwischen O-Tönen, rhythmisierten, grooveanimierten Textstrecken, Soundscapes, und erstaunlich experimentellen Spielelementen reflektieren wittmann/zeitblom die Ideologie des „Bauhaus“ in einer beeindruckend variablen Fülle der eingesetzten akustischen Mittel. In genussvoll-kulinarischen Sequenzen werden die ZuhörerInnen in das widersprüchliche Verhältnis zwischen Funktionalität und Individualität hineingezogen – durchaus auch mit dem wirksamen Mittel der Ironie.

Über die Methode einer künstlerischen Dialektik erreicht das Hörspiel auf diese Weise bei seinem Publikum eine neue, sich immer wieder selbst erneuernde Betrachtungsweise des Phänomens „Bauhaus“. „Audio.Space.Machine“ würdigt das Projekt „Bauhaus“ in dessen Jubiläumsjahr als Hörspiel in Form einer überaus lebendigen Klangarchitektur und bereitet damit große Lust, sich in dessen Komplexität zu vertiefen.