Hörspiel des Monats/Jahres 2021

März

© NDR
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von Christine Nagel
Regie: Christine Nagel
Komposition/Sprachaufnahmen: Peter Ehwald
Gesang: Lauren Newton
Dramaturgie: Michael Becker
Produktion: NDR/DLF gefördert durch die Senatsverwaltung für Kultur und Europa
ESD: 10.03.
Länge: 54‘30‘‘


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Eine lobende Erwähnung geht an „Blackbird“, die Hörspieladaption des gleichnamigen Romans von Matthias Brandt in der Bearbeitung und Regie Leonhard Koppelmanns, das den Klang und die Stimmung der 1970er Jahre auf leichtfüßige Weise eingefangen hat.

Die Begründung der Jury

„Willkommen in der Welt der Sprachsynthese“: Die Radio-Moderatorin Marie nutzt Computer-Tools, um ihre persönliche KI-Stimme zu entwickeln. Das soll Zeit sparen im schnellen Rhythmus der digitalen Arbeitswelt. Aus Marie wird SIREN – Eine exakte Kopie ihrer Stimme. Doch was, wenn sich diese Stimme selbständig macht und eigenständige Entscheidungen trifft?

Ein Hörspiel über das Thema Stimme – Was naheliegend klingt, wurde doch bisher selten verwirklicht. Christine Nagel hat den Versuch gewagt. Ihre semidokumentarische Spurensuche nach dem markantesten Element des Radios eröffnet zugleich einen spannenden Blick in die digitale Welt von heute und morgen.

Bilden Person und Stimme eine unverbrüchliche Einheit und was bleibt von der eigenen Identität übrig, wenn sich die dazugehörige Stimme nur mehr aus Algorithmen speist? Philosophische Fragen, die Christine Nagel von verschiedenen Seiten beleuchtet und mit charmanten Details versieht. Wenn etwa Marie ihr digitales Ich mit Merseburger Zaubersprüchen überfordert. Oder ihre Seelenstimme, gesprochen von Ilse Ritter, so gar nichts mit der raumlosen KI-Stimme SIRENS anfangen kann.

Die Auswirkungen synthetischer Sprachprogrammierung und unendlicher Datenspeicherung auf Arbeit und Alltag sind vielfältig. Wird alles besser? Wird alles schlechter? Oder einfach nur anders? Christine Nagel vermeidet es uns eindeutige Antworten zu geben. Vielmehr zeigt sie durch die geschickte Verschränkung so vieler Bedeutungsebenen - von Philosophie, Hörspielkunst, Radiopraxis über Computertechnologie und Digitalität – die ungelösten Herausforderungen gegenwärtiger Entwicklungen auf.

Ein gelungenes Audio-Experiment über die Zukunft des Radios, dass zugleich eine tönende Hommage an die Geschichte des Hörspiels ist.

 

Februar

© Claudia Rorarius
WOANDERS
Ein Hörspiel in Auseinandersetzung mit Texten von Thomas Brasch
von Diana Näcke, Christina Runge, Masha Qrella
Regie: Diana Näcke, Christina Runge, Masha Qrella
Komposition: Masha Qrella
Dramaturgie: Barbara Gerland
Produktion: Deutschlandfunk Kultur
ESD: 24.02.
Länge: 50‘26


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Eine lobende Erwähnung geht an „Saal 101. Dokumentarhörspiel zum NSU-Prozess“ von Katarina Agathos, Julian Doepp, Katja Huber, Ulrich Lampen, das mit einer heute kaum mehr zu realisierenden, immensen Recherchekapazität und einem schlüssigen Konzept aus verschieden wahrnehmbaren Stimmen eines Stücks (nicht aufgezeichneter) Zeitgeschichte habhaft wird.

Die Begründung der Jury

Unser Hörspiel des Monats Februar ist: „Woanders“ Ein Hörspiel in Auseinandersetzung mit Texten von Thomas Brasch. Von Diana Näcke, Christina Runge und Masha Qrella

Thomas Brasch, der von der Geschichte zu Unrecht scheinbar verschluckte Schriftsteller, bekommt eine neue Chance. Zwanzig Jahre nach seinem Tod legt das Hörspiel „Woanders“ die in jedem einzelnen Wort seiner Dichtkunst gespeicherte Kraft frei. Dafür haben Diana Näcke, Christina Runge und Masha Qrella einen bemerkenswerten musikästhetischen Weg gewählt, der die Lyrik neu zum Leben erweckt: Thomas Brasch goes Techno (nicht nur).

Die Sätze hallen keineswegs wie Relikte aus einer fernen Vergangenheit nach, sondern treffen mit den Sounds der Berliner Sängerin Masha Qrella auf verblüffend geschmeidige Weise mitten hinein in gegenwärtige Befindlichkeiten und gesellschaftspolitische Fragestellungen (Sie hat daraus erfreulicherweise ein ganzes Album gemacht). Das ist einerseits einer konzisen Textauswahl geschuldet, die jeden Satz für uns Hörerinnen und Hörer fruchtbar macht. Denn auch wir sind Formen der Entpersonalisierung und Vereinsamung ausgesetzt, wie sie Brasch immer wieder thematisiert hat. Einmal heißt es: „Die Arbeit ist auch ein Mittel geworden, im Zeitalter der Automatisierung seine Zeit zu verbringen. (...) Mich interessiert ein arbeitsloses Land, durch das zwei Frauen reisen.

Andererseits glückt die Wiedererweckung dieser Literatur vor allem dank der musikalischen Erzählweise. In der strengen, aber leichthändig wirkenden Partitur stehen Braschs Texte in mehreren „Seinszuständen“ nebeneinander: als von Qrella gesprochenes Zitat, als von ihr, Andreas Bonkowski und Chris Imler vertonte Lyrik oder als Originalton Braschs aus dem Archiv. Sie spiegeln sich effektvoll ineinander. Die Arbeit gibt den Sätzen Raum - Raum, den Lyrik kaum je zugesprochen bekommt. 

Das Tonstudio und seine Geräusche sind dabei immer nur leicht aus der Ferne wahrnehmbar. Wir hören also ein vom Produktionsgrund emanzipiertes Hörspiel, das „woanders“ spielt, in einer ganz eigenen, unabhängigen und berückenden Tonwelt.

 

Januar

Foto Hendrik Quast
NAGELNEU
von Hendrik Quast und Maika Knoblich
Regie: Hendrik Quast und Maika Knoblich
Komposition: Katharina Stephan
Dramaturgie: Christina Hänsel
Produktion: WDR 2021
ESD: 25.01.2021
Länge: 30'33‘‘


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Das Hörspiel in voller Länge

Eine lobende Erwähnung geht an „Am Rande des Untergangs vergnügt sich das Kapital“ (DLF Kultur) von Joël László. Ein vielschichtiges Konzept, ein sehr aufwändig recherchiertes, poetisch politisches Manifest, das Sprach- und Klangkunst auf eine sehr eigenständige und kunstvolle Weise verbindet.

Die Begründung der Jury

Feilen, schleifen, kleben. Full covers, Stempel, French, Glitzer. Natur oder Kunstnagel? „Aber wenn du Natur willst, dann kannst du auch nur zu Hause rumsitzen. Brauchst du nicht hierherkommen.“

Dieses Hörspiel von Maika Knoblich und Hendrik Quast ist die Herzensentscheidung der Jury aus Wien für den Jänner 2021. Die Autoren haben mit ihrer Idee einen leichten und lustvollen Zugang zum Zuhören erdacht. Man lebt mit, riecht den Lack beim Trocknen, spürt die Feilen zwischen den Fingern, stellt sich hunderte Designs von fake nails vor und kann endlich das Mäuschen im Eck vom Hinterzimmer des Nagelstudios sein. Stellvertretend für alle Büroküchen, Besprechungszimmer oder Musikbackstage-Räume dieser Welt. Eine schmirgelnd raue, glitzernde Sound- und Dialogwelt, die in die Tiefe geht, um gleich wieder an der Oberfläche dahinzukratzen. Das ermöglicht ein verspieltes Ein- und Aussteigen. Kunstvoll gesetzte Pausen, die Platz zum Abdriften in eigene Gedankenwelten anbieten und gleichzeitig neugierig machen, wie es denn jetzt gleich weitergehen wird. Verhandelt werden Körperpflege, Kundenerziehung, aufgerissene Männer und Hochzeitsnägel, Krankheiten, Beziehungen, die eigenen Grenzen und vieles mehr. Der ganze Schönheitsbetrieb, der hier als Platzhalter für eine Vielzahl an Jobs und Arbeitssituationen steht, kann stellvertretend gleich im Nagelstudio besucht werden.