Preisverleihung am 14.03.2020 im Parktheater Bensheim

 

Wie die Jury am 16.12.2019 bekannt gab, ist die Trägerin des Eysoldtrings 2019 Sandra Hüller.

Die Jury unter dem Vorsitz von Barbara Frey mit Lisa-Katrina Mayer und Wolfram Koch, hat am 16. Dezember ihre Entscheidung bekannt gegeben. Der Gertrud-Eysoldt-Ring 2019 geht an Sandra Hüller für Ihre herausragende schauspielerische Leistung als Hamlet am Schauspielhaus Bochum.

Die Begründung der Jury:

„Was ist der Mensch?“ fragt Sandra Hüller als Hamlet auf der Bühne des Schauspielhaus Bochum in der Regie von Johan Simons. In ihr kühles Bewusstsein, dass es im menschlichen Dasein um mehr gehen müsse als um Schlafen und Essen, mischt sich eine Spur Trotz dagegen, sich diese Frage überhaupt stellen zu müssen. Der Trotz entstammt aber nicht einer infantilen Protesthaltung, sondern einer tiefen Melancholie: wie oft musste sie sich diese Frage schon stellen? Wie oft hat sie die ganze Menschheit gestellt? Warum ist die Frage unbeantwortet geblieben? In allem, was Sandra Hüller als Hamlet spielt, ist der Schmerz darüber spürbar, dass wir uns nicht selbst DENKEN können, unsern Beweggründen niemals verlässlich auf die Spur kommen. Wir können uns nur SPIELEN. Oder werden wir gespielt? Sandra Hüllers spielerische Virtuosität steckt in dem Umstand, dass sie den Hamlet - sowohl die Figur als auch das gesamte Stück - durch sich hindurchgehen lässt, als stünde sie zum ersten Mal auf einer Bühne und wisse gar nicht, wie man „spielt“. Damit berührt sie einen zentralen Punkt der elisabethanischen Lebens- und Weltauffassung: wir spielen, was wir sind, und wir sind, was wir spielen. Der Authentizitätsbegriff unserer geheimnislosen heutigen Welt ist nur eine Krücke, ein Trostpflaster auf die Wunde unserer Unfähigkeit, zu begreifen, dass es keine klare Grenze gibt zwischen Schein und Sein, zwischen Spiel und Ernst.

Sandra Hüllers leidenschaftliche und entschiedene Auseinandersetzung mit der Hamletfigur ist auch eine Auseinandersetzung mit der Bühnenkunst als solcher. Hüller bleibt sie selbst, indem sie den Hamlet spielt, und sie spielt sich selbst, indem sie Hamlet ist. Sie folgt den Spuren von Shakespeares Stoff, ohne jemals mit dem Staunen darüber aufzuhören, dass es gerade sie ist, die auserwählt wurde, sich mit uns und für uns auf die Suche zu begeben nach dem Komplex von Gewalt, Liebe, Zweifel, Traum und Tod. Ihre Verstrickung in das Drama ist eine wahrhaftige, keine hergestellte, und ihre Kunst besteht genau darin, diese im landläufigen Sinne zu verweigern. Sandra Hüller wendet keine Mittel an, ergreift keine Maßnahmen, sondern lässt sich gefangen nehmen. Und wir? Sind mitgefangen. Diese Komplizenschaft, die es so nur in der Jetzt-Zeit des gemeinsamen Erlebens von Theater gibt, zeigt das Ur-Paradox der Kunst: wirklich frei sind wir in ihr nur dort, wo wir uns gefangen nehmen lassen.

Sandra Hüllers großartiger Hamlet gibt uns die Möglichkeit, dies zu begreifen und es zuzulassen. Wir sind gerne ihre Mitgefangenen - denn sie ist eine von uns.

 

Foto W. Rappel

Rita Thiele, Chefdramaturgin und stellvertretende Intendantin am Deutschen Schauspielhaus Hamburg, hat als Jurorin des Kurt-Hübner-Regiepreises, Florian Fischer für seine Inszenierung „Operation Kamen“ am Staatsschauspiel Dresden in Kooperation mit dem Archa Theater Prag (Uraufführung am 20.10.2018) ausgezeichent.

Die Begründung:

„Operation Kamen“ thematisiert eine gleichnamige Aktion des tschechoslowakischen Geheimdienstes zwischen 1948 und 1951: Angebliche Schleuser animierten unter Verdacht stehende Oppositionelle zur Flucht und führten sie zu einem vermeintlich schon hinter der deutschen Grenze liegenden Posten, wo sie von Soldaten, die sich als Angehörige der US-Besatzungsmacht ausgaben, befragt wurden. Die Betroffenen denunzierten so unwissentlich sich selbst und ihr Umfeld – mit anschließender Verhaftung und zum Teil tödlichen Folgen.

Florian Fischers multidisziplinäre Arbeit dokumentiert nicht nur diese fatale, wenig bekannte Aktion des tschechoslowakischen Geheimdienstes in Zeiten des Kalten Krieges, sondern schafft es durch ihre eindrückliche und raffinierte Erzählform den Bogen zu unserer Gegenwart zu schlagen: So benutzt der Abend das historische Material, um auch bestürzend gegenwärtige Fragen nach der Manipulierbarkeit von Wahrnehmung, verschwimmenden Grenzen von Fakten und Fiktion, Wahrheit und Lüge zu stellen. Film, Sounddesign, professionelles Schauspiel und Arbeit mit Laiendarsteller*Innen werden in einer hochkomplexen Montage zusammengefügt, die auch das Publikum in einer immersiven akustischen Installation miteinbezieht. Die Inszenierung berührt durch die tragischen, sehr realen Lebensgeschichten und stellt gleichzeitig überaus kluge, aktuelle Fragen zum Thema Fake News und deren toxische Auswirkungen.

Florian Fischer wurde in Altötting geboren. Er studierte nach einem Studium der Philologie Theaterregie an der Otto-Falckenberg- Schule in München. Mit seinem Diplomprojekt „Der Fall M – Eine Psychatriegeschichte“ gewann er den Preis für junge Regie im Rahmen des europäischen Fast Forward Festivals. Sein Beschäftigungsfeld ist multidisziplinär und erweitert sich ständig: Dazu gehören Soundarbeiten wie Hörspiele, Installationen, Audiowalks, Lecture Performances sowie komplexe Inszenierungen.

Seit 2014 arbeitete er u.a. in Basel bei Andreas Beck, in München, am NT Gent und am Schauspielhaus Bochum bei Johan Simons, in Braunschweig, Mannheim und dem Wiener Schauspielhaus. Seine Inszenierungen waren auch auf Festivals in Salzburg, Sarajewo und Moskau zu sehen. 2019 wurde er mit „Operation Kamen“ zum dritten Mal zum Festival „Radikal Jung“ am Münchner Volkstheater eingeladen.

Die Preise werden am 14.03.2020 im Bensheimer Parktheater im Rahmen einer Festveranstaltung verliehen.